Gesundheit„Dann fliegt halt die Gabel“

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Wo soll ich denn jetzt malen? Inna Zavhorodnia versucht ein Oval nachzufahren. Die Hände oben rechts sind tatsächlich ihre, die sie im Spiegel sieht. Der Kasten ist Teil des Demenzparcours, mit dem die Germeringer Insel Verständnis wecken will für Erkrankte.
Wo soll ich denn jetzt malen? Inna Zavhorodnia versucht ein Oval nachzufahren. Die Hände oben rechts sind tatsächlich ihre, die sie im Spiegel sieht. Der Kasten ist Teil des Demenzparcours, mit dem die Germeringer Insel Verständnis wecken will für Erkrankte. (Foto: Niels P. Jørgensen)

Mit einem Demenz-Parcours will die Fachstelle für pflegende Angehörige in Germering Verständnis für Erkrankte wecken. Warum man viel Geduld braucht und es wichtig ist, sich rechtzeitig helfen zu lassen.

Von Ingrid Hügenell, Germering

Die Aufgabe klingt ganz einfach: Mit einem Stift ein Oval nachfahren, egal ob mit oder gegen den Uhrzeigersinn. Aber die Autorin als Versuchsperson bekommt es einfach nicht hin. Nach oben und unten gehen die Striche, nicht nach links oder rechts. Das Ergebnis: Gekrakel. Das liegt an dem Spiegel, durch den man auf die Malvorlage schaut. Er vertauscht nicht nur links und rechts, sondern auch oben und unten. Keine Chance; man weiß wieder, warum man nie Zahnarzt werden wollte. Wobei, der Fotograf macht es ganz gut, und die 18-jährige Praktikantin hat gar kein Problem mit dem Oval.

Ist man also doch schon dement? Nein, zum Glück nicht. Der Demenz-Parcours in der Germeringer Insel ist auch kein Test. Er soll vielmehr zeigen, wie man sich fühlt, wenn man eigentlich einfache Aufgaben nicht (mehr) schafft. Das gelingt gut. Das vermaledeite Oval kratzt schon an der Ehre. Melanie Schillert, 55, Leiterin der Fachstelle für pflegende Angehörige bei der Germeringer Insel, nickt und lächelt bei der Ankündigung, dass womöglich vor lauter Frust gleich der Stift durchs Zimmer fliegt. „Bei Menschen mit Demenz fliegt halt die Gabel, wenn sie den Kuchen nicht essen können, weil sie nicht mehr wissen, wie und wofür man eine Gabel verwendet“, sagt sie.

Die meisten Aufgaben des Parcours lassen sich mit viel Konzentration bewältigen. Ebenso viel Konzentration brauchen Menschen mit Demenz bei ganz alltäglichen Verrichtungen, erklärt die Fachfrau – sehr anstrengend und frustrierend. Drei typische Reaktionen darauf nennt sie: zunächst Flucht. Das sind die Leute, die immer in Bewegung sind, weglaufen wollen. Wut – die Menschen werden aggressiv, weil immer weniger so klappt, wie sie es gewohnt sind. „Das ist Verteidigung“, erklärt Schillert. Und Apathie, Menschen, die nur noch herumsitzen, auf nichts mehr reagieren. „Das ist wie Totstellen.“

Die Fähigkeiten schwinden

Wie man sich verhält, wenn die kognitiven Fähigkeiten schwinden, sei Typsache. Für alle, die mit Betroffenen zu tun haben, heißt das: Sie brauchen viel Geduld, was leichter fällt, wenn man wenigstens ungefähr nachvollziehen kann, wie sich die Erkrankung anfühlt.„Am Anfang merkt man ja noch, dass die Fähigkeiten schwinden“, erklärt die Sozialpädagogin. Ihr Rat: bald zum Arzt gehen, auch wenn es schwerfällt. Neurologe oder Psychiater seien die richtige Anlaufstelle, sagt die Expertin, nicht der Hausarzt.

