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Bestattung:Flug zur letzten Ruhestätte

Bestatter Peter Kramer verstreut die Asche von Verstorbenen über Bergen und Gewässern

Von Ekaterina Kel, Gilching/Jesenwang

Wenn das nächste Mal eine weiß-blaue Cessna 172 vom Flugplatz in Jesenwang abhebt, könnte respektvolle Stille angebracht sein. Denn den klassischen Schulterdecker nutzt Bestatter Peter Kramer nicht nur für sein Hobby, das Fliegen. Die Chartermaschine mietet Kramer auch als eine Art geflügelten Leichenwagen an, für sogenannte Flugbestattungen.

Wie vergangene Woche, als Kramer eine anonyme Flugbestattung ausgeführt hat: Vier Sitze, fünf Urnen, ein Pilot und ein Begleiter. Kramer verstreut dann bei 70 Knoten, umgerechnet 129 Kilometer pro Stunde, die Asche der Verstorbenen durch zwei eigens dafür angefertigte Edelstahlrohre aus dem Pilotenfenster. Meistens fliegt er über die nächstgelegene Grenze, zum Beispiel in den Kanton Graubünden in der Schweiz, und verstreut die Asche in 10 000 Fuß Höhe, "dass es schön hoch ist", über Alpen oder über Gewässer.

In Bayern gilt nämlich der Friedhofzwang: Verstorbene, ob in Sarg oder Urne, dürfen nicht außerhalb eines Friedhofs oder eines Waldes, der juristisch als Bestattungswald definiert ist, beigesetzt werden. Die Schweiz aber geht liberaler damit um, wo die Überreste Toter ihren Platz finden dürfen. Dort können Angehörige die Urne mit der Asche des Verstorbenen zum Beispiel mit nach Hause nehmen oder in der Natur verstreuen. Diese juristische Feinheit macht sich die Gilchinger Firma "Paradies Flugbestattung" von Peter Kramer, und mit ihm eine Reihe anderer Bestatteter bundesweit, zu eigen, um auf die verstärkte Nachfrage nach ausgefalleneren oder aber auch einfach günstigen Bestattungsmöglichkeiten zu reagieren. Allerding hält Kramer selbst nichts von der Idee, bei der Bestattung eine extravagante Variante auszuprobieren. Denn: "Sterben tut man ja nur einmal, da kann man nichts ausprobieren."

Den klassischen Schulterdecker, eine Cessna, nutzt Bestatter Peter Kramer nicht nur für sein Hobby, das Fliegen.

(Foto: Imago)

Wenn es nicht in die Schweiz geht, dann ist für Kramer die Nord- oder Ostsee das Ziel, außerhalb der Dreimeilenzone, wo die Hoheitsgewässer Deutschlands aufhören. Das könne schon kostspieliger werden, besonders, wenn Angehörige mitreisen wollen. 250 Euro nimmt Kramer pro Flugstunde, maximal können zwei Passagiere mit. "Meistens machen die Angehörigen Fotos oder werfen Rosen hinterher", erzählt Kramer. Aber große Rituale gibt es nicht: "Man fliegt hin und dann wird die Asche verstreut." Musik könne man sowieso vergessen, dafür sei der kleine Flieger viel zu laut.

Zehn Prozent der von ihm Bestatteten, schätzt Kramer, hätten zu Lebzeiten eine ausdrückliche Affinität zum Fliegen oder zur Luft gehabt, leidenschaftliche Fallschirmspringer oder Piloten, zum Beispiel. Die meisten Angehörigen nutzten das Angebot jedoch aus pragmatischen Gründen - für eine Flugbestattung nimmt Kramer weniger als 400 Euro, eine Einäscherung bietet seine Firma ebenfalls an. Ist die Asche einmal verstreut, entstehen keine weiteren Kosten wie die Friedhofsgebühr. Auch die Pflege eines Grabs, der sich immer weniger Angehörige widmen können, entfällt. Weil die Familien immer öfter in ganz Deutschland verstreut leben, keine Zeit oder kein Geld haben, um sich dieser Aufgabe zu widmen, so vermutet Kramer, kämen viele mit dem Wusch einer Flugbestattung zu ihm. Die meisten bevorzugten eine anonyme Bestattung, etwa weil es keine Hinterbliebenen mehr gebe. Hinzu kommt der allgemeine Trend zur Einäscherung der Toten. In Deutschland wird mittlerweile mehr als die Hälfte aller Toten eingeäschert. Die Urne mit der Asche wird meistens trotzdem auf einem klassischen Friedhof in die Erde eingelassen.

Gilching , Leser diskutieren mit SZ.

Ein Flugzeug wie die Cessna verwendet Peter Kramer für seine Bestattungsflüge ins nahe gelegene Ausland.

(Foto: Georgine Treybal)

Auch Kramer bietet weiterhin die herkömmlichen Bestattungsarten an. Und zusätzlich fliegt er seit zwölf Jahren auch mal mit der Asche los. Anfangs noch mit seiner eigenen Maschine, doch nachdem der Flugplatz in Fürstenfeldbruck endgültig geschlossen wurde, hat er sie verkauft. Jetzt mietet er für Flugbestattungen eine Cessna ungefähr 20 bis 30 Mal im Jahr an. Reich werde er dadurch nicht, sagt der Bestatter, das Fliegen sei für ihn ein Nebengeschäft. Er decke mit den Einnahmen gerade mal die Kosten für die Fliegerei. Und nebenbei kommt der Hobbyflieger und Präsident des Turn- und Sportvereins Gilching-Argelsried auf seine zwölf Flugstunden im Jahr, die er für den Flugschein nachweisen muss. Er würde die Flugbestattung nicht jedem Kunden empfehlen, sagt Kramer. Es gebe danach keine Grabstätte für die Trauernden. Und eine Anlaufstelle, das weiß der Bestatter, brauche man oft für die eigene Trauerbewältigung.

© SZ vom 30.10.2017
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