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Bildung:Die Tücken der Digitalisierung

Für die Anschaffung von Wlan, Whiteboards und Tablets an den weiterführenden Schulen im Landkreis stehen 8,5 Millionen Euro zur Verfügung. Deren Abruf freilich ist kompliziert

Von Heike A. Batzer, Fürstenfeldbruck

Hybridunterricht? Beschulung daheim vor dem Computer? In Corona-Zeiten gilt der virtuelle Unterricht als Alternative, doch die Digitalisierung ist vielerorts längst noch nicht so weit. Auch im Landkreis nicht. Es fehlt an digitaler Infrastruktur und Ausstattung. "Betrüblich nennt jetzt Grünen-Kreisrat Christian Stangl, dass es erst einer Pandemie bedurft habe, "um zu sehen, in welcher Notlage sich Deutschland befindet". Die Digitalisierung hierzulande sei "auf dem Niveau von Moldawien". Ganz niedrig also, will der ehemalige Gymnasiallehrer damit sagen. Und deshalb sei man in der Corona-Krise "so fürchterlich auf den Präsenzunterricht angewiesen".

"Bei uns fehlt es an allen Enden", macht Kreisfinanzreferent Johann Thurner (FW) auf die Situation in Deutschland aufmerksam. "Wir müssten noch viel mehr aufs Gas treten bei der Digitalisierung und nicht alles so bürokratisieren!" Vor fünf Jahren sei er in Estland gewesen, das "uns damals schon um 200 Prozent voraus war". Natürlich sei es besser, wenn es schneller ginge, sagt die neue CSU-Kreisrätin Bettina Betz, die beruflich Leiterin des Brucker Schulamtes ist. Aber die Ausschreibungen bräuchten ihre Zeit. Sie gibt sich optimistisch: Man könne sicher sein, dass die Schulen bestens versorgt würden.

Vor anderthalb Jahren etwa hat die große Politik ihre Digitalisierungsoffensive für die Schulen gestartet, doch umsetzen lässt sich das nicht so schnell. Kompliziert sind die Verteilungsmechanismen des Geldes, es gibt einen sogenannten Digitalpakt und ein Digitalbudget, eines steuert der Bund, das andere der Freistaat Bayern bei. Die kommunalen Verwaltungen dürfen die Pakete nun ausklamüsern und versuchen, Antworten zu finden: Was darf aus welchem Zuschussprogramm angeschafft werden? Was darf auch noch rückwirkend einbezogen werden? Wann die Zeit für die Umsetzung der Maßnahmen abgelaufen? Die kommunalen Behörden als sogenannte Sachaufwandsträger müssen verschiedene Fristen einhalten und konstatieren: "Der Mittelabruf aus dem Digitalpaket ist relativ aufwendig." So steht es in den Unterlagen der Kreisverwaltung, die den Mitgliedern des Kreiskulturausschusses für die laufenden Haushaltsberatungen ausgereicht wurden.

Jede Schule musste vorab ein eigenes Medienkonzept erstellen. Der Landkreis muss, um die staatlichen Zuschüsse zu erhalten, eine Investitionsplanung für die digitalen Anschaffungen vorlegen. Um auch tatsächlich in den Genuss der Fördermittel zu kommen, müssen die entsprechenden Maßnahmen den richtigen Förderprogrammen zugeordnet werden. Der Landkreis muss jedes Mal finanziell in Vorleistung gehen. Kreisrat Thurner hatte die komplizierten Verfahren schon mehrfach in den Sitzungen der Kreisgremien gerügt.

Insgesamt stehen dem Landkreis für seine 18 Schulen (Gymnasien, Realschulen, Berufsschule, Fach- und Berufsoberschulen, Förderzentren) 8,5 Millionen Euro zur Verfügung, um die Digitalisierung im Unterricht voranzubringen. Zehn Prozent der Summe muss er selbst aufbringen, der Rest stammt aus Digitalpakt und Digitalbudget und eines infolge der Corona-Pandemie zusätzlich ausgegebenen "Sonderbudgets Leihgeräte". Verwendet wird das Geld für die Einrichtung von Wlan an den Schulen, für digitale Großbildprojektionen über Beamer, Dokumentenkameras, interaktive Tafeln und die neuen integrierten Fachunterrichtsräume an der Berufsschule.

Mobile Endgeräte, also PCs oder Tablets, werden vom Staat bezuschusst, wenn sie 20 Prozent des Gesamtinvestitionsvolumens des Landkreises oder 25 000 Euro pro Schule nicht überschreiten. Tausend solcher Leihgeräte sind laut Günter Sigl, Schulreferatsleiter im Landratsamt, bereits angeschafft, weitere 350 würden folgen. Am Ende werden 15 Prozent der Schüler solche Leihgeräte zur Verfügung gestellt bekommen. Allein die Frage bleibt: Was macht der Rest? Insgesamt werden die weiterführenden Schulen im Landkreis von 15 000 Schülern besucht.

Und die Lehrer? Dafür gebe es ein Förderprogramm des Freistaats, sagt Christian Stangl. Aber sei es nicht eigentlich Sache des Dienstherrn, die Dienstgeräte zur Verfügung zu stellen: "Wenn Lehrer die Geräte nicht haben, wie sollen sie's dann den Schülern beibringen?"

Und wer kommt eigentlich dafür auf, wenn Hard- und Software erneuert werden müssen? Früher, als man eine Tafel an die Wand geschraubt und diese dann nach 30 Jahren ersetzt habe, sei das noch einfach gewesen, sagt SPD-Kreisrat Andreas Magg. Doch ihm sei bange, wer das Auswechseln von Computern nach drei, vier Jahren dann bezahle. Zudem "brauchen alle Geräte Support", Fachkräfte dafür aber seien schwer zu finden. Drei Mitarbeiter für den IT-Service der weiterführenden Schulen gibt es im Landratsamt bereit, eine vierte Stelle würde im nächsten Jahr beantragt, sagt Referatsleiter Sigl.

Und weil so viel ins benachbarte Ausland geschaut wird während dieser Diskussion, steuert auch Landrat Thomas Karmasin (CSU) noch einen Aspekt bei. In Fürstenfeldbrucks italienischer Partnerstadt Cerveteri, so habe ihm eine Bekannte dort erzählt, müssten sich die Lehrer "das Zeug für das Videoteaching selber beschaffen". Alles sei relativ. "Wir schimpfen da auf hohem Niveau."

© SZ vom 30.11.2020
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