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Autoteststrecke auf ehemaligem Flugplatz:Streit um Expansion ins Schutzgebiet

BMW will sein Fahrsicherheitszentrum am Fliegerhorst Fürstenfeldbruck auf FFH-Flächen erweitern. Dagegen regt sich Widerstand. Pläne liegen trotz einer Vereinbarung mit den Anrainerkommunen noch nicht vor

Der Juni ist vergangen, und was nicht auf dem Tisch liegt, ist ein vollständiges Plankonzept von BMW für die Erweiterung ihres Fahrsicherheitszentrums auf dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck. Das aber hätten Fürstenfeldbruck und Maisach als Anliegerkommunen und Vertragspartner von BMW erwartet. Weil es keine konkrete Planung gibt, wird unter anderem vom Bund Naturschutz Kritik laut, dass sich eine Erweiterung des Fahrsicherheitszentrums in ein geschütztes Fauna-Flora-Habitat-Gebiet negativ auswirken würde. Dass die Folgen massiv sein könnten, scheint nicht unbegründet zu sein. Das lässt sich aus den Vorplanungen im städtebaulichen Vertrag schließen, der der SZ vorliegt.

Im November vergangenen Jahres hat sich BMW durch diesen städtebaulichen Vertrag mit der Stadt Fürstenfeldbruck und der Gemeinde Maisach die Grundlagen für den dauerhaften Betrieb des Fahrsicherheitszentrums, das bei BMW "Driving Academy" heißt, sowie dessen Erweiterung gesichert und ein Konzept bis 30. Juni angekündigt. Der Vertrag ist ein übliches Vorgehen, wenn sich Kommunen absichern wollen. Momentan liegt auf Fürstenfeldbrucker Flur nur das Schulungs- und Verwaltungsgebäude von BMW, auf Maisacher Flur aber der größere Teil, das Gelände für das Fahrsicherheitszentrum. Auf den 130 Hektar Fläche, die BMW von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) gepachtet hat, ist nur ein kleiner Teil bebaut. Die noch versiegelten Flächen des Flugplatzvorfelds werden für das Training von BMW-Kunden benutzt.

Dass der städtebauliche Vertrag ausgehandelt wurde, ohne dass in Bruck und Maisach die Räte öffentlich darüber tagten, regt die Kritiker der Fliegerhorstplanung von BMW, unter ihnen Eugenie Scherb, Kreisvorsitzende des Bundes Naturschutz, und der Grünen-Landtagsabgeordnete Martin Runge, auf. Sie merken an, dass anscheinend nur Brucks OB Erich Raff und Maisach Bürgermeister Hans Seidl (beide CSU) beteiligt gewesen seien. Ähnlich argumentiert Runge, wenn es um den Zweckverband für die Entwicklung des übrigen Fliegerhorstgeländes geht. In diesem Zweckverband sind Fürstenfeldbruck, Olching, Maisach und Emmering vertreten, moderiert wird das Ganze von Landrat Thomas Karmasin (CSU).

Auf dem Vorfeld vor den Flugzeugbunkern stehen die Fahrzeuge bereit, die in der "Driving Academy" von BWM gefahren werden.

(Foto: Stefan Salger)

Teil dieses städtebaulichen Vertrags sind vier Anlagen, die Karten des BMW-Pachtgebiets zeigen, unter anderem die Stellen für die im Vertrag vereinbarten Lärmmessungen, aber auch die beabsichtigte Erweiterung. Sind bislang mehr oder weniger nur Geradeausfahrten auf dem Vorfeld möglich, so könnten den Kunden nach der Erweiterung drei miteinander verbundene Strecken in einem möglicherweise 22 Hektar großen Areal zur Verfügung gestellt werden. Die Teststrecken würden bis an den Rand der neuen Maisacher Südumfahrung reichen, Zufahrten in den Fliegerhorstbereich sind bereits beim Bau der Straße vorgesehen worden. Ohnehin hat sich BMW in dem städtebaulichen Vertrag verpflichtet, die notwendige Erschließung für die bestehenden und die geplanten Anlagen selbst zu bezahlen.

