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Mitten in Emmering:Schmaler Grat der Erholung

Pucher Meer Fürstenfeldbruck

Am Pucher Meer versuchen die Spaziergänger meist, sich an die Abstandsregeln zu halten

(Foto: matthiasdoering.com)

Ausgang bei schönem Wetter: Wenn das Recht des Einzelnen zur kollektiven Unvernunft wird

Eineinhalb Meter Abstand und keine Gruppenbildung. Diese zwei Schutzkriterien sind ein Problem. Zumindest bei schönem Wetter, wenn jeder den einen "triftigen Grund" ergreift, um die eigene Wohnung verlassen zu können, wie es die "Verordnung über eine vorläufige Ausgangsbeschränkung anlässlich der Corona-Pandemie" explizit einräumt. Zu Sport und Bewegung darf man an die frische Luft, allerdings ausschließlich allein oder mit Angehörigen des eigenen Hausstandes. Also tut ein jeder Brucker an einem so wunderbaren Frühlingstag wie den vergangenen Samstag nichts Unrechtes, wenn er nach draußen geht, um sich von all dem Dauer-Home-Office zu erholen. Doch spätestens in dem Amper-Auen zwischen Emmering und Olching erscheint das Recht des Einzelnen zur kollektiven Unvernunft zu werden, wenn auch irgendwie unverschuldet. Kaum möglich, zu anderen Spaziergängern den Abstand zu halten. Im Gegenverkehr schon gleich gar nicht. Da wird der Freigang zum psychischen Stress, womöglich zur gesundheitlichen Gefahr. Und man braucht nicht die Vogelperspektive, um das ganze Ausgangsvolk als eine riesige Gruppe zu begreifen. Aber was will der Einzelne da machen?

Er kann an diesem Tag den Ausweg im Haspelmoor suchen. Zwar ein Naturschutzgebiet, das sich zwischen Hattenhofen und Althegnenberg erstreckt, aber einen rot bepfeilten Exkursionspfad gibt es dennoch durch den nördlichsten Hochmoorrest des Alpenvorlandes, wie der Botaniker natürlich weiß. Und auf diesem schmalen Grat durch geschützte Fauna und Flora darf man wandern und sich erholen. Zwar kommen einem auch dort Home-Flüchtige entgegen, aber nur vereinzelt und in größter Disziplin. Man wartet in kleinen Ausbuchtungen, schon drei, vier Meter vor der unvermeidlichen Begegnung, grüßt und dankt und geht vorbei. Und lässt zudem die äußerst trittempfindlichen Hochmoorflächen mit den vielen seltenen und gefährdeten Pflanzen unbehelligt.

© SZ vom 30.03.2020
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