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Asylrecht:Einserschüler auf Abruf

Ein junger afghanischer Flüchtling hat die Integrationsklasse und den Quali mit Bravour geschafft und eine Lehrstelle in Alling gefunden. Weil ihm ein Ausweisdokument fehlt, könnte er aber jederzeit abgeschoben werden

Von Stefan Salger, Fürstenfeldbruck

Hamid Rezai verdient das Prädikat Musterschüler. Er ist höflich, sympathisch, motiviert. Vor allem aber hat er seinen Quali mit vorzüglichen Noten geschafft und war Jahrgangsbester der Berufsintegrationsklasse. Aber der 21-jährige Afghane, der zuletzt im Iran lebte, hat ein Problem: Sein Asylantrag wurde abgelehnt. Nun bekommt Hamid noch mehr Probleme: Er kann zwar im September mit einer Ausbildung zum Servicetechniker beginnen. Gelingt es ihm aber in absehbarer Zeit nicht, gültige Ausweispapiere vorzulegen, dann könnte er jederzeit abgeschoben werden. Das Ausländeramt in Fürstenfeldbruck, das bei Flüchtlingen und Asylhelfern als sehr streng bekannt ist, hat jüngst immerhin seinen Ermessensspielraum genutzt und eine Beschäftigungserlaubnis erteilt, bis - so lange, bis ein rechtskräftiger Beschluss des Asylverfahrens vorliegt.

Rezai sitzt Mitte August zusammen mit Asylhelfer Georg Draude, 52, und Rudolf Barnert, dem Chef von Technik Service Bayern, in einem Büro der Allinger Firma. Am liebsten würde Rezai, der gut Deutsch spricht, gleich anfangen, das merkt man ihm an. Aber man merkt ihm auch die Unsicherheit an. Denn trotz aller Rufe nach einem Einwanderungsgesetz und nach Erleichterungen für Ausbildung und Beschäftigung von Flüchtlingen hört er in den Nachrichten regelmäßig von Afghanen, die wegen fehlender Identitätsnachweise abgeschoben werden nicht arbeiten dürfen oder gleich in ein Flugzeug Richtung Heimat verfrachtet werden. Viele sind ohne Papiere nach Deutschland gekommen - die sind verloren gegangen, gestohlen worden oder auf Weisung der Schleuser weggeworfen worden.

Im Herbst 2015 lernt Georg Draude Hamid kennen, als dieser gemeinsam mit weiteren 50 unbegleiteten jugendlichen Flüchtlingen von einer Sammelunterkunft in Maisach in Wohncontainer am Gymnasium Olching umzieht. Draude organisiert in Esting regelmäßiges Fußballtraining für den eigens gegründeten FC Refugee. Die Jungs sind begeistert dabei. Es ist Abwechslung im monotonen Alltag und die Möglichkeit, auch in Kontakt mit Einheimischen zu kommen. Draude nimmt Hamid auch mit zum Taekwondo-Training des SV Esting, der jungen Afghane schafft es bis zum Blaugurt. Als er ins ländliche Grunertshofen verlegt wird, holt ihn Draude oft von dort ab. Leichter wird es, als Hamid gemeinsam mit weiteren fünf unbegleiteten Flüchtlingen in eine Zweizimmerwohnung in Emmering verlegt wird. Sein Asylantrag freilich wird abgelehnt. Denn dass er als im Iran lebender Afghane praktisch keine Zukunftschancen hat, dass er sein Heimatland aus Not verlassen hat, dass er Ziegelsteine mit der Schubkarre transportieren musste statt in die Schule zu gehen, all das zählt in dem Verfahren nicht.

"Mein Traumberuf": Hamid Rezai prüft einen Fernseher. Rudolf Barnert (links) hält ihn für bestens geeignet und hat mit ihm einen Ausbildungsvertrag geschlossen. Ob es Hamid bis zur Gesellenprüfung schafft, hängt vor allem von Gerichten und Behörden ab. Das ärgert auch Asylhelfer Georg Draude (Mitte).

(Foto: Stefan Salger/oh)

Hamid ist wissbegierig und "sehr fokussiert", wie Draude sagt. 2016 startet er in der Berufsintegrationsklasse der Berufsoberschule in Fürstenfeldbruck, die er jüngst mit einem Schnitt von 1,13 als bester von fast 40 Schülern abschließt. Zudem macht er an der Emmeringer Mittelschule den externen Quali - mit 1,7.