Der Bund Naturschutz lehnt eine Expansion von BMW auf dem nördlichen Teil des Fliegerhorsts ab und hat angekündigt, gegen den erforderlichen Bebauungsplan notfalls zu klagen. Der Kreisverband begründet dies mit dem seiner Überzeugung nach unzulässigen Eingriff in ein streng geschütztes Naturschutzgebiet. Die Flächen sind als Flora-Fauna-Habitat eingestuft. Die Kreisvorsitzende Eugenie Scherb unterstrich die Ablehnung der Entwürfe am Freitag auf der Sitzung des Brucker Umweltbeirats. Seit sechs Jahren wehre man sich, werde aber von den beteiligten Kommunen - Maisach und Fürstenfeldbruck - übergangen. Auf etwa 250 Hektar im nördlichen, teils bereits militärisch entwidmeten Teils des früheren Flugplatzes gibt es Scherb zufolge Blühwiesen, Flachlandmähwiesen von überregionaler Bedeutung sowie Trockenrasen, darauf leben Tiere wie die vom Aussterben bedrohte Plumpschrecke und Vögel wie Feldlerche, Braunkehlchen und Brachvogel. Etwa die Hälfte davon dürfte BMW nun beanspruchen. Die Bebauung von FFH-Flächen sei gesetzlich aber nur dann zulässig, wenn "sehr hohes öffentliches Interesse" belegt werden könne. Und eine Nutzung durch eine private Firma für Fahrtests und "Motorradevents" auf einer "Rennstrecke" sowie möglicherweise "nächtliche Events", die der Kreisstadt sowie Teilen Maisachs und Gernlindens vor allem Lärm, Feinstaub und Stickoxide beschere, erfüllt dem BN zufolge diese Ansprüche keinesfalls. In den zurückliegenden Jahren war das Gelände immer mal wieder ins Spiel gebracht worden als mögliches Entwicklungszentrum für Batterien oder auch Produktionsstandort. Diese Nutzung scheint aber vom Tisch zu ein.

Mit Blick auf das jüngste Volksbegehren kann Scherb nicht nachvollziehen, wie ausgerechnet in einem Landkreis mit lediglich zwei Prozent Naturschutzflächen nun große Bereiche von Blühflächen verschwinden sollen - und weit weg im Mallertshofer Holz bei Freising durch die Höherstufung bereits vorhandener Naturschutzflächen "ausgeglichen" werden soll.

Der Grünen-Landtagsabgeordnete Martin Runge kritisiert die angebliche Vorzugsbehandlung von BMW auch durch der bundeseigenen Immobiliengesellschaft Bima als Grundeigentümer.2011 war zwischen Bima und BMW ein Mietvertrag geschlossen worden, der eine zehnjährige Nutzung der 130 Hektar großen Fläche auf dem zu Maisach zählenden Teil des Fliegerhorsts vorsieht. Es wurde zudem bereits der Preis für einen möglichen anschließenden Kauf festgelegt: acht Millionen Euro, 6,20 Euro pro Quadratmeter. Weil der Preis für landwirtschaftlich genutzte Flächen zugrunde gelegt wurde, hält Runge den Preis für geradezu lächerlich niedrig.

Südlich der Maisacher Umfahrung ist die Erweiterung der Teststrecke vorgesehen, wie aus dem Plan der "BMW M GmbH" hervorgeht.

(Foto: Repro)

Was BMW nun genau plant und ob der Entwurf aus dem städtebaulichen Vertrag immer noch Grundlage für die derzeitige Planung ist, weiß man nur bei BMW selbst. Eine Sprecherin bestätigte am Dienstag lediglich, dass an Plänen gearbeitet werde, in den kommenden Wochen "Abstimmungsgespräche" stattfänden und mit einer "Entscheidung noch vor der Sommerpause" zu rechnen sei.

Wie sich die BMW-Pläne dann mit denen der Zweckverbandskommunen vertragen, die nach dem Abzug der Bundeswehr - vermutlich 2023 - gemeinsam das Gelände überplanen und nutzen wollen, ist ebenfalls noch unklar. Die Kreisstadt will den zu ihrem Gebiet zählenden Bereich zwischen dem sogenannten Kilometerbau im Süden und der Driving Academy im Norden als "urbanes Gebiet" ausweisen, für das nicht so strenge Auflagen in punkto Lärmschutz gelten wie für ein reines Wohngebiet. Die Stadt hat durch den städtebaulichen Vertrag für sich geklärt, dass diese Lärmgrenzen eingehalten werden müssen. Eine der wichtigsten Voraussetzungen, um auf dem Kasernengelände Wohnungen bauen zu können.

Georg Tscharke, dem Vorsitzenden des Brucker Umweltbeirats, zufolge ist die Expansion von BMW längst noch nicht ausgemachte Sache. Ein mit dem Thema vertrauter Mitarbeiter von BMW, der nicht namentlich genannt werden will, habe ihm mitgeteilt, dass sich der Automobilkonzern wegen des anhaltenden Widerstands möglicherweise wieder aus dem Projekt zurückziehen wolle.