Süddeutsche Zeitung

Fürstenfeldbruck:Reise durch die Alltagserinnerungen

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Bei einer Museumsführung für Menschen mit Demenz werden die Teilnehmer an Geschichten aus ihrer Jugend erinnert - und haben viel zu erzählen.

Von Florian J. Haamann, Fürstenfeldbruck

Es ist wie eine echte Zeitreise: Museumspädagogin Doris Hefner verteilt Schiefertafeln und Griffel an die 15 Menschen, die vor ihr sitzen. Und schon nach wenigen Sekunden ist das charakteristische, in den Ohren schmerzende Kratzen zu hören. Allerdings ist es keine Schulklasse, die im Museum Fürstenfeldbruck von Hefner zum Diktat verdonnert wird, sondern eine ganz besondere Besuchergruppe, bei der die Tafeln Erinnerungen wecken sollen: an Demenz erkrankte Senioren und deren Begleiter. Zum ersten Mal seit der Pandemie bietet das Museum an diesem Donnerstagnachmittag zusammen mit dem Brucker Forum wieder eine speziell für diese Gruppe entwickelt Führung an.

Schauplatz ist die Abteilung "Leben um 1900" im zweiten Stock des Museums. Und auch, wenn die Teilnehmer selbst zu dieser Zeit noch nicht geboren waren, haben sie vieles von dem, was hier zu sehen ist, in ihrer Kindheit noch erlebt. Und genau darum geht es in der Führung: Durch Erinnerungen, vertraute Situationen, Gegenstände, Gefühle und Gerüche das Erinnerungsvermögen der Demenzerkrankten zu aktivieren und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Und das Konzept geht auf. Vor der Vitrine mit alten Schulutensilien erzählen einzelne Besucher von ihren Erinnerungen an die Schule, andere schreiben oder malen auf die Tafeln. Die Museumspädagogin Hefner, die eine Zusatzausbildung für Menschen mit Demenz absolviert hat, greift die Beiträge auf, erzählt eigene Geschichten, um Gespräche wo nötig in Gang zu bringen und bindet alle Anwesenden ein. Gerade schaut sie auf die Schiefertafel einer Frau, die eine kunstvolle Blume gezeichnet hat. "Hier wird gemalt, sehr schön. Die Blume sieht aus, als ob Sie viel gemalt haben." "Früher ja", antwortet die Frau, "aber ich habe aufgehört." "Warum?", möchte Hefner wissen. "Weil ich genug Bilder habe", lautet die Antwort und Hefner und die anderen Teilnehmer lachen herzlich.

Viele Erinnerungen weckt das alte Fahrrad in der Mitte des Raums, in der die Gruppe nun auf den Stühlen und Hockern Platz genommen hat. Hefner weißt auf den Holzstock hin, der unter dem Lenker steckt. Damit habe man früher die anrennenden Hunde vom Rad vertrieben. Das Stichwort "Hund" wiederum löst bei einem Teilnehmer eine Erinnerung aus und beginnt zu erzählen. Von seiner Jugend in der DDR, von dem einen Fahrrad, das sein Bruder für ihn und einen Nachbarsjungen irgendwie fahrtüchtig bekommen hat. "Einer ist immer ein paar Hundert Meter gefahren und hat das Rad dann an einem Baum abgestellt, der andere ist hinterher gelaufen und dann nächste Stück gefahren", erzählt er. Berührend auch, als er sich an seine beiden Hunde erinnert, die ihn als kleinen Jungen von der Försterei der Familie bis zur Straße begleitet haben. "Und die wussten genau, wann Schulschluss ist und haben mich jeden Tag abgeholt". Eines Tages seien sie allerdings nicht mehr aufgetaucht - eines der wenigen Autos, die dort vorbeikamen, habe beide überfahren.

Auch haptische Eindrücke und Gerüche können helfen, ins Gespräch zu kommen. Das zeigt sich, als Hefner vor der Schreinerpuppe in der Werkstatt kleine Lederstückchen an die Teilnehmer verteilt. "Riechen Sie mal und fühlen Sie". Was das denn sei, will sie wissen. "Lappen", lautet eine Antwort. "Und wie riecht es?" "Gut", "neutral", "nach Leder". Hefner gelingt dabei durchweg der Balanceakt, die Geschichten der Teilnehmer mit den Fakten und Informationen zu verbinden, die sie bei der Führung vermitteln will.

So gibt es beim Schuster allerhand Wissenswertes über das alte Handwerk zu erfahren, über die Leisten, um die herum er die Schuhe geformt hat, die große Nähmaschine, mit der damals gearbeitet worden ist. Und eben auch, dass ein Besucher früher seine Schuhe immer zu einem mobilen Schuster gebracht hat und ein anderer in seiner Kindheit im Bayerischen Wald lange mit Holzschulen die vier Kilometer bis in die Schule laufen musste.

Und so bekommt man während dieser wirklich besonderen Museumsführung ein Gefühl dafür, wie wichtig solche Angebote sind für die Betroffenen und auch die Angehörigen sind. Weil sie für eine Stunde noch einmal viel erleben können, lachen, entdecken. Am Ende sind auch Hefner und Anette Koller vom Brucker Forum mehr als zufrieden - und sich schnell einig, dass es bald wieder eine Führung für Demenzerkrankte geben soll.

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