Corona:Lange Listen bei den Hausärzten

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Corona: Am Mittwochnachmittag verabreicht der Eichenauer Hausarzt Alexander Wiedemann (links) die ersten Spritzen mit dem Biontech-Impfstoff.

Am Mittwochnachmittag verabreicht der Eichenauer Hausarzt Alexander Wiedemann (links) die ersten Spritzen mit dem Biontech-Impfstoff.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

In den Praxen haben die Impfungen begonnen. Der Impfstoff ist erst einmal knapp. Doch die Mediziner sehen sich in der Lage, deutlich mehr Vakzine verabreichen zu können

Von Heike A. Batzer, Fürstenfeldbruck

Jetzt soll es schnell gehen mit dem Impfen. Groß angekündigt wurde von der Politik, dass nach den Osterfeiertagen auch die Hausärzte gegen das Corona-Virus impfen dürfen. Viele Hausärzte im Landkreis haben dafür zusätzlich eigene Impfsprechstunden eingerichtet. Noch kann die Zahl der bereit gestellten Impfchargen allerdings nicht mit der großen Nachfrage mithalten.

Anneliese Klein aus Germering wollte schon gleich am Dienstag dabei sein. In der Hausarztpraxis, in der sie sich, wie sie erzählt, schon seit 40 Jahren behandeln lässt, wurde es nichts mit einem schnellen Impftermin. Dort sagt man ihr, dass man in der Woche vor Ostern zwar ein paar Leute mit einer kleinen Menge Impfstoff habe impfen können, dass man aktuell aber keine weiteren Vakzine vorrätig habe. Eine Lieferung sei auf kommenden Montag verschoben. Anneliese Klein ärgert das: "Das ist unglaublich. Wo ist denn der Impfstoff?" Schließlich sei das Impfen für die Zeit nach Ostern angekündigt worden.

Neben den 430 Impfzentren in Deutschland sollten von dieser Woche an auch 35 000 Hausarztpraxen eingebunden werden, um das bislang schleppende Impftempo zu beschleunigen. Die Hausärzte hatten schon länger dafür geworben, sie in die Impfkampagne zu integrieren, die bis dato nur über die eigens dafür geschaffenen Impfzentren lief. Zunächst sollen nun auch die Hausärzte gegen Corona impfen, später auch die Fachärzte. Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) ruft Patienten dazu auf, sich nach erfolgter Erstimpfung in einer Praxis umgehend beim Online-Meldeportal Bayimco abzumelden.

Doch nicht alle Praxen, die impfen wollen, konnten offenbar mit Impfstoff ausgestattet werden. In Ludwig Jakobs Praxis für Allgemeinmedizin in Germering heißt es zum Beispiel, der Impfstoff werde erst in der nächsten Woche geliefert.

Die Ärzte, die Impfstoff bereits bekommen haben, haben dafür zum Teil eigene Impfsprechstunden eingerichtet. Wie Alexander Wiedemann, der in Eichenau mit Thomas Hainzinger eine Gemeinschaftspraxis führt. Am frühen Mittwochnachmittag wurde dort mit dem Impfen begonnen. In einer normalen Sprechstunde sei das nicht zu bewältigen, sagt Wiedemann der SZ. Das Telefon stünde derzeit nicht mehr still: "Die Nachfrage ist riesig." Auch am Freitagnachmittag werden Wiedemann und Hainzinger impfen. 84 Impfdosen bekam die Praxis für diese Woche. Patienten konnten sich zuvor in eine Liste eintragen. Nach Kriterien wie Alter und chronischen Erkrankungen wurden sie dann für eine Impfung ausgesucht und benachrichtigt. Die Termine für die Impfkandidaten werden erst vereinbart, "wenn wir wissen, was wir bekommen", sagt Wiedemann.

Birgit Bragge, Ärztin für Allgemeinmedizin aus Fürstenfeldbruck, hat schon vor Ostern mit dem Impfen begonnen. Auch sie bietet eine eigene Impfsprechstunde an. 50 Impfdosen für diese Woche hat sie bestellt, 30 hat sie bekommen. Der SZ erklärt sie, wie das organisiert werden muss: So sei beispielsweise eine Arzthelferin allein eine halbe bis dreiviertel Stunde damit beschäftigt, die Biontech-Impfspritzen vorzubereiten. Im Vergleich mit bislang bekannten Impfstoffen etwa gegen Tetanus sei die Sache komplizierter, denn die Corona-Impfstoffe seien nicht in Einzelampullen abgefüllt und nicht lange lagerfähig. Je nach Impfstoff benötige man eine bestimmte Anzahl an Patienten dafür. So reiche ein Biontech-Fläschen für exakt sechs Patienten. Termine für Impfungen macht auch sie erst, wenn feststeht, wie viel Impfstoff die Praxis erhält. Bragge, die auch im Fürstenfeldbrucker Impfzentrum mitwirkt, erzählt, dass viele Patienten den Hausarzt dem Impfzentrum vorzögen, vor allem weil dieser die eigene Krankengeschichte kenne. Wenn erst genügend Impfstoff zur Verfügung steht, dann "könnte das Impfen bei den Hausärzten schon der Game-Changer werden", hofft Bragge. Ein deutlicher Anstieg der Liefermengen wird Ende April erwartet.

