Joachim Herrmanns Überzeugung ist es, dass Demokratie Religion braucht. Das möge angesichts religiöser Anfeindungen, Auseinandersetzungen und Anschlägen auch in Deutschland für manchen verwunderlich klingen, räumte der bayerische Innenminister bei seiner Kanzelrede in der Pfarrkirche Sankt Georg in Aufkirchen ein. Er erinnerte daran, dass sich die Väter und Mütter des Grundgesetzes und der Bayerischen Verfassung auf ihre Verantwortung vor Gott beriefen und bewusst keinen laizistischen Staat wie in Frankreich begründen wollten. Nach dem Untergang des Unrechtsstaats der Nationalsozialisten und deren in einer Katastrophe endenden Abwendung von Gott und dessen Ersatz durch einen Führer sei der Aufbau der Nachkriegsdemokratie mit einer erneuten Hinwendung zu Gott verbunden worden.
Die Bedeutung von Religion für die Demokratie verband Herrmann, der gemeinsam mit Ministranten und Seelsorgern in die prächtige Bilderbuch-Barockkirche in dem Egenhofener Ortsteil einzog und im Altarraum im Chorgestühl Platz nahm, mit der im Grundgesetz garantierten Religionsfreiheit. Also mit mehr als Bayerntümelei oder Traditionspflege. Diese Freiheit schließe mit ein, dass nicht nur Christen nach ihrer Überzeugung leben dürften. Sie gelte gleichermaßen für alle anderen Glaubensrichtungen und für Atheisten. Toleranz und gegenseitiges Verständnis bezeichnete er als wichtiger denn je und warb dafür, diese Tugenden gegenüber anderen zu zeigen.
Unantastbare Würde eines jeden Menschen
Während Nationalismus und Fanatismus zu Gewalt führten, steht das christliche Menschenbild der Gottesebenbildlichkeit laut dem katholischen Politiker für die unantastbare Würde eines jeden Menschen. Wirke der Geist Gottes als Geist der Freiheit und des Friedens, „dann ist Religion ein festes Fundament unserer Demokratie“, beteuerte Herrmann. Und zwar unabhängig davon, ob ein Mensch religiös sei oder nicht. Wird Religion jedoch ausgeklammert, sei auf Dauer kein Frieden möglich, sagte der Innenminister. Deshalb plädierte er dafür, den Glauben respektvoll zu leben und anderen keinesfalls den eigenen Glauben „aufzudoktrinieren“.
In diesem Sinn verstandene Religion leiste einen wichtigen Beitrag zur Integration. Im Zusammenhang mit dem Hinweis auf die Bedeutung des interreligiösen Dialogs, den er selbst pflegt, erwähnte der Gast seine Rolle als für die Integration in Bayern verantwortlicher Innen- oder „Integrationsminister“. Ein solcher Dialog, bei dem niemand seine Überzeugungen aufgeben müsse, trage zum Miteinander bei und führe zu gegenseitiger Rücksichtnahme.
Eine Rede ohne Parteiwerbung
Nach Herrmanns Worten hilft ein besseres Verständnis des Fremden auch gegen Hass und Hetze in den sozialen Medien. Das christliche Erbe bezeichnete er als Antrieb, sich für die Verteidigung der Demokratie einzusetzen und Auswüchsen entgegenzuwirken. Aber er wies auch auf die Grenzen der Toleranz bei Antisemitismus oder der Ausrufung eines Kalifats hin. Gute Traditionen wie der Laternenumzug am Sankt-Martinstag sollten nicht der Umbenennung in ein Lichterfest geopfert werden, nur um niemanden zu provozieren. Der Redner appellierte an seine Zuhörer, als Christen dazu beizutragen, destruktive Tendenzen und das Spalterische in der Gesellschaft zu überwinden.
Bei einem Stehempfang im Pfarrstadl bot sich den Gottesdienstbesuchern die Möglichkeit, mit Herrmann über das Gehörte ins Gespräch zu kommen. So mancher zeigte sich erleichtert darüber, dass der Besuch sich wohlwollend von einer Parteiveranstaltung unterschied. Der Minister beschränkte sich darauf, einige persönliche Gedanken anzusprechen, die ihn beschäftigen. Das Wort CSU erwähnte er in seinem Vortrag kein einziges Mal.

