SZ-Serie "Die Seele des Vereins" (Folge 4) Die Botschafter Eichenaus

Dieter Berg, Magdalena Holzner und Werner Blab sind Vertreter eines Vereins, der in der Gemeinde kaum in Erscheinung tritt. Der Freundeskreis Wischgorod unterstützt die Partnerschaft mit der Stadt und dem Landkreis gleichen Namens in der Ukraine und setzt nach humanitären Hilfsaktionen in der Anfangszeit heute auf Kultur und Bildung

Von Erich C. Setzwein, Eichenau

Wenn in wenigen Wochen eine Delegation aus Eichenau ins ukrainische Wischgorod fährt und dort das 25. Jubiläum der kommunalen Partnerschaft feiert, dann möchte Werner Blab gerne dabei sein. Blab hat im Jahr 2000 aus einem seit 1992 bestehenden Freundeskreis, dem die Partnerschaft mit dem 20 Kilometer nördlich von Kiew gelegenen Wischgorod am Herzen liegt, einen Verein gemacht. Auch heute noch ist er, wie auch seine Nachfolgerin Magdalena Holzner, an den Aktivitäten interessiert, die mittlerweile von Dieter Berg organisiert werden. Der promovierte Diplom-Physiker, 76 Jahre alt und seit Längerem im Ruhestand, führt einen Eichenauer Verein, der in der Gemeinde selbst kaum aktiv ist. Dass es ihn gibt, merken die Eichenauer meist nur alle fünf Jahre, wenn es wieder ein Partnerschaftsjubiläum zu feiern gibt.

Bergs Vorgänger haben, zusammen mit der Gemeindeverwaltung und dem Partnerschaftsreferenten des Gemeinderates, die Beziehungen zu Wischgorod zu dem gemacht, wie sie heute sind: freundschaftlich und stabil. Zehn Jahre behielt Blab den Vorsitz, gab ihn dann an die ehemalige Rektorin der Josef-Dering-Schule, Magdalena Holzner ab, die das Amt zwei Jahre inne hatte. Ihr damaliger Stellvertreter, Dieter Berg, rückte dann auf und wurde Erster Vorsitzender. An ihm ist es nun, sich um den Verein zu kümmern und dessen Zukunft zu sichern: "Wir brauchen jüngere Leute", sagt Berg. Dass er dabei an Jüngere als er denkt, ist klar: "Die ganz Jungen haben keine Zeit, es wäre eine schöne Aufgabe für jemanden, der gerade in Rente gegangen ist und eine Beschäftigung sucht."

Werner Blab, Magdalena Holzner und Dieter Berg (v.l.) stützen die Partnerschaft Eichenaus mit Wischgorod.

(Foto: Johannes Simon)

Dieser Nachfolger würde noch einer Generation wie Berg angehören, die noch, ohne googeln zu müssen, über die Reaktorkatastrophe im ukrainischen Tschernobyl 1986 Bescheid wissen und die, eben wie Blab, Holzner und Berg, mitmenschliches Interesse haben.

Dieter Berg erlebte den Zerfall der Sowjetunion, die Übergangszeit und den Neuaufbau der Staaten, er untersuchte als Mitarbeiter der Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung (GSF) im Auftrag des damaligen Bundesumweltministers Klaus Töpfer in den Jahren von 1991 bis 1993 mit anderen Wissenschaftlern 100 000 Menschen, testete Boden- und Lebensmittelproben auf Strahlung. 1997 war Berg zum letzten Mal wissenschaftlich in Weißrussland, er besuchte auch die Ukraine.

Bereits fünf Jahre nach dem GAU in dem Atomkraftwerk Tschernobyl kamen die ersten Kinder aus dem nur 80 Kilometer von der Speerzone liegenden Wischgorod nach Eichenau zur Erholung, zwei Jahre später begannen die Beziehungen auf kommunalpolitischer Ebene, und es wurden Hilfstransporte organisiert. Unter oft abenteuerlichen Bedingungen, wie sich die langjährigen Mitglieder erinnern. Von 1994 bis 2004 fuhr jährlich einmal ein Konvoi Richtung Ukraine, es mussten Fahrzeuge und Fahrer organisiert, die vielen Spenden verpackt und verladen werden. Hauptsächlich medizinische Geräte, aber auch sterile Handschuhe oder Einmalspritzen wurden in medizinischen Einrichtungen in der Stadt und im Landkreis Wischgorod benötigt.

Besiegelten die Partnerschaft: Eichenaus früherer Bürgermeister Sebastian Niedermeier (Mitte) zusammen mit Wladimir Romanjuk (links) und Wischgorods Bürgermeister Andrei Martinschuk.

(Foto: Ortwin Scheider/Archiv Landratsamt Fürstenfeldbruck)

Im Mittelpunkt, daran halten Magdalena Holzner und Werner Blab fest, hätten immer die Kinder gestanden. So kam es, dass sich der Verein mit 48 Mitgliedern nach einem Besuch des Vorstand in Wischgorod zum Bau eines Kinderhauses entschloss. Die Verhältnisse, die Holzner damals vorfand, habe diese Entscheidung erzwungen. Das Waisenhaus sei in einem erbärmlichen Zustand gewesen, und als sich die Möglichkeit ergab, den Kindergarten einer Kolchose herzurichten, setzten Blab und Holzner auf die Spendenwilligkeit der Eichenauer. 2001 wurde das Vorhaben fertiggestellt, und Magdalena Holzner hat in dieser Zeit viel beim Hausbau in einem fremden Land dazugelernt. Heute ist sie froh, ein Heim mit 30 Plätzen geschaffen zu haben, in dem Kinder aus zerrütteten Familien, Kinder, die auf der Straße eingesammelt wurden oder Waisen für eine Zeit betreut werden können.

Die Kinderbetreuung in Eichenau, das Kinderhaus, die Lieferungen medizinischer Geräte und von Dingen des täglichen Bedarfs kennzeichnen einen Abschnitt in der Vereinsgeschichte, der 2011 zu Ende ging. Seither setzen Dieter Berg und seine Mitstreiter auf die "Bildungs- und Kulturschiene", wie sie es nennen. Deutschunterricht hat Magdalena Holzner ohnehin schon immer gegeben, wenn sie in die Wischgoroder Schulen eingeladen wurde. Holzner sagt, dass die jungen Menschen in Wischgorod geradezu begierig darauf seien, Deutsch zu lernen. Verbessere es doch ihre Aussichten, von einer der deutschen Firmen, die in der Ukraine ansässig sind, eingestellt zu werden.

Ausblick auf Wischgorod: Die Stadt am Dnjepr zeigt sich heute so grün wie ihre Partnergemeinde Eichenau, aber viel urbaner.

(Foto: Dieter Berg/oh)

Die Jugend orientiere sich gen Westen, alle wollten in die Europäische Union. Neuerdings gebe es gute Kontakte der ukrainischen Industrie- und Handelskammer mit Bayern. So eng geht es auch zwischen dem Eichenauer Verein und den Vertretern der Partnerschaft in Wischgorod zu. Mindestens einmal im Jahr treffe man sich mit der dortigen Verwaltung, die wert darauf lege, eingebunden zu sein. Dieter Berg war erst vor wenigen Wochen wieder einmal in der Stadt und erkundigte sich nach den Fortschritten.

Dabei gilt es als Besonderheit, dass Eichenau nicht nur mit der Stadt Wischgorod inzwischen ganz feste Bande geknüpft hat, sondern auch mit dem gleichnamigen Rayon, dem dortigen Landkreis. Dieter Berg hat bei seinem jüngsten Besuch festgestellt, dass es enorme Bautätigkeit gibt, vor allem für die vielen Flüchtlinge aus dem Donezk muss Wohnraum geschaffen werden. In einem Fall haben die Eichenauer auch schon mithelfen können und aus Spenden eine Wohnung vorfinanziert. Eine private Initiative, die sich über die Vereinsaktivitäten ergeben hatte.

Freundeskreis

Der Freundeskreis unterstützt die Städtepartnerschaft der Gemeinde Eichenau mit der Stadt und dem Landkreis Wischgorod seit den Anfängen von 25 Jahren. Dem mit 12 000 Einwohnern vergleichsweise kleinen Eichenau stehen die Stadt mit knapp 30 000 Einwohner und der Rayon mit nochmal etwa 70000 Einwohner gegenüber. Wie Eichenau Vorort von München ist, so liegt Wischgorod in der Nähe der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Der Fluss Dnjepr ist vor der Stadt und dem Rayon aufgestaut zu einem See und wird "Kiewer Meer" genannt, auf dem es das erste Formel-Eins-Rennen für Boote gab. Die Stadtverfügt über diverse Bildungseinrichtungen und weiterführenden Schule bis zum Gymnasium. Seit 1992 pflegen Eichenau und Wischgorod partnerschaftliche Beziehungen mit gegenseitigen Besuchen. Der Freundeskreis mit derzeit 48 Mitgliedern ist als Verein organisiert.ecs

Während Berg auf Eichenauer Seite den Verein vertritt, gibt es in Wischgorod keinen eigenen Partnerverein. "Das geht alles über persönliche Kontakte." Die zu halten, obliegt dem 76-Jährigen. Im August, wenn eine Delegation aus Eichenau nach Wischgorod fährt, wird Berg nicht dabei sein. Im Oktober kommt es dann zum Gegenbesuch der Delegation aus Wischgorod. Bis dahin soll es schon erste Planungen gehen, wie die kommunalen Beziehungen erweitert werden können. Im Jubiläumsjahr möchte Eichenau seiner Partnerstadt mit einem neuen Programm helfen. Jetzt geht es aber nicht mehr um die Strahlenbekämpfung, sonder um Energieeinsparung.