Ausstellung:Technik und Emotion

FÜRSTENFELDBRUCK: Führung durch die Ausstellung Erleuchtet: Faszination elektrisches Licht

Als die Elektrizität neu war, war sie schon eine Ausstellung wert: Petra Vögele (links), Besucherinnen und ein Plakat aus Puchheim.

(Foto: Leonhard Simon)

Astrid Vögele führt auf unterhaltsame Weise durch die Ausstellung "Erleuchtet" im Museum Fürstenfeldbruck

Von Sonja Pawlowa, Fürstenfeldbruck

Technik muss nicht trocken sein. Eine unterhaltsame Verbindung von elektrisierendem Wissen und Storytelling gelingt Petra Vögele mit der Führung durch die Ausstellung "Erleuchtet" im Museum Fürstenfeldbruck. Faszinierend ist nicht nur der Siegeszug von Strom und elektrischem Licht, sondern auch wie Oskar von Miller diese Technik nach Bruck brachte.

Ohne Strom ist das Leben des 21. Jahrhunderts undenkbar. Dass die Elektrifizierung gar nicht so lang zurückliegt und das tägliche Leben massiv verändert hat, das illustriert Petra Vögele sehr deutlich bei jedem Exponat. Zusammensitzen um zentrale, spärliche Lichtquellen wie etwa Kienspan oder das Herdfeuer, kurze Wintertage ohne Privatleben waren wohl alles andere als romantisch. Zwar ist eine natürliche Taktung sicherlich gesund für Geist und Seele, aber auch eine gewaltige Einschränkung. Wie durch Spotlights belichten Gemälde aus verschiedenen Epochen, wie sich die Entwicklung von Innen- und Außenbeleuchtung auf den einzelnen Menschen und die Gesellschaft auswirkten. Licht und Schatten sind offensichtlich: abendliches Lesevergnügen im Bett versus Nachtschichten, die die Arbeitszeit verlängern.

Die Ausstellung verfolgt zwei Stränge. Erfindungen und Fortschritt sowie revolutionäre Ingenieurleistungen werden vom Glühstrumpf bis zur Glühbirne der Reihe nach erklärt. Daneben spielt aber der Bezug zu Fürstenfeldbruck eine maßgebliche Rolle. Die familiäre Verbindung von Oskar von Miller und seinem Onkel Johann Baptist Miller beispielsweise hatte die Auswirkung, dass Bruck zu den ersten elektrifizierten Gemeinden in Bayern gehörte. Mit liebevollen Details schildert Petra Vögele, wie der Brucker Bürgermeister Johann Baptist Miller 1891 Kontakt zu seinem Neffen Oskar aufnahm, um durch die brandneue elektrische Technik die Cholera einzudämmen. Ohne die strombetriebenen Wasserpumpen hatte das oberflächliche Abschöpfen von Trinkwasser aus der Amper immer wieder zu Seuchen geführt. Bürgermeister Miller wollte aber mehr. Alle Haushalte und Handwerksbetriebe sollten mit Strom versorgt werden.

1892, im Jahr als in Bruck das Licht anging, hatte der Ort nur 3100 Einwohner, die gespannt bei einsetzender Dunkelheit auf das Aufglühen der fünf Bogenlampen auf dem Marktplatz warteten. Doch das Licht fiel bei der feierlichen Inbetriebnahme der öffentlichen Straßenbeleuchtung nach 30 Minuten wieder aus. Nicht ein Versagen des blitzneuen Kraftwerks in Schöngeising war schuld, sondern der Bierdurst der Arbeiter. Sie prosteten sich beim Wirt mit einem Bier zu und bemerkten deshalb nicht, dass ein Flachriemen an den Turbinen abgesprungen war. Mit solchen Geschichten zaubert Petra Vögele Gefühle in schnöde Jahreszahlen.

Doch auch Exponate wie ein ehemals mit 120 Glühbirnen bestücktes Holzkreuz werfen ein interessantes Licht auf Oskar von Miller. Als gläubiger Katholik spendete er das Millerkreuz an die Leonhardikirche, wo es ab dem Gründonnerstag 1893 alljährlich zu Ostern leuchtete. Für die Teilnehmer der Führung gehört das Kreuz zu den beeindruckendsten Exponaten. Wobei die Besucherin Magdalene Weichel gerne in aller Ruhe die Schautafeln und Beschreibungen zu einem anderen Zeitpunkt genauer studieren möchte, denn die Informationsflut ist immens. Allein die zeitlos schönen Art-Deco-Lampen von Jean Perzel sind eine weitere Betrachtung wert. Der als Johann Perzel geborene Brucker hat sein Know-how auf der Walz zusammengesammelt und schließlich in Paris sein heute noch existierendes Atelier für elegantes Lampendesign und die intelligente Lichtlenkung gegründet.

Auch Diplomingenieur Gerhard Seiler vom Arbeitskreis Technikgeschichte ist sehr beeindruckt von der Zusammenstellung der Ausstellung. "Schade, dass es keinen Katalog gibt," sagt er. Amüsiert hat ihn das Foto von Oskar von Miller, das den jungen Mann mit einem Blumenstrauß vor der Haustür seiner künftigen Ehefrau Marie Seitz abbildet. Eine große Liebe, wie es scheint. Davon zeugt auch das ausgestellte Geschenk Oskar von Millers für seine Frau: eine Goldkette mit den winzigen Porzellan-Isolatoren, die wie kleine Perlen wirken.

Emotional aufwühlend sind vor allen Dingen zwei Satellitenbilder, die Europa bei Nacht zeigen. Aufnahmedatum 1992 und 2013. Die Zunahme der Lichtverschmutzung ist augenscheinlich und löst Diskussionen aus. Spätestens an dieser Stelle taucht wieder die Frage nach Licht und Schatten auf. Weitere Aspekte von Hell und Dunkel sind aktuell auch andernorts im Museumsverbund Landpartie rund um München zu sehen. Das Museum Fürstenfeldbruck erleuchtet noch bis Ende September.

© SZ vom 07.09.2021
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