bedeckt München 11°

Berichterstattung über Corona-Tote:Von Freiheit und Egoismus

Immer wider verweisen Menschen auf das hohe Alter der Corona-Opfer. Das zeigt einen erschreckenden Mangel an Menschlichkeit

Kommentar von Ingrid Hügenell

Wieder meldet die Fürstenfeldbrucker SZ in dieser Ausgabe einen Corona-Toten. 69 Menschen sind im Landkreis bisher an Covid-19 gestorben. Wir melden die traurigen Zahlen, weil die Toten uns und unsere Leser daran erinnern, warum wir die Einschränkungen beachten sollen. Warum wir eine Maske tragen, Abstand halten, generell rücksichtsvoll sind und so versuchen, das Virus nicht zu verbreiten und uns selbst nicht anzustecken. Denn auch wer überlebt, hat nicht selten mit schwerwiegenden Langzeitfolgen zu kämpfen.

Es gibt Leute, die behaupten, wir würden Menschen, die bei Verkehrsunfällen sterben, in der Zeitung nicht ebenso erwähnen wie die Opfer von Covid-19. Das ist falsch. Es sterben im Verkehr nur einfach viel weniger Menschen - glücklicherweise. Fünf waren es im Jahr 2019, und über jeden wurde berichtet. An der neuartigen, gefährlichen Viruserkrankung sind bisher im Landkreis fast 14-mal mehr Menschen gestorben. Vor 40, 50 Jahren, daran muss man erinnern, kamen bei Verkehrsunfällen wesentlich mehr Menschen ums Leben als heute. Dass die Zahlen stark gesunken sind, liegt an einer Reihe von Vorschriften: der Pflicht, sich im Auto anzuschnallen, Kinder in einen Kindersitz zu setzen und beim Motorradfahren einen Helm zu tragen beispielsweise. Dazu kommt die immer bessere technische Ausstattung der Fahrzeuge. Viele fühlten sich in ihrer Freiheit eingeschränkt, als 1976 die Gurtpflicht eingeführt wurde. Auf das laute Geschrei folgte Akzeptanz. Heute ist der Sicherheitsgurt absolut selbstverständlich. Er hat Tausende Leben gerettet.

In der gegenwärtigen Situation gibt es wieder viele, die sich in ihrer Freiheit beschränkt sehen. Was sie verdrängen: Die Freiheit des Einzelnen endet immer da, wo sie die Grundrechte anderer beschneidet. Im Falle einer tödlichen Krankheit ist das das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Wer ohne Maske und ohne Abstand unterwegs ist, verteidigt nicht seine Freiheit. Er lebt seinen Egoismus aus, wo Rücksichtnahme angebracht wäre. Dieser Egoismus zeigt sich ebenso bei Menschen, die meinen, sie dürften überall spazieren gehen, durch die Felder der Bauern, in den stillsten Ecken des Waldes oder sie hätten das Recht, im Biotop Picknick zu machen. Ihnen allen mangelt es in erschreckendem Maß an Gemeinsinn und Verantwortungsbewusstsein.

Einfach nur zynisch ist die Äußerung, die meisten Menschen, die an Covid-19 sterben, seien ohnehin alt gewesen. Als wäre ihr Tod deshalb egal! Um all diese Menschen trauern nun Ehepartner, Kinder, Enkel und Freunde. Sie hätten ohne die Viruserkrankung vielleicht noch mit ihren Familien Weihnachten feiern können, einige hätten noch Jahre vor sich gehabt. Wem das nichts bedeutet, dem mangelt es an Menschlichkeit.

© SZ vom 05.12.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema