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Ausstellung:Kunst zum Anfassen

In der Sparkasse Fürstenfeldbruck sind Werke zu sehen, die ausdrücklich den Tastsinn anregen sollen

Von Florian J. Haamann, Fürstenfeldbruck

Das einzige, was Menschen unter 40 heute noch anfassen, ist ihr Smartphone. So in etwa könnte man die Angst des ein oder anderen Kulturpessimisten zusammenfassen, der glaubt, dass durch die Digitalisierung nach und nach die Verbindung zur realen Welt verloren geht. Damit die Menschen also nicht ganz gefühllos werden, gibt es freilich auch die passende Gegenbewegung. Die setzt unter anderem auf Barfußpfade (in Germering wurde 2017 ein solcher eingeweiht) und die nicht ganz so nach Kneipp-Romantik klingende Version mit dem Namen "Pfad der Sinne". Ein Ort, an dem Berührungen allerdings schon immer verpönt waren, sind Kunstausstellungen. Die Künstlervereinigung Fürstenfeldbruck allerdings bricht in ihrer aktuellen Ausstellung "Touch me, don't touch me" mit diesem Dogma. Explizit werden die Besucher dort aufgefordert, einige der Kunstwerke, die in der Sparkasse Fürstenfeldbruck zu sehen sind, zu berühren.

Welche Werke angefasst werden dürfen, das zeigt die Kennzeichnung mit einem kleinen Handsymbol. So etwa Bettina Elsässer-Maxs "Touch me, if you can". Eine kleine vogelartige Skulptur. Schwarz angestrichen, mit einem goldenen Auge, erschließt sich der Zusatz "if you can" erst einmal nicht. Doch wer an die Unterseite fasst, der spürt, dass dort eine Reihe echter Tierzähne einfasst ist. Der Körper der Skulptur, das verrät ein Blick auf die Beschreibung, ist ein angemalter Tierknochen.

Etwas zu fühlen gibt es dafür bei Bernhard Hellers "Socken", die dem Besucher ein besonderes, haptisches Erlebnis bieten sollen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Schmerzhaft wird es bei "Touch me - feel me - enjoy me" von Constanze Reithmayr-Stark. Auf den Rücken von zwei Keramikhänden hat sie jeweils dichte Reihen von großen Kaktusstacheln angebracht.

Kunst zum Anfassen gibt es auch in den zwei Werken von Claudia Rutter-Tuchler. Eines ist das fertige Bild, ein abstrakter, farbiger Druck in der titelgebenden japanischen Holzdrucktechnik "Mokulito". Wie ein drohendes Unheil zieht darauf ein schwarzes Gewebe ins Bild, überdeckt den pastellig rosa-orangenen Hintergrund. Ergänzend zu sehen ist der hölzerne Druckstock, aus dem das Bild entstanden ist. Dieser darf, im Gegensatz zum fertigen Werk, angefasst werden. So ermöglicht Rutter-Tuchler dem Besucher - oder in diesem Fall besser Befühler -, dem Entstehungsprozess ganz nah zu kommen, zu spüren, wie viel Arbeit hinter den vielen dünnen und dicken Linien steckt, die nur wenige Millimeter tief sind und aus denen schließlich, nach Farbauftrag und Druck, das Werk entsteht.

Insgesamt 18 Mitglieder der Künstlervereinigung beteiligen sich an der Ausstellung, sie alle haben sich intensiv mit dem Thema auseinander gesetzt. Zu den interessanten Werken gehört auch Ingrid-Redlich Pfunds Stapel aus weiß umschlagenen Märchenbüchern. Sie fordern die Sinne des Lesers gleich in doppelter Weise heraus: Die Hände, die das alte, faserige Papier spüren, und die Augen, die die Buchstaben sehen. Ein Aufruf, zum analogen Lesen, in Zeiten von E-Books und Bücher-Apps. Hingucker der Ausstellung ist Friedo Niepmanns "Phallische Spiegelreflexion". Wie der Name schon erahnen lässt, handelt es sich dabei um eine hölzerne Spiegelreflexkamera. Statt eines Objektivs wächst allerdings ein großer Phallus aus dem Kamerakörper. Direkt anfassen dürfen ihn Besucher nicht. Allerdings aber am Band, mit dem das Werk befestigt ist, bis die Kamera so richtig wippt.

Friedo Niepmanns "Phallische Spiegelreflexion" darf nicht angefasst werden.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Ausstellung "Touch me, don't touch me", Sparkasse Fürstenfeldbruck, zu sehen bis zum 31. Januar zu den regulären Öffnungszeiten

© SZ vom 17.12.2019
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