Süddeutsche Zeitung

Landwirtschaft im Klimawandel:Mit Carbon Farming das Klima retten

Böden können viel Kohlenstoff aufnehmen und so der Atmosphäre CO₂ entziehen. Landwirte könnten damit sogar Geld verdienen. Doch sie sind skeptisch.

Von Ingrid Hügenell, Dachau/Fürstenfeldbruck

Es klingt bestechend einfach: Die Böden der Welt könnten alles Kohlendioxid speichern, das die Menschheit in die Atmosphäre geblasen hat und damit den Klimawandel aufhalten. So ein Ergebnis der Klimakonferenz von Paris im Jahr 2015. Dazu müsste der Kohlenstoffgehalt der Böden um vier Promille pro Jahr steigen. Das hört sich nach sehr wenig an. Und doch ist es nach Ansicht von Agrarwissenschaftlern und Landwirten kaum zu erreichen. Auch Josef Brandmair, Bio-Bauer und Vorsitzender des Maschinenrings Dachau, ist eher skeptisch. Momentan verlieren viele Böden sogar Kohlenstoff und tragen so zur Erderwärmung bei. Gleichzeitig sinkt dadurch die Fruchtbarkeit der Anbauflächen.

Das Thema beschäftigt die Maschinenringe vor allem unter dem Aspekt, dass große Firmen, etwa aus der Auto- oder der chemischen Industrie, bereit sind, Bauern fürs "Carbon Farming" zu bezahlen. Das ist eine Form der Landwirtschaft, durch die mehr Kohlenstoff (englisch: carbon) im Boden gespeichert werden kann. Man nennt sie auch "regenerative Landwirtschaft". Damit könnten Landwirte sogar Geld verdienen. Doch sowohl Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir von den Grünen als auch der Experte des Maschinenrings, Michael Mederle, sehen die Sache skeptisch.

Firmen wie Bayer wollen durch den Handel mit CO₂-Zertifikaten ihre eigene Kohlenstoffbilanz verbessern. Das Ziel sollte jedoch sein, dass sie den Ausstoß von CO₂ vermeiden, meint Mederle, promovierter Agrarwissenschaftler und Agrarberater der bayerischen Maschinenringe. Er sprach kürzlich beim Maschinenring Fürstenfeldbruck über Klimawandel, Landwirtschaft und Carbon Farming.

Es gebe ein hohes Speicherpotenzial in den Böden, erklärte Mederle. Durch eine ganze Anzahl von Maßnahmen können Landwirte es schaffen, dass Humus gebildet und so Kohlenstoff aus der Atmosphäre entfernt wird. Dazu gehört, möglichst wenig zu pflügen. Denn wenn Luft an den Humus kommt, wird der Kohlenstoff als Kohledioxid wieder freigesetzt. Eine wichtige Maßnahme ist, nach der Ernte die Pflanzenreste nicht abzufahren, sondern auf dem Feld zu belassen. Ferner soll der Boden möglichst ganzjährig bedeckt sein. Das wird durch Zwischenfrüchte und Untersaaten erreicht. Sie werden nicht geerntet, sondern in den Boden eingearbeitet, wo sie verrotten. Der Kohlenstoff, den die Pflanzen aufgenommen haben, bleibt so im Boden.

"Agroforstsysteme und Hecken sind sehr effizient, um CO₂ einzulagern"

Empfohlen wird zudem eine vielfältige Fruchtfolge, in der sich humuszehrende Pflanzen wie Mais und Kartoffeln abwechseln mit solchen, die Humus aufbauen wie Kleegras oder Ackerbohnen. Der Boden muss zudem mit organischer Substanz statt mit Mineraldünger versorgt werden, also mit Stallmist oder Kompost.

All diese Arten der Bodenbearbeitung gehören eigentlich seit Jahrzehnten zur gesetzlich vorgeschriebenen "guten fachlichen Praxis" in der Landwirtschaft, werden aber dem Thünen-Institut zufolge, einer Forschungseinrichtung des Bunds für Ländliche Räume, Wald und Fischerei, nicht genügend umgesetzt.

Eine relativ neue, zunächst seltsam anmutende Methode ist, Baumreihen auf Äcker zu pflanzen und dazwischen Getreide, Mais oder Gemüse anzubauen - die Agroforstwirtschaft. "Agroforstsysteme und Hecken sind sehr effizient, um CO₂ einzulagern", erklärt Mederle. Überdies schützten sie den Boden vor Erosion durch Niederschläge und Wind. Den Pflanzen stehe in solchen Systemen mehr Wasser zur Verfügung, das sie besser aufnehmen könnten - vor allem wichtig bei zunehmender Trockenheit durch den Klimawandel.

