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Bauernproteste im Landkreis:Grüner Kreuzzug

Die Jungbauernschaft hat fast 70 grüne Kreuze zusammengezimmert. Sie sollen überall im Landkreis aufgestellt werden. Das grüne Kreuz auf dem Bild steht im Brucker Ortsteil Puch, nahe der Kaisersäule.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Die Landwirte demonstrieren mit Traktorfahrten gegen neue gesetzliche Vorschriften - und mit einem christlichen Symbol. Daran entzündet sich auch Kritik

Mit grünen Holzkreuzen, die sie in ihre Äcker stecken, protestieren Bauern im Landkreis. Die Jungbauern im Landkreis haben kürzlich 68 Kreuze zusammengezimmert, berichtet Martin Staffler. Er hoffe, dass auch alle aufgestellt würden, überall im Landkreis. Der 27-Jährige führt im Nebenerwerb einen Ackerbaubetrieb in Maisach. Ihn treibt um, dass die Bauern strengere Auflagen bekommen, gleichzeitig aber mit dem Freihandelsabkommen Mercosur ein Vertrag geschlossen wird, durch den billiges Fleisch ins Land kommen kann, das ohne Umweltstandards in Südamerika produziert wurde.

"Die Politik interessiert sich nicht für die Landwirte", sagt Staffler. "Es geht nur um die Autoindustrie, deshalb werden Abkommen wie Mercosur geschlossen." Staffler sagt, er selbst könne jederzeit den Hof aufgeben und sein Geld als Elektriker verdienen. Das könnten aber seine Kollegen nicht, die hohe Summen in riesige Ställe gesteckt hätten und jeden Tag viele Stunden arbeiten müssten - "für einen Stundenlohn unter fünf Euro". Das hätten sie in der Landwirtschaftsschule ausgerechnet. "Wie lange kann und will man sowas machen?", fragt er. Er würde jedenfalls nicht mit den Vollerwerbskollegen tauschen wollen.

Der bayerische Bauernverband unterstützt die Aktion ebenfalls, sieht in den grünen Kreuzen "Mahnzeichen gegenüber der Politik und Gesellschaft". So steht es auf der Homepage des Verbands. Die Kreuze mahnten gegen "steigende Auflagenflut, überzogene Bürokratie, Dumpingpreise für Essen, ungebremsten Flächenverbrauch, unfaire Handelspolitik", heißt es. Stattdessen wolle man unter anderem weiter Pflanzenschutzmittel anwenden und nach Bedarf düngen dürfen.

Die grünen Kreuze gibt es in ganz Deutschland. Die Aktion geht auf Wilhelm Kremer-Schillings zurück, der sich "Bauer Willi" nennt, aber nur im Nebenerwerb etwas Landwirtschaft betreibt. Lange Zeit war er Projektmanager in der Chemie-Sparte des Schering-Konzerns, aktuell gehört er dem Vorstand der Buir-Bliesheimer Agrargenossenschaft an, die unter anderem mit Agrarchemikalien handelt. Die "Tageszeitung" (taz) bezeichnet ihn deshalb als "Chemie-Lobbyisten".

An der Grüne-Kreuze-Aktion gibt es viel Kritik. Hans Zacherl zum Beispiel hält wenig von der Symbolik. "Das Kreuz steht als christliches Symbol für den Glauben und die Erlösung. Wir finden es problematisch, wenn man damit auf sich aufmerksam macht", sagt er. Der 49-Jährige bewirtschaftet einen Bauernhof in Langwied (Gemeinde Moorenweis) und ist stellvertretender Landesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Natürlich sieht er die Probleme der Landwirtschaft. Aber auch viele Metzger, Bäcker oder Schuhgeschäfte kämpften ums Überleben und machten nicht auf diese Weise auf sich aufmerksam.

Auch die Proteste, die von der noch recht jungen Initiative "Land schafft Verbindung" organisiert werden, hält er für problematisch. Denn dabei gehe es darum, dass "alles bleiben muss, wie es ist". Dabei sei keiner zufrieden mit dem Zustand, weder die Bauern noch die Verbraucher, und auch der Umwelt gehe es schlecht. Zacherl wünscht sich einen gesellschaftlichen Konsens, wohin es mit der Landwirtschaft gehen solle. Dazu müssten sich alle zusammensetzen und ein Leitbild für die Landwirtschaft entwickeln. Proteste, die darauf abzielten, nichts ändern zu müssen, führen Zacherls Überzeugung nach "mit Vollgas ins Abseits". Mit solchen Aktionen könne man nicht um Vertrauen werben. "Der Schuss geht nach hinten los."

Auf einen Dialog zwischen Bauern und Verbrauchern hofft auch Gabriele Triebel. Die Landtagsabgeordnete der Grünen für Fürstenfeldbruck-West trifft immer wieder Landwirte, um sich deren Sorgen und Nöte anzuhören. Die Landwirte müssten zu ihrer Verantwortung für sauberes Trinkwasser und die Artenvielfalt stehen. "Ich würde es begrüßen, wenn die Bauern in die Diskussion einsteigen würden, wie sie zum Arten- und Grundwasserschutz beitragen können." Jedermann müsse nach seinen Möglichkeiten handeln. "Es sind sich ja alle einig, dass eine Änderung kommen muss." Bauernproteste wie die mit den grünen Kreuzen finde sie "kontraproduktiv und rückwärtsgewandt".

Triebel hält auch eine Veränderung des Verbraucherverhaltens für notwendig, hin zu größerer Wertschätzung von Lebensmitteln, weg von Billig- und Fertigprodukten. "Wir haben die Landwirtschaft, die wir als Verbraucher wollen", sagt sie. Die Politik sei gefragt, den Rahmen vorzugeben.

Zacherl protestiert auch, er ist jedes Jahr bei den Demonstrationen unter dem Motto: "Wir haben es satt", in Berlin dabei. Die AbL gehört zu den Trägern dieser Initiative, zusammen mit den Verbänden des ökologischen Landbaus und des Naturschutzes, aber auch Produzenten von Bio-Lebensmitteln und Hilfsorganisationen wie Brot für die Welt und Misereor.

Zacherl war nach dem Volksbegehren zur Artenvielfalt Mitglied des runden Tischs, den Ministerpräsident Markus Söder einberufen hatte. Er wünscht sich einen runden Tisch, an dem ausgehandelt wird, wie Politik, Gesellschaft und Bauern die Landwirtschaft so umgestalten können, dass es für alle passt.

© SZ vom 23.01.2020
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