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Ausstellung:Präzision aus Puchheim

Das Stadtarchiv präsentiert in einer Ausstellung Theodoliten der Ertel-Werke, die die Vermessung revolutioniert haben. Der Betrieb gehörte seit dem Biedermeier zu den international führenden Herstellern

Sieben Jahre reiste der Mathematiker und Kartograf Philipp Apian kreuz und quer durchs Land, bis er 1563 eine erste halbwegs akzeptable Karte von Altbayern vorlegte - die allerdings etwa zur Orientierung auf Reisen nicht getaugt hätte. Ein Bruchteil des Aufwands ist heute dank GPS und elektronischer Datenverarbeitung notwendig, um exakte, digital erzeugte Karten herzustellen. Dazwischen liegt das Zeitalter der Theodolite und Nivelliere, feinmechanischen optischen Geräten, mit denen man Winkel und Höhen exakt feststellen konnte, um Land genau zu vermessen. In der Herstellung war lange Zeit die Firma Ertel international führend, die von 1957 bis 1984 in Puchheim solche Geräte fabrizierte. Eine beachtliche kleine Sammlung ihrer Geräte zeigt das Puchheimer Stadtarchiv bei einer informativen Ausstellung in der Galerie des Kulturzentrums Puc.

Vor drei Jahren hatte das Stadtarchiv eine erste Broschüre zur Geschichte der Ertel-Werke veröffentlicht, die der Journalist und ehemalige Stadtarchivar Werner Dreher geschrieben hatte. Gegründet wurde das Unternehmen 1802 von dem Erfinder Georg von Reichenbach in München. Das Unternehmen produzierte damals die besten astronomischen Fernrohrobjektive, Messinstrumente und Theodolite. Josef von Fraunhofer lieferte Linsen, Prismen und andere Bauteile. Reichenbach übertrug die Firmenanteile 1821 an Traugott Leberecht von Ertel, seinen Werkmeister aus Sachsen. Der baute das Geschäft weiter aus. Sternwarten in Sydney und Sankt Petersburg bestellten bei ihm Geräte. Dazu produzierte der Betrieb Draisinen, Strommesser, hydraulische Pressen, Feuerspritzen, angeblich sogar Teile der ersten in München gefertigten Lokomotiven. Der Techniker August Diez kaufte das Unternehmen 1890 und schaffte den Übergang zur industriellen Serienfertigung.

Gezeigt werden auch einige der ältesten Theodoliten aus den 1820er-Jahren.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

1957 verlegte Firmenchef Carl Preyß den Betrieb in ein Gebäude an der Gröbenzeller Straße 13 in Puchheim, das die Firma Hess-Musik acht Jahre vorher gebaut hatte, um Instrumente herzustellen, bis die Rezession nach dem Koreakriegsboom dieses Geschäft beendete. Mit Ertel ging es in den folgenden Jahren in Puchheim bergauf, weil die Theodolite in der Bauindustrie und vom Militär gefragt waren.

Dreher und die Stadtarchivarin Mandy Frenkel sind am Thema drangeblieben, außerdem fand die erste Broschüre einige Resonanz. Ehemalige Mitarbeiter der Ertel-Werke meldeten sich, die von dem Betrieb erzählen konnten - darunter der Feinmechanikermeister Herbert Ruscha aus Maisach, der eine Reihe von Instrumenten besitzt. Außerdem hat die Stadt inzwischen einige Geräte gekauft. Das Ergebnis ist eine zweite Broschüre über die Ertel-Werke, die sich vor allem mit den Produkten beschäftigt, als auch die Ausstellung im Puc, die Dreher und Frenkel kuratiert haben.

Die übersichtlich gestaltete Ausstellung schildert die Geschichte der Ertelwerke von den Anfängen bis zum Konkurs 1984 und ordnet die Bedeutung der Geräte in die Entwicklung der Landvermessung ein. Dreher und Frenkel gehen auf die Bedeutung der Feldgeschworenen ein, die für die Feststellung von Grundstücksgrenzen verantwortlich waren und sind. Gezeigt werden die allerersten Karten von Puchheim von 1809 aus dem bayerischen Urkataster: Das Altdorf bestand aus ein paar Häusern, und das spätere Puchheim-Bahnhof bot sich als Landschaft aus Feldern und Moor dar, durch das sich der Gröbenbach friedlich und ausufernd schlängelte.

Auch Exemplare für Baustellen aus der Nachkriegszeit und das Militär gibt es zu sehen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Dazu sind eine ganze Reihe von Geräten ausgestellt, die das Landesvermessungsamt und Herbert Ruscha zur Verfügung gestellt haben. Die ältesten Geräte sind ein Distanzmesser von Reichenbach, der um 1820 gebaut wurde, sowie ein Theodolit von anno 1823. Gezeigt werden Exemplare für die Baubranche, denen Ertel seinen Erfolg im Wirtschaftswunderland verdankte, sowie als erfolgreiches Nischenprodukt ein Exemplar des "Theby", einer Maschine, mit deren Hilfe Mühlen und Großbäckereien damals die Qualität von Mehl untersuchen konnten.

Jeder Weltkrieg bedeutete einen Boom für die Firma Ertel, weil die optischen Geräte bei der Artillerie eingesetzt wurden. Den Höchststand von etwa 650 Mitarbeitern erreichte die Fabrik im Ersten Weltkrieg.

In Puchheim ist das Exemplar eines sandfarbenen Thedoliten von 1959 zu sehen, die etwa an das Apartheid-Regime in Südafrika geliefert wurden. Ein olivgrünes Vorgängermodell wird als Exportschlager vorgestellt. Ein neuer Aspekt der Firmengeschichte, der in dieser Ausstellung präsentiert wird, ist, dass Ertel im Zweiten Weltkrieg zu dem halben Dutzend Unternehmen gehörte, die die Verschlüsselungsmaschine Enigma für die Wehrmacht herstellten. Weil die Alliierten deren Codes knackten, entwickelten die Tüftler von Ertel ein besseres Modell. Es kam freilich nicht zur Serienproduktion, weil die Fabrik in München im April 1944 ausgebombt wurde.

Ertel-Werk in Puchheim

Unter anderem werden Dokumente wie ein Luftbild der Fabrik ausgestellt.

(Foto: Bayerischen Wirtschaftsarchiv)

Werner Dreher, Mandy Frenkel, Meisterwerke der Feinmechanik. Produktgeschichte des Ertel-Werkes in München und Puchheim, 2019, herausgegeben von der Stadt. Die Ausstellung im Puc ist noch bis Montag, 22. Juli, zu sehen.