AbfallwirtschaftBiomüll, der nachgefragte Rohstoff

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Zwar schon angegammelt, aber immer noch ein Wertstoff: Aus Bioabfällen lassen sich Biogas und Kompost herstellen. Das Plastik gehört freilich nicht in die Tonne (Symbolbild).
Zwar schon angegammelt, aber immer noch ein Wertstoff: Aus Bioabfällen lassen sich Biogas und Kompost herstellen. Das Plastik gehört freilich nicht in die Tonne (Symbolbild). Stephan Rumpf

Die drei Landkreise Fürstenfeldbruck, Dachau und Starnberg möchten gemeinsam eine regionale Vergärungsanlage bauen. Doch es kommt nicht genügend organischer Abfall zusammen. Jetzt suchen sie nach weiteren Mitstreitern.

Von Heike A. Batzer, Fürstenfeldbruck/Dachau/Starnberg

Kartoffelschalen, Gemüsereste, Kaffeesatz – alles Biomüll, aber eigentlich kein Abfall im engeren Sinne. Denn Obst- und Gemüsereste lassen sich weiterverarbeiten, unter anderem zu Energie. Drei Landkreise im Umland von München wollen in dieser Frage zusammenarbeiten: Die Kreise Fürstenfeldbruck, Dachau und Starnberg planen den Bau einer gemeinsamen regionalen Biomüllvergärungsanlage, in der aus organischen Abfällen Biogas hergestellt werden kann. Was als Vorhaben regionaler Energieerzeugung gut klingt, steht freilich unter dem Vorbehalt wirtschaftlicher Effizienz: Nur wenn sich das rechnet, wird auch gebaut.

Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass selbst die Menge an Biomüll aus drei Landkreisen nicht ausreichen wird und man sich deswegen auf die Suche nach weiteren Partnern machen muss. 50 000 bis 65 000 Tonnen Bioabfall müssten pro Jahr zusammenkommen. Zunächst war man davon ausgegangen, dass das geschätzte Potenzial der drei Kreise von etwa 35 000 bis 40 000 Tonnen ausreichend wäre. Doch das in der Vergärungsanlage entstehende Biogas soll in das Gasnetz am potenziellen Standort Maisach eingespeist werden. „Dazu braucht man eine gewisse Größenordnung“, sagt Stefan Mayer, Leiter des Abfallwirtschaftsbetriebs des Landkreises Fürstenfeldbruck (AWB).

Eine Machbarkeitsstudie soll zunächst eruieren, wie hoch Investitions-, Betriebs- und Transportkosten, der Personalbedarf sowie die Absatzmöglichkeiten von Gärresten, Kompost, Störstoffen und Biogas sein werden. Im Landkreis Fürstenfeldbruck war in der Vergangenheit immer wieder die Forderung nach einer eigenen Vergärungsanlage erhoben worden. Der inzwischen zugunsten einer Energieagentur aufgelöste Energiewendeverein Ziel 21 hatte dies schon vor zehn Jahren empfohlen. In Landrat Thomas Karmasin (CSU) hatte die Idee zunächst keinen Befürworter: allein nicht zu stemmen, lautete seine Begründung.

Nicht zuletzt die Folgen des Kriegs in der Ukraine veränderten den Umgang mit Energie und machten die Volatilität internationaler Abhängigkeiten deutlich. Regionale Energieerzeugung gilt seither auch als Beitrag zur Versorgungssicherheit. Mit etwa 7500 Tonnen Biomüll, die bisher pro Jahr über ein Papiersack-System gesammelt wurden, fiel das Ergebnis im einwohnerstärksten Landkreis Fürstenfeldbruck eher mäßig aus. Eine Studie des Instituts für Abfall, Abwasser und Infrastrukturmanagement (Infa) aus Ahlen fand zudem vor einigen Jahren heraus, dass organische Abfälle im Brucker Land viel zu häufig im Restmüll landen. 

Fürstenfeldbruck hat jetzt endlich auch eine Biotonne

Mit zunehmender Bebauungsdichte steigen in den Tonnen die nicht in den Restabfall gehörenden Wertstoffmengen. Das betrifft insbesondere den städtisch geprägten Osten des Landkreises Fürstenfeldbruck mit seinen großen Kommunen. Das Interesse, die eigenen Bioabfallmengen besser zu erfassen und überdies die Menge zu steigern, ist für den Bau der Vergärungsanlage deshalb essenziell.

