Berliner Ensemble Große Schauspielkunst

Wütend trommelt Nico Holonics als Oskar Matzerath auf seinem Instrument gegen eine kaputte Welt an.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Furiose Inszenierung der Blechtrommel mit Nico Holonics

Von Florian J. Haamann, Fürstenfeldbruck

Wie erzählt man eine Geschichte die wohl jeder im Publikum kennt und die doch alle noch einmal hören wollen, sonst wären sie ja nicht hier. Mit diesem Problem eröffnet Nico Holonics als Oskar Matzerath seinen fulminanten Theaterabend. Ja, es ist wortwörtlich sein Abend, denn Regisseur Oliver Reese hat die Blechtrommel auf ein gerade einmal 50-seitiges Ein-Mann-Stück zusammen gekürzt, das vor allem einem Zweck dient: Einen großartigen Schauspieler einmal so richtig in Szene zu setzen. Und Holonics nutzt diese Chance auf großartige Weise. Davon konnten sich die Besucher nun beim Gastspiel der Inszenierung des Berliner Ensembles im ausverkauften Stadtsaal überzeugen.

Wie also erzählt man diese bekannte, literaturpreisgewürdigte Geschichte? Antwort eins: So wie sie schon einmal erzählt worden ist, von Volker Schlöndorff in seinem ikonischen Film von 1979; den dritten Teil des Romans ausblendend und mit all den Szenen, die sich so tief in die Köpfer jedes Zuschauers eingebrannt haben: der Treppensturz, der Pferdekopf, das Brausepulver, das Parteiabzeichen. Antwort zwei: noch einmal zugespitzter auf Oskar, den Holonics endgültig zum kühl berechnenden, soziopathischen Egomanen macht.

Knapp zwei Stunden lang manipuliert er mit dem Takt seiner Trommel nicht nur das Leben seiner Familie und der Gesellschaft, sondern mit Gesten auch die Licht- und Soundtechnik. Oskar, der sich als Jesusfigur versteht, dirigiert hier also nicht nur die Erde, sondern auch den Himmel. Zum Erlöser wird er allerdings nicht, weder für sich noch für die anderen.

Dafür ist die Welt um ihn herum viel zu kaputt. Und es sind weniger die Nazihorden, deren Parteitag er stört und die er zum Strauss-Walzer "An der schönen blauen Donau" marschieren lässt, die für sein ebenso kaputtes Leben verantwortlich sind. Es ist vielmehr die Konstellation eine komische Mutter und zwei noch komischere Väter mit Oskar unter einem Dach, die den Jungen zum physischen und psychischen Gnom werden lassen.

Und so tobt er wie ein Wilder durch die von Bühnenbildner Daniel Wollenzin bereitete Arena: ein Boden voller Erde - gleichzeitig das kaschubische Kartoffelfeld auf dem mit Oskars Großmutter Anna Bronski alles beginnt und Symbol für die vom Ersten Weltkrieg zerstörte Gesellschaft -, ein übergroßer Stuhl und ein Loch im Boden, dazu ein Reisekoffer und natürlich rot-weiß gezackte Blechtrommeln, etwa ein Dutzend davon, die immer wieder Holonics stampfenden Füßen zum Opfer fallen, so wie es später Mutter, Erzeuger und Vater tun.

Holonics stampft und marschiert viel, hin und her, nutzt den kompletten Bühnenraum. Wenn sein Oskar, mit Dreiviertel-Latzhose, blauer Strickjacke und sauber gezogenem Seitenscheitel, mal wieder Glas zerspringen lässt, verstümmelt er den Schrei zum Krächzen, wischt dann mit einer ausgestreckten Hand durch die andere Handfläche und macht cartoonartige Klirr- und Berstgeräusche. Als er dann das prickelnde Brausepulver aus dem Bauchnabel seiner verehrten Maria leckt, verwandelt er sich zum sabbernden Lüstling, in dessen Augen und der fast wahnhaften Fratze sich eine schwer erträgliche Gier spiegelt. Davor allerdings steigt er von der Bühne, spricht die Besucher direkt an, "echtes Brausepulver aus Berlin. Ist das in Fürstenfeldbruck ein Begriff?". Dann streckt er ihnen die Hand mit dem Pulver entgegen, lässt sie probieren. "Aber vorher die Finger schön anfeuchten".

Wenn notwendig, schlüpft Holonics sekundenweise in die Rollen der anderen und schafft es augenblicklich, eine andere Körperhaltung, Mimik, Gestik und Aussprache zu übernehmen. Das ist wirklich eindrucksvolle Schauspielkunst. Da macht es auch gar nichts, das Reese diesmal erst gar nicht versucht, dem großartigen Roman eine neue Interpretation überzustülpen, ihn zu modernisieren oder irgendwelche innovativen Regiekonzepte zu testen.