Ausgrabungen:Holzkohle aus der Steinzeit

Ein archäologischer Fund bei Jesenwang bestätigt, dass dort schon vor fünftausend Jahren Menschen dauerhaft gelebt haben. Das ist das Ergebnis einer Grabung, die der Historische Verein im vergangenen Jahr auf einem Feld unternommen hat

Von Peter Bierl

Dank verschiedener Funde war längst bekannt, dass die Gegend um Jesenwang schon in der Steinzeit besiedelt war. Bei der Grabung im vergangenen August entdeckte der Historische Verein nun Reste von Holzkohle. Eine Radiokarbonmessung bestätigte, dass unter dem Grabungsort eine Siedlung aus der Jungsteinzeit liegt. Die Entdeckung hat über Jesenwang hinaus Bedeutung für die Wissenschaft, denn damit steht eine weitere Jahreszahl für die chronologische Ordnung der ausgehenden Jungsteinzeit zur Verfügung.

Über zwei Jahrzehnte hinweg wurden auf den Äckern immer wieder Geräte aus Feuerstein entdeckt, die beim Pflügen an die Oberfläche geraten waren, Klingen von Messern, Pfeilspitzen oder Steinkeile aus geschliffenem Material sowie erste Objekte aus Metall, genauer aus Kupfer, das wahrscheinlich aus den Alpen stammte. Die Stücke können bereits im Museum in Fürstenfeldbruck betrachtet werden. Im August grub nun ein Team des Historischen Vereins unter Leitung des Archäologen und Kreisheimatpflegers Markus Wild auf dem Hügel gegenüber dem Wildmoos. Vier Stellen wurden in zehn Tagen untersucht. Es ging darum, die geologische Situation und die Gefährdung der Relikte durch Erosion und Landwirtschaft zu klären. Nur deswegen hatte der Historische Verein die Erlaubnis zur Sondierung bekommen. Geöffnet wurden eine Stelle am Scheitel des Hügels und drei an den Hangseiten. In zwei Flächen wurden größere Gruben entdeckt, wahre Schätze für die Archäologen, weil die prähistorischen Siedler diese mit ihrem Müll verfüllt hatten.

In Gruben mit steilen Wänden wurden in der Regel Vorräte aufbewahrt, solche mit flachen Wänden dienten dazu, Lehm für den Hausbau zu gewinnen. Bei Jesenwang fanden die Ausgräber einen Komplex von mehreren Gruben in- und nebeneinander angelegt, bis zu 1,10 Meter tief, mit einer maximalen Ausdehnung von zwei bis drei Metern. Die kleineren Gruben hatten ein Ausmaß von 60 bis 80 Zentimetern, berichtet Wild.

Gefunden wurden vor allem Keramikscherben sowie zwei Steinwerkzeuge. Die Stücke weisen darauf hin, dass die Siedlung der sogenannten Chamer Kultur angehörte, die zwischen 3500 und 2700 vor Christus existierte. Außerdem fanden sich auf dem Hügel Reste von Keramik und blauen Glas-Armringen, Relikte der Kelten aus der Latènezeit von 450 vor Christus bis etwa ins Jahr 0 und der Heimstettener Kultur von 30 bis 60 nach Christus.

Als besonders aufschlussreich erwiesen sich jedoch Stücke von Holzkohle sowie ein stark verwittertes Holzstück. Diese organischen Reste wurden im Labor des Curt-Engelhorn-Zentrums für Archäometrie (CEZA) in Mannheim untersucht. Durch Messungen des Radiokarbons lässt sich das Alter der Objekte feststellen. Das Holzstück stammt aus dem 16. bis 17. Jahrhundert, kam also entweder durch eine Baumwurzel oder beim Pflügen ins Erdreich. Ein Probe konnte in die Zeit vom 8. bis 5. Jahrhundert datiert werden, die sogenannte Eisenzeit. Auch diese Holzkohle könnte nachträglich in die oberste Schicht einer steinzeitlichen Grube gelangt sein, sagt Wild, etwa durch Brandrodung oder Pflügen.

Ein echter Hit allerdings ist ein vierter Holzkohlerest, der zwischen 3070 und 2900 vor Christus entstanden sein muss. Die archäologische Bestimmung der Siedlung als Teil der Chamer Kultur anhand der Funde konnte damit durch die naturwissenschaftliche Methode der Radiokarbonmessung bestätigt werden. Fest steht damit, dass sich etwa 3000 Jahre lang immer wieder Menschen auf diesem Hügel aufgehalten haben. Die Lage war gut, es gab Wasser und einen weiten Blick über das Gelände, der Boden war einigermaßen fruchtbar. Wild geht davon aus, dass es sich um eine größere Siedlung handelte, die aus mehreren Gehöften bestand. Das schließt er sowohl aus dem Umstand, dass die Lesefunde sich über drei Ackerflächen erstrecken, wobei es wahrscheinlich ist, dass die Siedlung im Verlauf mehrerer Generationen verlegt wurde. Aber auch die Menge der Funde ist ein Indiz. Man geht davon aus, dass nur ein Bruchteil der Relikte, etwa zehn Prozent, entdeckt wird.

Es handelte sich um eine sesshafte Bevölkerung, keine Nomaden, sondern Menschen, die Ackerbau und Viehzucht trieben. Sie hielten Schaf, Ziege, Rind und Schwein, allerdings sind in Jesenwang keine Tierknochen zu finden, weil der Altmoränenlehm ein saurer Boden ist, der den Kalk der Knochen rasch aufnahm. Die Form der Häuser ist unbekannt, es wurden keine Pfostenlöcher für eine tragende Konstruktion entdeckt. Das verweist auf einen anderen Gebäudetyp, etwa eine Art Blockhaus. Auf jeden Fall lebten die Ur-Jesenwanger nicht in Zelten.

© SZ vom 01.04.2021
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