Allerdings seien die Zahlen nicht unbedingt vergleichbar, gibt AWB-Leiter Mayer zu bedenken. Denn im Landkreis Fürstenfeldbruck wird Grünschnitt, der auch zum organischen Abfall zählt, schon seit 1987 separat an eigenen Sammelstellen erfasst – etwa 15 000 Tonnen pro Jahr. Auf die Trennung legt man Wert: Denn finden sich weniger holzige Abfälle im Biomüll, wird unter anderem der Gasertrag bei der Vergärung besser.

Eine Analyse soll zeigen, ob sich die Sortiermoral gebessert hat

Seit Jahresanfang steht nun auch in den Haushalten im Kreis Fürstenfeldbruck eine Biotonne – wie es sie in 98 Prozent der deutschen Landkreise bereits gebe, sagt Mayer: „Wir sind die Nachzügler.“ Grund für deren Einführung war auch die Hoffnung, dadurch mehr organische Abfälle zu sammeln. Inwieweit das gelungen ist, lässt sich nach einem halben Jahr bis jetzt nicht sagen. Immerhin die Hälfte der Gebührenzahler machte außerdem vom eingeräumten Recht auf Befreiung Gebrauch, weil sie Bioabfälle auf dem eigenen Komposthaufen entsorgt. Ende des Jahres wird es laut Mayer erste Zahlen dazu geben. Auch eine Sortieranalyse will der AWB Fürstenfeldbruck dann noch einmal in Auftrag geben. Die soll herausfinden, ob sich die Sortiermoral seit Einführung der Biotonne tatsächlich gebessert hat.

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Die Biomüllanlage des Landkreises München in Kirchstockach gleicht nach 24 Jahren einer Ruine. Schuld sind offenbar unzureichende Wartung durch den privaten Betreiber und mangelnde Kontrolle des Landratsamtes. Den Steuerzahler kostet das voraussichtlich eine höhere zweistellige Millionensumme.

SZ PlusVon Vinzenz Neumaier

Bislang wird der gesammelte Biomüll aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck in eine Vergärungsanlage ins fast 100 Kilometer entfernte Volkenschwand im Kreis Kelheim geliefert. Aus dem Grüngut werden bei Mammendorf im Landkreis Fürstenfeldbruck unter anderem Hackschnitzel hergestellt. Der Starnberger Biomüll – im Jahr 2023 waren es rund 11 000 Tonnen – wird je zur Hälfte in Vergärungsanlagen nach Augsburg und Eitting in der Nähe des Münchner Flughafens gebracht. Im Dachauer Land werden derzeit etwas mehr als 6000 Tonnen pro Jahr gesammelt und ebenfalls nach Eitting gefahren.

Die Anlage könnte in der Gemeinde Maisach stehen

Die Gemeinde Maisach im Landkreis Fürstenfeldbruck würde ein Grundstück für eine Vergärungsanlage im Westen des Ortes beim Gewerbegebiet bereitstellen und das dort erzeugte Biogas dann direkt in das Niederdruckgasnetz des Ortes einspeisen lassen. Sie will damit auch gleich ihre kommunale Wärmeplanung erfüllen. Der Standort liegt verkehrsmäßig günstig und kann über die Tangente entlang des Fliegerhorstes zur Bundesstraße 471 angefahren werden. Sollte die Machbarkeitsstudie zu einem positiven Ergebnis führen, dann müssten die Kommunalpolitiker der drei Kreistage der beteiligten Landkreise dem Vorhaben zustimmen – plus ein möglicher weiterer Partner, der auch ein Privatunternehmen sein kann. Vier Jahre dürfte es nach Expertenmeinung dauern, bis die Anlage in Betrieb gehen könnte. Es ist freilich auch nicht ausgeschlossen, dass es so ausgeht wie im Kreis Ebersberg, wo man 2017 ein solches Projekt initiieren wollte, aber an den Kosten und der vergeblichen Suche nach Mitstreitern scheiterte.

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