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Homeschooling:Mathe-Nachhilfe für die Eltern

Schulunterricht

An ihren Mathe-Unterricht erinnern sich viele Eltern mit Schrecken. Trotzdem müssen sie dem Nachwuchs jetzt bei den Aufgaben helfen.

(Foto: picture alliance / Julian Strate)

Der pensionierte Pädagoge Christoph Hammer hat eine Webseite für überforderte Väter und Mütter eingerichtet. Erklärt wird, wozu die meisten Anfragen kommen.

Die Corona-Pandemie hat viele Eltern unfreiwillig zu Ersatzlehrern gemacht. Eine anspruchsvolle Aufgabe, schließlich hat der Großteil kein Lehramtsstudium durchlaufen. Und gerade beim oft verschmähten Fach Mathematik stößt der ein oder andere sicherlich an seine Grenzen, seinen Kindern helfen zu können. Für dieses Problem schafft der Fürstenfeldbrucker Christoph Hammer mit seinem kostenlosen Online-Projekt "Mathe für Eltern" Abhilfe. Der 67-jährige ist ehemaliger Mathe-Lehrer und Hochschuldozent. Mit der Webseite will er Eltern eine Hilfestellung geben, ihre Kinder für Mathematik zu begeistern, wie er selbst sagt. Der Schlüssel hierfür: mathematische Strukturen zu verstehen, nicht nur zu lösen.

"Bei klassischer Nachhilfe geht es um ganz bestimmte Aufgaben in Übungsblättern und Büchern, die es zu lösen gilt. Ich nenne das immer etwas despektierlich 'rezeptorientiert'. Man nehme folgende Zutaten, mixt und bekommt ein bestimmtes Ergebnis", sagt Hammer. Er gibt ein Beispiel: "Die quadratische Formel benutzt niemand. Das Lösen ist nicht wichtig. Entscheidend ist: Was steckt dahinter?" Ihm geht es nach eigener Aussage darum, dass Eltern und Kinder die logischen Zusammenhänge solch einer Formel herausfinden. Seine Auffassung von Matheunterricht sei "mit der Grund, warum ich an die Hochschule geholt wurde", sagt Hammer. "Mein Ziel ist es, Freude an der Mathematik zu vermitteln. Bei den Eltern ein positives Verhältnis dazu herzustellen."

Nachhilfe

Mathe-fuer-eltern.de - so heißt die Website, die der pensionierte Pädagoge Christoph Hammer eingerichtet hat.

(Foto: Privat)

Gerade in der Corona-Pandemie müssen Eltern parallel zu ihren sonstigen Aufgaben auch noch die Rolle des Schullehrers einnehmen. Um dem eigenen Kind helfen zu können, muss ein Elternteil das Thema erst einmal selbst verstehen. "Viele Eltern sagen: 'Wenn du in Mathe eine Vier hast, macht das nichts, ich hatte selber Schwierigkeiten.'", sagt Hammer. Das Problem hierbei: Wenn die Eltern sich für Mathematik nicht motivieren könnten, falle es auch den Kindern schwerer. "Das ist ein Punkt, gegen den ich ankämpfen möchte", sagt der Mathe-Experte. "Der Mut, sich dran zu wagen, ist die erste Hürde." Wie Hammer sagt, arbeitet er seit einem halben Jahr an einem Buch mit dem Titel "Mathe für Eltern". Die Corona-Pandemie sei für ihn der Anstoß gewesen, eine Website einzurichten, die den Eltern sofort helfe. Der Bedarf sei wegen der Corona-Pandemie größer als sonst. Das Problem sei aber auch abseits dieser Krise präsent.

Auf seiner Website stellt Hammer mit Hilfe von Texten, Grafiken und Audio-Erklärungen verschiedene mathematische Themenfelder vor. Wenn das gesuchte Thema noch nicht vorhanden ist oder zu diesem eine spezielle Frage besteht, könnten Eltern ihm einfach eine E-Mail schreiben oder einen Termin mit ihm für einen Video-Chat ausmachen. Untergliedert sind die Themen in verschiedene Jahrgangsstufen. Bisher sind vier Themen von der sechsten bis zur achten Klasse online. Weitere Jahrgangsstufen sollten folgen, sagt Hammer. Prinzipiell seien Themen von der ersten bis zur zwölften Klasse möglich. Sein Fokus sei jedoch die fünfte bis zehnte Klasse. Gerade ältere Schüler würden Mathe weniger zusammen mit den Eltern lernen, schätzt er. Drei der Themen habe er anhand dessen ausgewählt, was ehemalige Kollegen an seiner alten Schule behandelten. "Das wären schöne Beispiele, an denen man verstehen kann, um was es geht."

Ganz grundsätzlich erklärt er zum Beispiel das Rechnen mit ganzen Zahlen oder Flächeninhalt und Volumen. Letzteres erklärt Hammer beispielsweise mit einem großen Würfel. Jede Würfelseite ist aus drei kleinen Würfeln zusammengesetzt. Er wirft die Frage auf, wie viele kleine Würfel in dem großen stecken. Die Antwort veranschaulicht Hammer, indem er die jeweils oberste Etage des Würfels Stück für Stück abbaut. Dabei zeigt er auf, aus wie vielen kleinen Würfeln die einzelnen Etagen bestehen. So schafft er visuellein Verständnis dafür, wie sich Volumen zusammensetzt. Es sei auch wichtig, zu sehen, wie etwas zusammenhänge, sagt Hammer.

"Ich habe versucht, ein nicht allzu hohes Niveau reinzubringen." Das Angebot sei selbstverständlich für alle Schularten geeignet. "In der Uni habe ich Lehrkräfte für alle Schularten unterrichtet. Von Grundschule bis Gymnasium. Die Unterschiede sind geringer als man denkt", sagt der Mathe-Profi. "Die Inhalte sind die gleichen. In der Mittelschule hat man einfach mehr Zeit als im Gymnasium." Als Beispiel führt er die Prozentrechnung an. Diese sei Bestandteil aller Sekundärschulen, lediglich die aufgewendete Zeit variiere. "Für mich ist es schwierig, abzuschätzen, ob ein Gedanke schon zu anspruchsvoll ist", räumt er ein. Das sei jedoch leichter festzustellen, je mehr Feedback er erhalte, sagt Hammer.

Das vierte Thema sei auf der Anfrage einer Mutter hin entstanden. "Mein Sohn hat große Schwierigkeiten mit Dreieckskonstruktionen, hat mir eine Mutter geschrieben. Er könne sie zwar konstruieren, aber nicht beschreiben", sagt Hammer. "Ich habe ihr dann eine Methode geschrieben, wie er es am besten hinkriegt. Und daraufhin habe ich Dreieckskonstruktionen und Kongruenzsätze bei Dreiecken als ganzes Thema gemacht und dazu einen ausführlichen Beitrag hochgeladen." Diese Vorgehensweise will sich der Hochschuldozent auch weiterhin beibehalten. Für schlichte Fragen antwortet er per Mail. "Wenn ich das Gefühl habe, es handelt sich um ein Thema, bei dem es sich lohnt, mache ich einen ganzen Beitrag darüber auf der Website." Wenn es mal doch eine ganz konkrete Frage zu einer Aufgabe gibt, will der ehemalige Mathelehrer auch diese beantworten. "Wenn ich nicht gerade überhäuft werde mit solchen Fragen." Priorität hat bei ihm schließlich, das Thema an sich zu verstehen.

© SZ vom 02.06.2020/vewo
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