Diagnose Zerebralparese Auflaufen mit der Nationalelf

Training, Training, Training: Marco Geisler spielt seit drei Jahren für Grün-Weiß-Gröbenzell, sein Herz schlägt aber auch für den FC Bayern.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Der halbseitig gelähmte Marco Geisler spielt Fußball bei Grün-Weiß Gröbenzell. Auch in die deutsche Auswahlmannschaft ist er schon berufen worden

Von Julius Nindl, Gröbenzell

Marco Geisler ist ein großer Fan von Robert Lewandowski. Der polnische Nationalspieler und Torjäger des FC Bayern München ist einer, der dem 19 Jahre alten Gröbenzeller imponiert. Marco Geisler möchte Fußball spielen können wie sein Vorbild, aber er weiß, dass er es nicht kann. Er ist halbseitig leicht gelähmt, sein Gehirn ist geschädigt durch eine besondere Art der Zerebralparese. Doch das hindert ihn nicht daran, im Trikot des Gröbenzeller Verein Grün-Weiß zu spielen - und das ziemlich erfolgreich.

Mit sechs Jahren hat Marco Geisler mit dem Fußballspiel in der damals gerade gegründeten Inklusionsmannschaft des SC Gröbenzell angefangen. Er war damals eines der ersten Kinder mit geistiger oder körperlicher Behinderung, die mit Kindern und Jugendlichen, die keine Einschränkungen haben, einmal in der Woche gemeinsam das Dribbeln und Flanken trainierten. Jeder eben so gut, wie er konnte. Leonard Drechsler, Assistenztrainer der Mannschaft, ergriff damals die Initiative und gründete mit der Unterstützung seiner Mutter die alternative Auswahl. War die Gruppe anfangs doch recht klein, so sind es mittlerweile um die 20 Spieler, die sich auf speziellen Turnieren mit anderen inklusiven Teams messen.

Seine Behinderung, die sogenannte Hemiparese, die er seit seiner Geburt hat, schränkt Marco Geisler in seiner Leistung ein. "Ich spiele nicht von Anfang an, meistens nur für 30 Minuten", erzählt der 19-Jährige. Trotz seiner körperlichen Einschränkung ist er seit drei Jahren fester Bestandteil der Gröbenzeller Mannschaft, zu der vom SC wechselte. Bei Sportklub Gröbenzell umkurvte er im Training die Slalomstangen, zeigte dort wie im Spiel, was er drauf hat, bevor er dann "einfach zu gut wurde", wie sein Trainer betont. Das Trainingspensum steigerte sich dann deutlich, als der 19-Jährige zum Nachbarverein Grün-Weiß wechselte und fortan in der Herrenauswahl am regulären Spielbetrieb des Bayerischen Fußballverbandes teilnahm.

Seit 2014 gibt es für junge Menschen mit Zerebralparese eine eigene Nationalmannschaft, die dem deutschen Dachverband für Behindertensport untersteht. Der ehemalige Bundesligaprofi Thomas Pfannkuch leitet die Auswahl zusammen mit einem Team aus Ärzten und Physiotherapeuten. Als der FC Grün-Weiß Gröbenzell vor zwei Jahren im Trainingslager in Bremen gastierte, musste Pfannkuch nicht zweimal hinschauen. "Man erkennt die Jungs sofort an ihrer Motorik", erzählt er über die Sichtungsmöglichkeiten von gehandicapten Spielern. So kam es, dass Marco Geisler neben dem Training bei seinem Heimatverein auch einmal im Monat zum Nationaltraining nach Braunschweig fährt. Ob er einen Unterschied zu herkömmlichen Trainingsmethoden ausmachen kann? "Nein", lautet die knappe Antwort des Trainers Pfannkuch, der gleichwohl aber an Leistung und Koordination angepasste Übungen hinweist.

Im Training und beim Spiel achten Trainer und Betreuer ganz genau auf die Spieler. "Wenn jemand einen plötzlichen Anfall hat, unterbrechen wir das Spiel natürlich", sagt der 20 Jahre alte Drechsler. Er weiß um das erhöhte Gesundheitsrisiko im Trainingsalltag und in der Wettkampfsituation, nicht zuletzt durch seine eigene epileptische Erkrankung. Ärzte stünden zwar nicht am Spielfeldrand bereit, allerdings seien die Eltern der Spieler oftmals die routinierteren Begleiter ihrer Schützlinge, Oder es seien Geschwister der gehandicapten Fußballer dabei, die Risiken abschätzen können.

Weniger mit Gesundheitsrisiken denn mit starken Gegnern hatte Marco Geisler vor wenigen Wochen zu tun, als er im Trikot der CP-Nationalmannschaft (CP steht für Zerebralparese) im dänischen Vejen beim Qualifikationsturnier für die Weltmeisterschaft der Zerebralparese-Sportler teilnahm. Zwei Wochen lang dauerte die Ausscheidung für den Wettbewerb im kommenden Jahr. Nachdem die ersten beiden Spiele gegen die Turnierfavoriten Iran und Nordirland verloren gegangen waren, erkämpfte sich die Mannschaft einen beachtlichen zehnten Platz. "Mehr war nicht drin", resümiert Trainer Pfannkuch, der trotzdem mit Stolz auf die zweijährige Entwicklung des Teams zurückblicken kann. "Der Iran trainiert ja auch acht Mal die Woche", so die Einschätzung von Marco Geisler, der seine Enttäuschung nur schwer verbergen kann.

Fußball mag zwar der Mittelpunkt in Geislers Leben sein, aber als Beruf lernt er Zerspanungsmechaniker. Diese Ausbildung will er im Frühjahr 2018 abschließen. Mittlerweile hat er die Symptome seiner Krankheit so gut im Griff, dass er auf Medikamente verzichten kann. Wenn dann noch der Bundestrainer der Nationalmannschaft voll des Lobes über seine erzielten Tore ist, kann Marco Geisler sein Handicap sogar ganz vergessen.

Das Training der Inklusionsmannschaft findet einmal in der Woche auf dem Gelände des SC Gröbenzell, Wildmoosstraße 36, statt. Weitere Informationen finden sich im Internet unter www.sc-fussball.de .