bedeckt München 32°

Debatte:Von allen Menschen und Gott verlassen

Die MHG-Studie

Die "MHG-Studie" zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche ist benannt nach den Orten der Universitäten des beteiligten Forschungskonsortiums: Mannheim, Heidelberg und Gießen. Die im Jahr 2018 veröffentlichte MHG-Studie ist ein interdisziplinäres Forschungsprojekt mit dem Titel "Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz". Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich auf die Jahre von 1946 bis 2014. Für die Studie wurden mehr als 38 000 Personalakten überprüft, das sind etwa vier Prozent aller Kirchenmitarbeiter. Das sei allerdings nur die Spitze des Eisberges, viele Akten seien vernichtet worden. Die Studie geht deshalb von einer Dunkelziffer aus, die zwischen dem acht- und achtzigfachen liegt. Pro Beschuldigtem gebe es knapp vier Betroffene. Nach der Meldung eines Vorfalls vergingen durchschnittlich 22 Jahre, bis es zu einem kirchenrechtlichen Verfahren komme. Die Studie empfiehlt deshalb, dringend schnellere Verfahren und Sanktionen gegen Täter einzuleiten. Statistisch gesehen ist die Zahl der von Klerikern missbrauchten Jungen deutlich höher als die der Mädchen. In knapp 63 Prozent der Fälle waren die Opfer männlich, in knapp 35 Prozent weiblich. Beim Rest ist das Geschlecht unbekannt. Die Studie kommt auch zu dem Schluss, dass 14 bis 19 Prozent der Beschuldigten homosexuell sind.

Drei Viertel aller Betroffenen, so die Studie, standen mit den Beschuldigten in einer kirchlichen oder seelsorgerischen Beziehung, etwa über den Ministrantendienst, den Religionsunterricht, die Erstkommunions- oder Firmungsvorbereitung, Katechese oder allgemeine Seelsorge. Durchschnittlich zogen sich die Missbräuche über einen Zeitraum von knapp 23 Monaten.

Allein 2018 haben sich 216 000 Menschen von der katholischen und 220 000 von der evangelischen Kirche abgewandt. BRFA

Bei einer Diskussion zum Thema sexueller Missbrauch in den Kirchen erzählen Betroffene und Experten von ihren Erfahrungen. Im Landkreis seien keine Fälle bekannt, sagen die beiden Dekane

Von Fabiana Braunstorfer, Fürstenfeldbruck

"Gewiss kein schönes, aber ein unumgängliches Thema": So leitet Helmut Schnieringer den Abend ein. Verhältnismäßig überschaubar ist dabei das Publikum, das sich im Pfarrheim Sankt Bernhard eingefunden hat. Jemand kommentiert, er sei schon verwundert über die geringe Zahl der Zuhörer. Sexueller Missbrauch sei ja der Hauptgrund der Kirchenaustritte. Denn genau darum geht es die kommenden zwei Stunden - um den sexuellen Missbrauch in der Kirche und um die Konsequenzen für Opfer und die Kirche. Als Sprecherinnen sind Barbara Haslbeck und Erika Kestner von der Initiative "Gottessuche" gekommen.

Haslbeck fasst zunächst die wichtigsten Erkenntnisse aktueller Studien zusammen. Das Thema Missbrauch könne nicht mehr von der Kirchenagenda verschwinden. Einen solchen Abend zu veranstalten, das sei dennoch mutig, lobt sie das Brucker Forum. "Das war so im Erzbistum Freising früher nicht möglich." Erika Kestner möchte mit ihrem Vortrag die Sicht der Opfer beschreiben. Sie kennt durch ihre Tätigkeiten in der Initiative mehr als 600 Menschen, die sexuellen Missbrauch erfahren haben - so wie Kestner selbst. Man fühle sich "von allen Menschen und auch von Gott verlassen", sagt sie. Opfer seien vor, während und nach den Missbrauchstaten sozial isoliert. "Täter suchen sich Opfer, die niemanden zum Reden haben. Manchmal sind die Täter die einzigen, die sich dem Opfer überhaupt zuwenden." Nach solchen Erfahrungen stellten sich dann viele Opfer die Frage, ob es ein Fehler war, überhaupt jemandem zu vertrauen. Später sei die Kommunikation der Geschehnisse oft nicht leichter. Dann herrsche Angst vor Familienkonflikten oder Aussagen wie: "Unser Pfarrer tut so etwas nicht". Sie seien schließlich Stellvertreter Christi. Die Isolation führe zu einer "Flucht nach Innen" und zu psychogenen Amnesien. Aufgrund der Traumata sei für viele ein normales Leben mit Familie und Arbeit kaum möglich.

Eine junge Zuhörerin meldet sich. Als Betroffene habe sie die Reaktionen anderer teilweise "seelisch schmerzhafter" als den Missbrauch selbst empfunden. An der Kommunikation müsse sich etwas ändern.

Die sogenannte "MHG"-Studie empfiehlt laut Haslbeck der Kirche, mehr wichtige Positionen mit Frauen zu besetzen. Dadurch könne man die Spirale des Schweigens unterbrechen. Es sei bedauerlicherweise auch "noch nicht selbstverständlich", dass man mit Betroffenen darüber spreche, wie es mit den Tätern weitergehe. Insgesamt solle man auch Prozesse beschleunigen, etwa schneller Verfahren und Sanktionen gegen Täter einleiten. Denn es würden nach der ersten Tat durchschnittlich 22 Jahre vergehen, bis es zu einem kirchenrechtlichen Verfahren kommt. Bei dieser Zahl geht ein Raunen durchs Publikum. Eine junge Frau aus dem Publikum meldet sich. Es sei "schockierend, dass so viele Täter einfach versetzt werden." Trotz der kleinen Anzahl an Besucher, gibt es "viel Betroffenheit im Raum", kommentiert Haslbeck später. Das liege wohl an Kestners persönlichen Beschreibungen.

Weder in der evangelischen noch der katholischen Kirche Fürstenfeldbruck soll es Missbrauchsfälle gegeben haben. Ansonsten hätte er davon erfahren, sagt der evangelische Dekan Markus Ambrosy. Für diesen Fall habe die evangelische Kirche eine Art neutrale "Task Force mit einer Juristin". Auch Martin Bickl, katholischer Dekan von Fürstenfeldbruck, weiß von keinen verifizierbaren Anschuldigungen. Doch man würde Arbeitsweisen hinterfragen, es herrsche Verunsicherung: "Nähe ist etwas Komisches geworden, aber in der Seelsorge etwas sehr wichtiges." Haslbeck hält die Veränderungen in der Kirche für etwas Positives und Anhaltendes. "Ich erlebe Dynamik."

© SZ vom 14.10.2019
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB