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Covid-19:Testen oder nicht testen

Der Landrat hält Corona-Reihentests in Flüchtlingsunterkünften für sinnlos, der Puchheimer Bürgermeister fordert sie ein

Wenn sich Asylbewerber aus den Unterkünften des Landkreises mit dem Coronavirus infizieren, werden die übrigen Bewohner, die keine Symptome zeigen, nicht getestet. Das erzeugt Unmut. Ehrenamtliche Helfer warnten vor Hotspots, der Puchheimer Bürgermeister Norbert Seidl (SPD) hält das für falsch. Landrat Thomas Karmasin (CSU) verweist hingegen auf die Vorgaben des Robert-Koch-Instituts (RKI).

Die Weltgesundheitsorganisation hat wiederholt dazu aufgefordert, ebenso Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach: Testen, testen, testen, lautet das Motto. Als die ersten Flüchtlinge sich in den Unterkünften in Bruck, Maisach und Puchheim infizierten, forderten Asylhelfer, alle Bewohner in den Unterkünften zu testen. Die Menschen dort müssten so eng aufeinander leben, dass Abstandsregeln nicht eingehalten werden könnten, was die Ausbreitung des Virus begünstige. Insgesamt haben sich in den Unterkünften, die das Landratsamt verwaltet, 63 Personen infiziert, die inzwischen alle wieder als genesen gelten.

Das Brucker Gesundheitsamt erklärte zu der Frage mehrfach, dass Tests von Personen, die keine Symptome zeigten, medizinisch nicht sinnvoll seien. Die Ergebnisse wären nur eine Momentaufnahme und könnten Menschen eine falsche Sicherheit vorspiegeln. Der Befund könne sich schon nach Stunden ändern, oft noch bevor das Testergebnis vorliegt, äußerte der Landrat in den sozialen Medien. Eine Person kann das Virus zwar aufgenommen haben, aber der Test schlägt nicht an, weil die Menge der Viren noch zu gering ist. Diese Leute seien "inkubiert, aber noch nicht infiziert und ansteckend", erklärt Ines Roellecke, Sprecherin des Landratsamtes

Karmasin bezieht sich auf die Einschätzung des RKI, wonach Reihentests ohne Anhaltspunkte und Symptome sinnlos seien. Vor einigen Tagen schrieb der Landrat deshalb in den sozialen Medien, er halte die Tests im Brucker Schlachthof für "besonders fragwürdig", weil diese Metzger ja nicht, "wie in Großschlachthöfen, auf engstem Raum zusammenleben, sondern von daheim anreisen". Wäre es sinnvoll, alle Menschen zu testen, die relativ eng zusammenleben, "müsste man in der Tat Saisonarbeiter, etwa in der Landwirtschaft oder auf Großbaustellen, Flüchtlingsunterkünfte, Soldatenunterkünfte etc. etc. untersuchen". Seiner persönlichen Meinung nach scheine man bei dem Test im Brucker Schlachthof durch das Gesundheitsamt eher "dem Geschrei interessierter Kreise nachgegeben zu haben". Aber als Behörde habe man den "sicher rein wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen höherer Stellen brav Folge geleistet".

Seidl hingegen verweist darauf, dass die Regierung mehr Tests haben will, etwa von Lehrern und Erziehern. Der Puchheimer Bürgermeister spricht von "Unstimmigkeiten". Er findet, alle Bewohner einer Flüchtlingsunterkunft sollten getestet werden, sobald ein Fall auftritt. Auf diese Weise könnte man den aktuellen Zustand erheben und Handlungsbedarf feststellen. Er habe das in der Bürgermeisterdienstbesprechung auch angemahnt. "Man muss in den Unterkünften einfach aktiver sein", fordert Seidl. Zumal die Schnelltests ja auch nicht so teuer seien. In Puchheim habe man alle Mitarbeiter des Rathauses sowie der Feuerwehren getestet.

Inzwischen hat der Bundesgesundheitsminister eine neue Verordnung erlassen, wonach die Versicherungen bezahlen müssen, sofern ein Test auf Anordnung des öffentlichen Gesundheitsdienstes vorgenommen wird. Getestet werden sollen nun alle Kontaktpersonen, nicht nur wie bisher bloß diejenigen, die Symptome zeigen. Außerdem kann man Menschen ohne Symptome testen, etwa um eine Ausbreitung des Virus zu vermeiden. Auch Flüchtlinge in Unterkünften seien mit der Verordnung gemeint, sagt Roellecke. Unklar sei aber immer noch, ob alle Bewohner getestet werden müssen, wenn sich eine Person infiziert. Solche Details müssten die Landesgesundheitsbehörden auf der Grundlage der neuen Verordnung ausarbeiten.

Grundsätzlich werde abgewogen: Ist es wichtiger, Infizierte, die keine Symptome zeigten, ausfindig zu machen, oder wiegen die Schwächen einer Momentaufnahme schwerer? Für die Zurückhaltung spreche, dass es bisher keine Ausbrüche in den Unterkünften gab. "Das Verfahren hat funktioniert", sagt Roellecke. In den vergangenen Tagen seien unter den Flüchtlingen auch keine neuen Infektionen aufgetreten. Aber das ist eine Momentaufnahme.

© SZ vom 13.06.2020

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