Sie rät schon aus einem einfachen Grund dazu, Symptome medizinisch abklären zu lassen: Es gibt Ursachen, die man beheben kann. Sie zählt auf: Depressionen, die medikamentös meist gut zu behandeln sind. Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes, die ebenfalls behandelbar sind. Auch wer zu wenig trinkt, einen Vitamin- oder Hormonmangel hat oder Schlaf- und Beruhigungsmittel nimmt, kann entsprechende Symptome zeigen. Das meiste lässt sich relativ einfach beheben. Und auch wenn das nur in wenigen Fällen zutreffe, lohne sich die Untersuchung.

Tetjana Leinweber (von links) und Inna Zavhorodnia versuchen sich an einer weiteren Aufgabe: Die Hände in bestimmten Stellungen halten.  Melanie Schillert (rechts) erklärt, wo die Schwierigkeit ist.
Tetjana Leinweber (von links) und Inna Zavhorodnia versuchen sich an einer weiteren Aufgabe: Die Hände in bestimmten Stellungen halten.  Melanie Schillert (rechts) erklärt, wo die Schwierigkeit ist. (Foto: Niels P. Jørgensen)

Heilbar ist momentan noch keine der zahlreichen Formen der Demenz. Doch verlangsamen kann man den Fortgang. Und es gibt einiges, was vorbeugend hilft. „Gut hören und sehen“ nennt Schillert an erster Stelle. „Nicht hören heißt nicht teilnehmen.“ Soziale Kontakte, sei es in der Familie, mit Freunden oder in der Arbeit, hätten jedoch eine große Schutzfunktion. „Wir brauchen Menschen um uns herum. Wir sind ja soziale Wesen“, erklärt die Sozialpädagogin.

Also sei es wichtig, alle Hilfsmittel zu nutzen, die Teilhabe erlauben: Hörgeräte, Brille, auch einen Rollator, der es ermöglicht, unter die Leute zu gehen. Präventiv helfe auch Sport, überhaupt Bewegung. Stress hingegen ist schlecht, ebenso wie Alkohol, der als Zellgift auch das Gehirn schädigt.

Mit viel Konzentration zu schaffen: Aufgaben des Demenzprcours.
Mit viel Konzentration zu schaffen: Aufgaben des Demenzprcours. (Foto: Niels P. Jørgensen)

Einen weiteren Rat hat Schillert für Ehepartner, Kinder oder andere Angehörige, die Menschen mit Demenz pflegen: Sie sollen sich Hilfe holen, und das, bevor sie selbst ausgebrannt sind. „Das kann man nicht alleine schultern“, sagt die Sozialpädagogin. Entlastung könnten Familienangehörige oder Freunde bieten, aber natürlich auch externe Profis. Denn: „Niemand kann 24/7 das ganze Jahr einen Menschen pflegen. Da läuft man Gefahr, selbst psychisch und körperlich zu erkranken.“

Angebote der Entlastung

Und es gebe Angebote zur Entlastung. In Germering sind das etwa die Tagespflege des Caritas-Hauses Don Bosco und des Sozialdienstes. Manche Betroffene bräuchten dort eine Eingewöhnungsphase, wie Kinder im Kindergarten. Schillert ermutigt Angehörige, es wieder zu versuchen, auch wenn der Demenzerkrankte beim ersten Mal nicht bleiben will.

„Viele Menschen haben das Gefühl, sie müssten es alleine schaffen“, weiß die Sozialpädagogin. „Aber niemand muss es alleine schaffen. Wenn ich weiß, der Angehörige ist in Profihänden, kann ich mal einen Tag durchschnaufen.“ Denn viele Demenzerkrankte könne man gar nicht alleine lassen, nicht einmal, um selbst zum Arzt, zum Friseur oder einfach mit Freundinnen ins Café zu gehen. „Da kann man sich auch nicht entspannen, weil man immer Angst hat, was der Demenzerkrankte zu Hause wohl macht.“ Und selbst einmal durchschnaufen wollen, das sei ein ganz legitimes Bedürfnis.

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