Zehn-Jahres-Verträge hält der Experte nicht für enkeltauglich

Den Humusaufbau zu fördern und so den Boden gesund und fruchtbar zu erhalten, hält Mederle sehr wohl für eine gute Idee. Doch die Bauern hätten es nicht immer in der Hand, dass ihre Maßnahmen auch funktionieren. Durch Wetterereignisse wie Dürren oder Überflutungen könne der Erfolg mehrjähriger Arbeit zunichte gemacht werden, und das Risiko liege allein beim Landwirt. Hat sein Boden nicht genug Kohlenstoff aufgenommen, bekommt er kein Geld. Zehn-Jahres-Verträge, wie sie üblicherweise angeboten werden, seien überdies "nicht enkeltauglich", kritisiert Mederle.

Georg Huber, Kreisobmann des Bauernverbands aus Puchheim, hält den Zertifikate-Handel für "hochgefährlich" für die Bauern. Er fürchtet, "dass die Landwirte an den Pranger gestellt werden, wenn es nicht klappt". Dennoch sei es notwendig, "den Boden besser zu bewirtschaften".

Kritik am Zertifikatehandel übten in einem gemeinsamen Positionspapier Ende 2021 auch die Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft (AbL) , das Bundesamt für Naturschutz und zahlreiche Umweltschutzverbände. Tenor: Besser sei es, CO₂-Emissonen ganz zu vermeiden, als großen Emittenten quasi Freibriefe auszustellen.

Die Einsparung von Treibhausgasen sollte mit der Rückbindung von CO₂ nicht vermischt werden

Gelungener Klimaschutz erfordere einerseits die Minimierung menschengemachter Treibhausemissionen, andererseits die Rückbindung von bereits freigesetztem Kohlendioxid, heißt es in dem Papier. Würden beide Bereiche vermischt, wie beim Zertifikatehandel, werde effektiver Klimaschutz erschwert. Bundeslandwirtschaftsminister Özdemir sieht es ähnlich. Seiner Meinung nach darf "die Landnutzung nicht dazu herangezogen werden, die CO₂-Emissionen anderer Sektoren zu kompensieren", sagte er Anfang April.

Zudem sei Humus nicht stabil, heißt es in dem AbL-Papier weiter. Dass er auf- und wieder abgebaut werde, sei typisch für ein "aktives und diverses Bodenleben". Ein "mittel- oder langfristiger Klimanutzen durch Humusaufbau" könne daher nicht garantiert werden. Und schließlich, so erklärt es auch Mederle, lasse sich der Humusgehalt des Bodens nicht beliebig erhöhen. Für ihn ist deshalb klar, dass die Bauern zwar ein großes Interesse an mehr Humus und damit fruchtbareren Böden haben. "Wir Landwirte können das Klima aber nicht alleine retten."

Fruchtbarer Humus

Humus, die fein zersetzte organische Substanz im Boden, besteht zu etwa 60 Prozent aus Kohlenstoff. Die Pflanzen holen das Element aus der Luft. Aus Kohlendioxid und Wasser wird in den Zellen der Pflanze mithilfe des Lichts Zucker - das ist die Fotosynthese, eine geniale "Erfindung" der Natur, die das Leben, wie wir es kennen, erst möglich gemacht hat. Stirbt die Pflanze, kann der in ihr enthaltene Kohlenstoff entweder abgebaut oder mehr oder weniger dauerhaft im Humus festgelegt werden. Oft mikroskopisch kleine Bodenlebewesen, aber auch die Regenwürmer, bauen durch ihre Aktivitäten ständig Humus auf oder ab. Wichtig ist dabei, ob Sauerstoff zur Verfügung steht oder nicht. Je mehr Humus, umso fruchtbarer der Boden.

In den Mooren ist Kohlenstoff teils seit tausenden Jahren festgelegt. Werden sie entwässert, verbindet er sich mit dem plötzlich vorhandenen Sauerstoff zu Kohlendioxid, das entweicht. Die Zerstörung von Mooren trägt daher zur Erderhitzung bei, ihre Wiedervernässung kann sie bremsen. Die Atmosphäre, Moore und Äcker, Pflanzen und Tiere, gehören zum Kohlenstoffkreislauf der Erde. Er ist aus dem Gleichgewicht geraten, seit der Mensch in Form von Erdöl und Erdgas die Reste von Pflanzen verbrennt, die Millionen von Jahren unter der Erde lagen.

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