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Corona im Landkreis Fürstenfeldbruck:Der Beginn des Wirtesterbens

Gastronomie

Von Montag an bleiben die Stühle in den Gaststuben - hier im Unterwirt in Türkenfeld - für mindestens einen Monat oben.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

In der Gastronomie im Landkreis herrscht über die erneute einmonatige Zwangspause die pure Verzweiflung. Kreissprecher Harry Faul nennt den zweiten Lockdown eine Katastrophe und prophezeit, dass so mancher Betrieb nicht mehr aufmachen wird

Von Heike A. Batzer, Ingrid Hügenell, Erich C. Setzwein und Florian J. Haamann, Fürstenfeldbruck

Am Montag müssen auch die Gastronomen im Landkreis Fürstenfeldbruck für einen Monat schließen. Schon die vergangenen Wochen - seit der Einführung der Sperrstunden - sind für die meisten von ihnen hart gewesen. Nun machen sich wieder Existenzängste breit. Verständnis für die neuen Corona-Maßnahmen gibt es kaum.

Ausfall von 95 Veranstaltungen

Wenn er den November miteinrechnet, dann sind für Harry Faul in diesem Jahr 95 Veranstaltungen ausgefallen und fast 60 Busse weggeblieben. Faul ist Wirt im Maisacher Bräustüberl und Kreissprecher des bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) und erinnert daran, dass der Gastronomie bereits im Frühjahr, als sie wochenlang schließen musste, Einnahmen wegbrachen, die sie sonst in einer Zeit erzielen könne, in der die Leute bereits zum Essen draußen sitzen, es aber noch keine Konkurrenz etwa durch Freibadbesuche gebe. Den neuerlichen Lockdown für das Gastgewerbe nennt er deshalb eine "Katastrophe" und glaubt, dass manch ein Wirt nach Corona nicht mehr aufsperren wird, "weil er sich's nicht mehr leisten kann oder auch, weil er einfach keine Lust mehr hat". Faul wird im Monat November nun wieder mittags und abends Essen zum Mitnehmen anbieten, aber im Grund sei das mehr "eine Beschäftigungstherapie und Arbeitsbeschaffungsmaßnahme" denn ein Geschäft. Ganz zusperren ist für ihn trotzdem keine Alternative, denn "Wirt sein ist eine Dienstleistung". Noch am Montag hatten die Brauerei Maisach und zehn Wirte verkündet, dass sie in diesen Corona-Zeiten auf Winterbiergärten und Besonderheiten wie den Ausschank von Stachelbier setzen wollen. Faul vermutet, dass auch, wenn die Gaststätten im Dezember wieder aufmachen dürften, dies keine nachhaltigen Auswirkungen auf deren Weihnachtsgeschäft haben werde: "Die Leute sind sehr verunsichert." Wenn die Hilfen so kommen, wie sie "angepriesen" würden, dann könne man das wohl finanziell überstehen, sagt er noch. Aber er ist sich sicher, dass "das nicht der letzte Lockdown war".

Bereits geschlossen

In Fürstenfeldbruck hatte die Mahavi Group bereits am Mittwoch angekündigt, den Betrieb in fast allen ihren Gaststätten vorübergehend ruhen zu lassen. Neben dem Marthabräu betrifft das die Martha Pizzarei, das Parkcafé und das Pucher Meer. Der Pavillon Beach an der Amper ist ein Sommerlokal und bereits zu, ebenso die Alte Druckerei, ein Club. Für wenigstens vier Wochen muss nun nach der Entscheidung der Bundesregierung auch das Bottles' n' Burgers schließen. Die Politik habe eine "kollektive Verunsicherung geschaffen, in der keiner mehr wusste, was er darf", sagt Markus Bauer, einer der drei Geschäftsführer. In den Unternehmen der Mahavi Group habe es keinen einzigen Corona-Fall gegeben: Weder beim Personal noch bei den Gästen noch bei Veranstaltungen, und auch auf den Listen, die die Gäste beim Einlass hinterlassen hätten, sei "nirgends Micky Maus drauf gestanden". 40 000 Euro gab das Unternehmen eigenen Angaben zufolge insgesamt aus, um die Corona-Auflagen zu erfüllen. 200 Mitarbeiter tun für die Restaurants der Mahavi Group Dienst, etwa die Hälfte davon ist fest angestellt und wurde jetzt in Kurzarbeit geschickt. "Wir haben keine einzige Kündigung ausgesprochen", betont Bauer. Das Unternehmen selbst hat Überbrückungshilfe beantragt und genehmigt bekommen. Bauer weist auch darauf hin, welchen Beitrag die Gastronomie für das Stadtbild leiste und dass auch der Einzelhandel von einer gut funktionierenden Gastronomie profitiere. Wann man wieder öffne, "werden wir entscheiden, wenn das für uns als Unternehmen wieder Sinn macht", kündigt er an und fügt noch hinzu, dass "wir ein kerngesundes Unternehmen sind". Im nächsten Jahr wolle man neue Betriebe übernehmen. "Es ist nicht das Virus, das uns aufhält, es ist die Politik!"

Nur im Minus

"Katastrophe" sagt Werner Wolf, 56, zur erneuten Schließung aller gastronomischen Betriebe von Montag an. Er ist Inhaber des "Kultur Café" in der Landsberger Straße in Germering und weiß nicht, ob sein Geschäft überleben wird, bis er - vielleicht - im Dezember wieder öffnen darf. 70 Prozent seines Umsatzes machte vor der Pandemie der Verkauf von Eintrittskarten für Veranstaltungen aus, ein Bereich, der nicht nur nichts mehr einbringt, sondern sogar kostet. "Täglich werden Vorverkaufsgebühren abgebucht, ich mache nur Minus", sagt Wolf.

