Süddeutsche Zeitung

Ausbildung:Vorhersehbare Verzögerungen

Junge Leute hatten es heuer besonders schwer, den richtigen Ausbildungsplatz zu finden. Wenn nun die ersten anfangen, kommt es besonders auf die Chefs an

Kommentar von Erich C. Setzwein

Dass die Zahl der Lehrlinge zurückgegangen ist, im Handwerk sogar dramatisch, mag erschrecken, verwundern sollte es nicht. Wie alle anderen Menschen auch fehlten den Schülerinnen und Schülern in den vergangenen Monaten die gewohnten Abläufe, die sonst vorhandenen Möglichkeiten und die Freiheit, ihr Leben zu planen. Jegliches Handeln wurde dem Gesundheitsschutz untergeordnet. Dass am 1. September nun viele verfügbare Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben, ist eine Folge der A-H-A-Regel, Abstand-Hygiene-Alltagsmaske.

Besonders junge Leute sind darauf angewiesen, von Menschen mit Erfahrung und Wissen beraten und geleitet zu werden. Das sagen insbesondere Leiter von Berufsschulen oder Geschäftsführer von Unternehmen, wenn sie Schulabgängern gegenüber stehen. Der Rat muss dabei nicht unbedingt von den Eltern kommen, oft verhindern vielleicht deren Ratschläge die weitere Entwicklung. Aber in den Schulen und nicht zuletzt auf den stets gut organisierten Berufsinformationstagen sowie der Messe Vocatium in Fürstenfeldbruck können Schulabsolventen entweder in ihrem Wunsch, die Ausbildung für einen bestimmten Beruf zu machen, bestärkt oder überhaupt für eine Lehre begeistert werden.

Alles das war wegen Corona nicht möglich, aber die Entscheidung, wer welche Ausbildung machen möchte, ist in diesem Jahr nur aufgeschoben und nicht ganz vertagt worden. Zu Recht erwarten die Betriebe und die professionellen Arbeitsvermittler in den kommenden Wochen noch die eine oder andere Unterschrift unter einen neuen Lehrvertrag. Es sind Verzögerungen, die vorhersehbar waren angesichts der Krise.

Die Angehörigen der Abschlussklassen im ersten Corona-Jahr dürfen nun, wenn sie in ihre Betriebe kommen, nicht weiter das Gefühl haben, in einer ständigen Ausnahmesituation zu arbeiten und zu lernen. Es ist deshalb an den Chefs und Kollegen, sich ihrer vielleicht verständnisvoller als sonst anzunehmen. Das wäre eine gute Übung für das Ausbildungsjahr 2021/22, wenn Abstand, Hygiene und Alltagsmaske das Arbeitsleben und die Ausbildung junger Menschen weiter bestimmen dürften.

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Quelle:
SZ vom 01.09.2020
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