Emanuel Nies, der eine Praxis in Mammendorf führt, hat nicht viel Zeit am Mittwoch. Nach der Sprechstunde fährt er mittags gleich ins Impfzentrum, wo er ebenfalls als Arzt im Einsatz ist. Eine eigene Impfsprechstunde gibt es in seiner Praxis nicht, wohl aber "Zeit-Slots", wie er sagt, in denen die Impfkandidaten kommen sollen. 30 Impfdosen von Biontech/Pfizer stehen ihm diese Woche zur Verfügung. Eine praxisinterne Liste umfasst derweil etwa 500 impfwillige Patienten, die sich alle per E-Mail oder Telefon angemeldet haben. Teilweise fahren die Patienten auch zweigleisig, sind auch im Impfzentrum angemeldet. Nies schätzt, dass er in der Praxis in der Lage wäre, pro Woche 150 bis 180 Patienten gegen Corona zu impfen.

Auch die Hausärzte Amperland haben in ihren drei Praxen in Olching, Esting und Maisach, aber auch über Hausbesuche mit den Impfungen begonnen. "Heute und morgen ist Großkampftag", sagt der Allgemeinmediziner Philip Kampmann, der die Amperland-Praxen mit Felix Jonas und Florian Schuster führt. Etwa 250 Impfungen mit dem Biontech-Impfstoff kann er diese Woche verabreichen. Der logistische Anspruch an die Praxen sei hoch, erwähnt Kampmann noch. Die Arbeitsbelastung habe sich seit Corona um ein Drittel erhöht. Vor allem Beratung ist gefragt. "Unfassbar viele Telefonate" habe man geführt, etwa 12 000 zusätzliche im zweiten Quartal des vergangenen Jahres, hat er ausgerechnet. Eigene Impfsprechstunden gibt es in den Amperland-Praxen nicht. Man versuche das "so zu takten, dass nicht mehr als drei Impflinge anschließend im Wartezimmer sitzen". Denn eine Viertelstunde müssen die Geimpften noch in der Praxis beobachtet werden.

Kampmann und Jonas haben nicht nur in ihren Praxen mit den Corona-Vakzinen zu tun, sie leiten auch das Münchner Impfzentrum in Riem, kennen deshalb beide Seiten. Mit dem Einstieg ins hausärztliche Impfen ist Kampmann zufrieden. Die Hausärzte würden einen Vertrauensvorschuss bei den Patienten genießen. Deutlich über tausend Impfbereite hatten sich bei den Hausärzten Amperland gemeldet, "und es werden jeden Tag mehr", sagt Kampmann. Auch die Belieferung durch die lokalen Apotheken habe "super funktioniert". Er wolle auch in den kommenden Wochen mit etwa 300 Impfungen pro Woche planen.

Wie Philip Kampmann und Birgit Bragge hat auch Emanuel Nies vorige Woche bereits geimpft - 20 Dosen Astra Zeneca. Die Reaktionen unter den Patienten auf dieses Impfstoffangebot seien unterschiedlich gewesen. Manche wollten einfach geimpft werden - egal womit, sagt Nies, andere verlangten ausdrücklich Biontech: "Die Menschen sind verunsichert." Jeden Tag müsse er zu diesem Thema immer wieder Stellung beziehen. "Für viele wäre Astra Zeneca ein guter Impfstoff", ist sich auch Birgit Bragge sicher, aber wegen der Berichterstattung hätten viele sich Gedanken gemacht, "die es nicht bräuchte". Kampmann sagt es deutlicher: "Dieser arme Impfstoff hat ein mediales Debakel erlebt." Viele Anfragen haben auch bei Alexander Wiedemann in Eichenau mit dem Impfstoff zu tun. Auch Wiedemann glaubt nicht, dass Astra Zeneca ein schlechter Impfstoff ist, aber er sei "medienmäßig tot". Man könne ihn nur noch "ganz Hartgesottenen anbieten".

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