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Corona - eine Krankheitsgeschichte, Fall 3:Ohne Symptome

Gastronom Harry Faul ist Chef des Bräustüberls in Maisach.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Der Wirt Harry Faul steckt sich beim Skiurlaub in Ischgl an

Von Erich C. Setzwein, Maisach

"Am 12. März bin ich von Ischgl nach Hause geschickt worden." Wenn Harry Faul, 50 Jahre alt und Gastwirt aus Maisach, diesen Satz letztes Jahr oder in den Jahren davor gesagt hätte, hätte wohl jeder nach dem Grund gefragt. In diesem Jahr ist das anders, da muss niemand Fragen stellen. Denn Ischgl ist der Ort, an dem die Katastrophe ihren Ausgang nahm, von wo aus sich Corona über Europa ausbreitete, weil ein paar Tausend Wintersportler beim Après-Ski zu nah beieinander saßen. Harry Faul war mittendrin, wie immer, wenn er in den österreichischen Skiort reist und es sich gutgehen lässt. Zurück in Maisach, hört er am Samstag, 14. März, vom "Corona-Hotspot" Ischgl, ruft seinen Arzt an und lässt am Montag drauf einen Test machen. Am Mittwoch erfährt er sein Testergebnis, am Donnerstag dann reagiert das Gesundheitsamt: Faul ist positiv auf das Virus getestet worden.

"Ich habe die Krankheit nicht wahrgenommen", sagt Faul. Er habe keine Symptome gehabt, "für mich ist es bloß eine Grippe." Davon ist er überzeugt. Dass es Corona gibt, dass es die Krankheit Covid-19 gibt, das alles weiß der Wirt des Bräustüberls Maisach sehr wohl. Er kennt auch Fälle, die nicht so glimpflich ausgegangen sind wie seiner. Seine Frau und der Sohn seien ebenfalls als positiv eingestuft worden, berichtet Faul, auch wenn sie keinen Test gemacht hätten. Seine Frau, sagt der 50-Jährige, habe drei Tage keinen Geschmackssinn gehabt, der 19 Jahre alte Sohn habe "sich einmal kurz geschüttelt", aber es sei ihm auch nicht schlecht gegangen.

Nun wäre Harry Faul nicht Harry Faul, wenn er nicht eine dezidierte Meinung über Corona, die Politik und die Maßnahmen hätte. Spätestens seit dem Sommer 2010, als das Nichtraucherschutzgesetz in Kraft trat, weiß die Öffentlichkeit, dass Faul meinungsstark argumentieren kann. Damals wollte er es partout nicht einsehen, dass seine Gäste nicht mehr in der Wirtschaft rauchen durften. Doch ein Schlupfloch gab es nicht, ebenso wie es jetzt noch kein Entkommen aus der Pandemie gibt. Eine Maske muss reichen und oft die Hände waschen.

Das sieht Faul auch ein. "Die Maske ist auszuhalten." Doch "gewisse Maßnahmen sind nicht nachvollziehbar". Der aktuelle Teil-Lockdown etwa, der die Gastwirte treffe, aber noch viel mehr die Gäste. Seit 14 Jahren bekocht Faul sie im Bräustüberl, da weiß er, wie schwer es vor allen die Älteren angeht, wenn sie sich nicht mehr treffen, beieinandersitzen dürfen. "Einsamkeit ist viel schlimmer", sagt er dazu.

Als Wirt und Sprecher des Hotel- und Gaststättenverbandes im Landkreis betont Faul, dass sich die Gastronomie penible Hygienekonzepte ausgearbeitet und befolgt habe. Die Gäste seien damit zufrieden gewesen. Und wenn er bedenke, was er dafür investieren musste, ärgere es ihn, dass die Schulen immer noch nicht mit Seifenspendern und Desinfektionsmitteln ausgestattet seien, dass es nicht in jedem Klassenzimmer Waschbecken gebe und die Kinder zu eng zusammen seien und viele Kontakte hätten. "Die Politik hat den Sommer verschlafen", sagt er, da hätte man Maßnahmen ergreifen können, damit es jetzt nicht zum Teil-Lockdown hätte kommen müssen: "Die Politik hat versagt."

© SZ vom 24.12.2020
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