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Bundestagswahl 2021:Ein Kandidat im besten Licht

Die Kreisverbände der Freien Wähler Fürstenfeldbruck und Dachau nominieren Otmar Tholler zum Kandidaten für die Bundestagswahl. Die Versammlung findet bei lediglich fünf Grad im Freien statt, immerhin strahlen drei Sonnen um die Wette

Von Stefan Salger, Mammendorf

Wahlergebnisse lassen sich nicht so leicht vorhersagen wie ein Kaltluftstrom aus der Biskaya oder ein Hoch aus Südeuropa. Wenn man meteorologische Ereignisse aber als Omen betrachten will, dann ist Otmar Tholler ein Sitz im Bundestag gewiss. Denn just als er sich am Samstag als Kandidat vorstellt, bricht die Sonne durch die dichte Wolkendecke und rückt den Mann im dunklen Mantel über dem grauen Jackett und dem offenen hellblauen Hemd ins perfekte Licht. Flankiert wird das Himmelsgestirn in stereo von der stilisierten Sonne auf dem Freie-Wähler-Aufsteller sowie dem Logo des "Restaurants zur Sonne" im Bürgerhaus.

Sonnige und ungetrübte Aussichten also für den Unternehmer aus Fürstenfeldbruck? Ach, wäre es doch so leicht, wären Astronomie sowie Astrologie doch Werkzeuge der Wahlprognose. Zur Wahrheit gehört zudem, dass in der "Sonne" am Rande des verwaisten Sportgeländes die Lichter ausgegangen sind und pandemiebedingt keine Schnitzel aufgetischt werden dürfen. Trotzdem ist die Wahlversammlung der FW-Kreisverbände Fürstenfeldbruck und Dachau etwas Einzigartiges, eine echte Premiere: Sie findet trotz fünf Grad Außentemperatur im Freien statt, also auf dem Platz vor dem Bürgerhaus. Und nach einer halben Stunde ist alles über die Bühne gegangen (was mit besagter Außentemperatur zu tun haben dürfte).

Mann im Fokus: Otmar Tholler (Mitte) lässt sich nach der Nominierung ablichten (links der Abgeordnete Benno Zierer).

(Foto: Günther Reger)

Gekommen ist an diesem späten Vormittag fast alles, was bei den Freien Wählern im weiten Umkreis Rang und Namen hat: Hans Friedl, Lokalmatador, Landtagsabgeordneter und Fürstenfeldbrucker Kreisvorsitzender, seine Stellvertreter Angela Heilmeier und Gottfried Obermair, die Altbürgermeister Gerhard Landgraf aus Maisach, Johann Thurner aus Mammendorf und Michael Schanderl aus Emmering, der Freisinger Landtagsabgeordnete Benno Zierer sowie die drei Brucker Stadträte Markus Droth, Georg Stockinger und Franz Neuhierl. Und weitere Politprominenz, die hinter den FFP2-Masken inkognito bleibt. Insgesamt 26 für die Nominierung stimmberechtigte Mitglieder der Freien Wähler haben sich zwischen Steinplatten und freiem Himmel eingefunden.

Für sie gibt es ja in der Tat reichlich Luft nach oben, wenn es um den Bundestag geht. Unter dem omnipräsenten Bundesvorsitzenden Hubert Aiwanger wollen sie erstmals den Sprung von München in die Bundeshauptstadt schaffen. Man müsse "unbedingt nach Berlin", bekräftigt Friedl. Allein schon um künftig solche Sachen wie das Infektionsschutzgesetz zu verhindern, das Merkel "durchzupeitschen" versuche. Die Freien Wähler hätten als Koalitionspartner in der Landesregierung bewiesen, dass sie "Initiator für gute Ideen" sein könnten. Nun also brauche man "jemanden mit Sachverstand" in Berlin. Gemeinsam mit dem Dachauer Kreisvorstand unter Martina Purkhardt habe man sich auf einen "tollen Kandidaten" aus dem Kreisverband Fürstenfeldbruck geeinigt - nachdem sich, nunja, in Dachau niemand gefunden hatte. Friedl verspricht "einen anderen Wahlkampf", bevor er dem "Hausherrn Seppi Heckl" das Wort erteilt, der einstimmig zum Sitzungsleiter bestimmt worden ist. Der Mammendorfer Bürgermeister sorgt zunächst mal vollmundig für Heiterkeit, weil er mit einem verschmitzten Lächeln kund tut, dass er ja so gerne alle Gäste zum Weißwurstfrühstück ins Bürgerhaus eingeladen hätte. Aber leider, leider...

Bürgermeister Josef Heckl, "Hausherr" in Mammendorf, begrüßt die Wahlberechtigten vor dem Bürgerhaus.

(Foto: Günther Reger)

Unter Heckls Aufsicht wird die Dachauerin Michaela Steiner einstimmig zur Schriftführerin gewählt und Michael Schanderl, der sich erst etwas ziert, einstimmig zum Beisitzer ("des kannst schon machen, da geht's nur um's Einsammeln der Zettel!").

Zunächst wird der einzige Bewerber als Direkt- und Listenkandidat für den Wahlkreis aufgerufen. Politisch ist der "59 Jahre junge" Unternehmer aus Fürstenfeldbruck, der seit 2020 Beisitzer im Ortsvorstand ist, ein noch recht unbeschriebenes Blatt. Tholler erklärt, wofür er sich einsetzen will ("unsere FW-Politik offen und mit gesundem Menschenverstand nach Berlin bringen") und ist dann eigentlich schon am Ende der Ansprache angelangt.

Denkste: Franz Neuhierl, seit 31 Jahren Stadtrat in Fürstenfeldbruck, weiß, wie es in der Politik läuft. Qualifikation und Visionen zu haben, ist schön und gut. Aber Politik ist auch immer ein bisschen Nabelschau. "Moment mal, Details, auch Familienstand und so!", ruft Neuhierl, bevor sich Tholler wieder unter die Freien Wähler mischen kann. Und so gibt es doch noch einen Nachschlag. Der Kandidat Tholler nimmt Form an: Der Meister im Heizungsbau und freie Sachverständige hat zwei Firmen. Er ist ledig, hat zwei erwachsene Kinder und nennt als Hobbys Wandern, Sport und mit dem Hund spazieren zu gehen. Er war früher Fußballer und Vize-Vorsitzender beim TSV West. Politische Schwerpunkte: Wasserstoff, Umwelt, Rente und Bildung. Näheres werde sich im Wahlprogramm finden, das noch ausgearbeitet wird.

"Jetzt wissen wir alles", sagt jemand. Und auch Neuhierl ist zufrieden. Die Zeit ist also reif für die schriftliche Abstimmung. Droth erklärt seinen Nebenleuten, dass man Tholler "mit Theodor Heinrich" schreibt. 26 Minuten sind seit Veranstaltungsbeginn verstrichen, als sich alle 26 Wahlberechtigten für Otmar Tholler als FW-Bundestagskandidat aussprechen. Da stört es niemanden, dass die Sonne wieder hinter den Wolken verschwunden ist.

© SZ vom 19.04.2021
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