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Zugunglück:Die Nacht, in der D53 im Schneegestöber verunglückte

Unglück

Historische Bilder zeigen das Ausmaß der Verwüstung: völlig zerstörte, ineinandergedrückte Waggons. Insgesamt sterben bei dem Unglück etwa 30 Menschen.

(Foto: privat)

Vor 100 Jahren kam es zwischen München und Augsburg zu einer der schwersten Zugkollisionen der bayerischen Geschichte. Dutzende Menschen starben, die Schuldfrage ist bis heute ungeklärt.

Von Manfred Amann, Mammendorf

Vor 100 Jahren ereignete sich am Bahnhof Nannhofen das bis dahin schwerste Eisenbahnunglück der bayerischen Geschichte. Presseberichten zufolge waren 21 Personen sofort tot und von den 41 Verletzten starben weitere 16 in den Tagen darauf. Eine Zeitung schrieb damals: "Ein furchtbares Eisenbahnunglück, wie es in solchem Umfang die bayerische Unfallstatistik bisher noch nicht zu verzeichnen brauchte."

2005 wurde der Bahnhof Nannhofen in Mammendorf umbenannt. In einem Rückblick auf die Verhandlung über die Schuldfrage, den der Verband der Bayerischen Lokomotivführer später unter dem Titel "Das Eisenbahnunglück bei Nannhofen - vor Gericht und die Lehren daraus" als Handreichung für Stellwerker, Lokführer und hohe Bahnbeamte veröffentlichte und den Altbürgermeister Johann Thurner fürs Ortsarchiv sichern konnte, ist indes von 30 Toten und 80 schwer Verwundeten die Rede. Unter den Opfern waren viele Frontsoldaten, die auf dem Weg in den Heimaturlaub waren.

Aus den Zeitungsberichten, die Hans Pichler gesammelt und Hans Dobner für das Heimatbuch auswertet hat, geht hervor, dass am 18. April 1917 gegen 22 Uhr der von Straßburg kommende Militärsonderzug D 53 ohne Halt durch Nannhofen fahren sollte. Wie Zeugen bestätigten, herrschte an diesem Abend dichtes Schneegestöber. Kurz vor dem geplanten Eintreffen des Militärzuges war ein anderer Zug von München kommend in den Bahnhof eingefahren und gerade dabei, die Strecke durch Rangieren frei zu machen, als D 53 ungebremst und mit voller Geschwindigkeit in dessen Flanke raste. Wegen des Rangiervorganges hatte der Nannhofener Oberstellmeister seiner Aussage nach für den aus Richtung Haspelmoor kommenden D 53 das Einfahrsignal auf "Halt" gestellt.

Wegen des Schneetreibens hat der Lokomotivführer dieses Signal offenbar übersehen. Außerdem war er wohl davon ausgegangen, freie Durchfahrt zu haben. Denn laut Dienstvorschrift hatten während des Ersten Weltkrieges alle Militärzüge grundsätzlich Vorfahrt. Beim Zusammenprall durchtrennte der Militärzug die ersten vier Waggons des rangierenden Eilzuges geradezu, ein weiterer wurde aus dem Gleis gekippt. Von der Lokomotive des Militärzuges war die komplette Vorderachse abgerissen, sodass sich das Stahlross regelrecht in die Erde bohrte. Der Tender und der dahinter folgende Postwagen kippten ebenfalls. Überdies wurde der Packwagen von D 53 etwa bis zur Hälfte in den dahinter liegenden Personenwaggon hineingeschoben. Alle weiteren Wagen entgleisten. Ferner wird berichtet, dass der Führer des Zuges in der umgestürzten Lok eingeklemmt war und erst nach Stunden befreit werden konnte.

Wie Fotos von damals zeigen, bot die Unfallstelle in der Mitte des Bahnhofes ein grauenvolles Bild der Verwüstung. Die Gleise waren verbogen und ineinander verhakt, die gesamte Bahnhofsanlage völlig zerstört. Trotz des Schocks reagierten etliche Bürger und auch Unverletzte sofort und eilten den Schwerverwundeten umgehend zu Hilfe. Der Baron von Lotzbeck ließ die Geborgenen ins Schlosslazarett in Nannhofen bringen und von seinem Personal betreuen und pflegen, bis sie transportfähig waren.

Der König spendete 2000 Mark

Nach etwa zwei Stunden traf als erste Rettungsgruppe die Brucker Sanitätskolonie ein und von Augsburg und München kamen Rettungs- und Hilfszüge mit Ärzten und Sanitätspersonal, das auch half, die Toten zu bergen und in der Güterhalle aufzubahren sowie die Verwundeten in die städtischen Lazarette brachte. Baron von Lotzbeck und sein Personal hätten sich bei dem Hilfseinsatz große Verdienste erworben, war in den Tagen danach in den Zeitungen zu lesen. König Ludwig III. schickte den Oberzeremonienmeister seines Hofstaats, Graf Moy, zur Unglücksstätte und in die Krankenhäuser "um den Verletzten und den Angehörigen der Verunglückten seine herzliche Teilnahme zu bezeugen". Zur Linderung augenblicklicher Not wies der König zudem eine Spende von 2000 Mark an.

Unglück

Durch den ungebremsten Aufprall ist die Lok entgleist und umgekippt, genau wie die nachfolgenden Waggons.

(Foto: oh)

Bald nach dem Unglück wurde gegen den Lokomotivführer des Schnellzuges und gegen den Oberstellmeister Klage erhoben. Es wurden Sachverständigengutachten eingeholt und Zeugen befragt, die allesamt das Wetter mitverantwortlich machten. Einer der Gutachter stellte fest: "In jener Unglücksnacht herrschte Sturm mit starkem Schneetreiben, vermischt mit Regen, wodurch nicht allein die Ausguckfenster der Lokomotive, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach auch die Signalgläser verschneit wurden".

Ein anderer sah die Ursache der Katastrophe sogar unter anderem in der längst veralteten Technik der Signalanlagen sowie in den starken Belastungen der Bahnbediensteten aufgrund der anhaltenden Kriegswirren. Da es bei den Aussagen auch zu Widersprüchen kam, konnte die Schuldfrage nicht abschließend geklärt werden - die Angeklagten wurden frei gesprochen.

© SZ vom 21.04.2017/eca
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