Um den Cafébetrieb ausweiten zu können, habe er während der Coronazeit eine Küche eingebaut, nun kann er auch Frühstücke anbieten. Seit September habe er einen Effekt gesehen, wenn auch noch kein wirkliches Plus. "Keine Ahnung, wie es jetzt weitergeht." Dabei, da ist Wolf sich sicher, kämen die Infektionen nicht aus der Gastronomie, auch im Kultur Café habe man sich strikt an Hygiene- und Abstandsregeln gehalten, er habe umgebaut, Platz geschaffen, um den Abstand zwischen den Tischen zu gewährleisten. Frühstück könne man weder "to go" anbieten noch liefern, sagt Wolf, und deshalb werde er komplett zusperren. Helfen könnten ihm seine Gäste, wenn sie im Dezember wiederkommen. Seine beiden Angestellten schickte er im Frühjahr in Kurzarbeit und stockte ihren Lohn auf 100 Prozent auf, "die müssen ja ihre Miete zahlen". Das wolle er auch im November machen, "da gehen meine Schulden weiter rauf". Selbst komme er über die Runden, weil er alleinstehend sei und zudem Unterstützung aus der Familie seines Bruders erhalte. "Es ist schon bitter, wenn man mit 56 um seine Existenz fürchten muss."

Fühlt sich brutal an

In die Schockstarre wie im März dieses Jahres fällt Viktoria Eberl-Stefan diesmal nicht mehr. Aber: "Es ist brutal", sagt die Gastronomin aus Hattenhofen. Die Folgen der Entscheidung in Berlin hatten unmittelbar danach Folgen: "Die Leute haben angerufen und wollten noch am Mittwochabend zum Essen kommen", berichtet die Chefin des Gasthofs Eberl von der spontanen Solidaritätsbekundung. "Es ist auch für die alten Leute so schade, sie sind so traurig, dass sie hier niemanden mehr treffen dürfen", sagt sie über den Donnerstagmittag, als es wie jeden Donnerstag Dampfnudeln gab. Vier Wochen muss sie ihren Gasthof nun schließen, das Hotel aber darf geöffnet bleiben, aber eben nicht für Touristen. Offen bleibt auch die Metzgerei ihrer Schwester Christine Hattensperger. Mit ihr zusammen hat sie ein strenges Hygienekonzept für Metzgerei und Gasthaus ausgearbeitet, "als es wieder losging", wie sie sagt. Vor allem in jenen Bereichen, in denen sich das Personal der beiden Betriebe begegnen könnte. Denn: ""Wir waren übervorsichtig, denn die Metzgerei muss auf jeden Fall aufbleiben." Viktoria Eberl-Stefan kann nur hoffen, dass die Schließung nur für November angeordnet wird. Wie dann der Dezember, ja Silvester, ausschauen sollen - "ich weiß es nicht".

Am Tiefpunkt

"Egal was kommt: Wir sind für Sie da!", haben die Olchinger Wirte am frühen Donnerstagmorgen via Facebook ihren Gästen mitgeteilt. Doch ob auch die Gäste wieder in die Gaststätten kommen, um sich Essen abzuholen wie im Frühjahr, das scheint noch nicht klar zu sein. "Die Leute sind stinksauer", berichtet Zanja Hoffmann-Tolkmitt, Serviceleitung im Olchinger Daxerhof. Sie bekomme mit, "was der Bürger denkt", die Stimmung sei auf dem Tiefpunkt. Deshalb hat die erfahrene Servicekraft so ihre Zweifel, wie es im Teil-Lockdown weitergehen kann. In der Wirtschaft müsse man sich nicht fürchten, denn es gebe unter Olchingern viele Stammgäste. Die sind nach Auskunft von Hoffmann-Tolkmitt auch immer zum Abholen gekommen, als von März an geschlossen gewesen sei. Man habe sich das Vertrauen der Gäste erarbeitet und werde darauf nun auch bauen. Der Daxerhof hat auch nach Wiedereröffnung im Mai das To-go-Angebot beibehalten hat, es sei über den Sommer hinweg unter der Woche zwar weniger, dafür am Wochenende sehr gern angenommen, so die Serviceleiterin. Essen für die Abholung zuzubereiten, ist also für den Daxerhof in der zweiten Schließphase dieses Corona-Jahres nichts Neues, "es geht einfach weiter".

Kein Verständnis

Es komme nun vor allem darauf an, ob die versprochene Hilfe von 75 Prozent des Vorjahresumsatzes schnell die Betroffenen erreiche, sagt Florian Weber, Betreiber des Klubhouse in Fürstenfeldbruck. Es könne sogar sein, dass den Gastronomen damit mehr Geld bleibe als in den vergangenen Wochen. Denn seit der Einführung der Sperrstunden, erst um 22 und dann um 21 Uhr, seien bei ihm wieder 70 bis 80 Prozent des Umsatzes weggebrochen, sagt Weber. Die beiden Wochen davor seien dagegen relativ gut gelaufen. "Ich hatte das Gefühl, wieder Licht am Ende des Tunnels zu sehen." Für die nun beschlossenen Maßnahmen hat er wenig Verständnis. "Den ersten Lockdown habe ich selbst als Betroffener befürwortet. Aber jetzt fehlt mir zum ersten Mal in der ganzen Pandemiezeit das Verständnis. Selbst das RKI hat mehr oder weniger bestätigt, das die Gastronomie nicht das ist, wo viele Neuinfektionen entstehen." Für die kommenden Wochen bereitet er einen Liefer- und Abholdienst vor, sowohl am Abend wie auch mittags.

© SZ vom 30.10.2020

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