Kalt erwischt wird er im Dezember, als er einen Abschiebungsbescheid erhält. Er soll Deutschland innerhalb von drei Wochen verlassen. Draude vermittelt den damals 18-Jährigen an die auf Ausländer- und Asylrecht spezialisierte Anwältin Anna Toth. Hamid legt vor dem Verwaltungsgericht Widerspruch ein. Seitdem ist alles zu einer großen Hängepartie geworden. Hamid könnte theoretisch von der Drei-plus-zwei-Regelung profitieren. Die bedeutet: Flüchtlinge auch ohne positiven Asylbescheid dürfen eine dreijährige Ausbildung beenden sowie mindestens zwei weitere Jahre hier arbeiten - und damit ihren eigenen Lebensunterhalt finanzieren und Steuern und Sozialabgaben zahlen. Praktisch aber könnte das Gericht Hamids Einspruch jederzeit zurückweisen. Dann würde die Ausländerbehörde wiederum ihre Arbeitserlaubnis widerrufen.

Alles hängt an der sogenannten Tazkira, dem Dokument, das afghanischen Staatsbürgern als Identitätsnachweis dient. Nur wenn Hamid die in der afghanischen Botschaft vorlegt, erhält er einen neuen Pass, den er dann der Kreisbehörde vorlegen kann. Erst dann müsste er keine Angst mehr vor einem ablehnenden Gerichtsurteil mehr haben. Eine Tazkira aber erhält man eigentlich nur persönlich in Afghanistan. Manchmal gelingt es Angehörigen, sie dort - möglicherweise nach Zahlung von Schmiergeld - zu erhalten. Hamid hat seine im Iran lebenden Eltern um Hilfe gebeten. Und er hat sich vom afghanischen Konsulat derweil bescheinigen lassen, dass er sich um die Tazkira aktiv bemüht. Denn das Engagement ist für die Kreisbehörde ein wichtiges Kriterium bei der Entscheidung, ob eine Duldung verlängert wird.

Rudolf Barnert, der Allinger Firmenchef, kann da nur noch mit dem Kopf schütteln. Was soll all die Bürokratie? Das mit dem Mangel an geeigneten Fachkräften und Azubis sollte sich dich herumgesprochen haben! Barnert hat zwar genügend Bewerber für seine offenen Lehrstellen. Aber so einem motivierten jungen Mann wie Hamid, der auch noch so gute Noten mitbringt, will er keine Steine in den Weg legen. Am 1. September soll er in dem Allinger Betrieb mit seinen 44 Mitarbeitern und acht weiteren Auszubildenden die dreieinhalb Jahr dauernde Ausbildung zum Informationselektroniker mit Schwerpunkt Geräte- und Informationstechnik beginnen. Er wird große Flatscreen-Fernseher, Computer sowie Haushaltsgeräte prüfen und reparieren. "Eine tolle Arbeit, auch der Kontakt zu den Kunden, das ist mein Traumberuf", sagt Hamid, der zuvor auch Praktika als Maurer und Kfz-Mechatroniker absolviert hat.

Eine Tazkira wie diese bei afghanischen Behörden zu beschaffen, gilt als sehr zeit- und arbeitsaufwendig.

(Foto: Privat)

Barnerts Unternehmen profitiert von Azubis wie Hamid, investiert aber auch viel Geld in sie. Schwer zu akzeptieren, dass trotzdem alles durch einen plötzlichen Abschiebungsbescheid zunichte gemacht werden könnte. Barnert kennt das Spiel bereits von Hamids Vorgänger, dem 19 Jahre alten Ferdovs. Auch der begann vor zwei Jahren in Alling als Azubi. Auch der musste lange zittern und bekam nur alle paar Monate seine Aufenthaltserlaubnis verlängert. Erst nach zwei Jahren gab es per Gerichtsurteil das Bleiberecht und damit Planungssicherheit.

Dass Hamid mitnichten ein Einzelfall ist, bestätigt auch Georg Draude. Er betreut einen weiteren jungen Afghanen, der ebenfalls unbegleitet aus dem Iran gekommen ist. Auch der hat den M-Zweig mit einem Einserschnitt abgeschlossen - an der Mittelschule in Mammendorf. Auch der hat die Gesellschaft - ebenso wie alle deutschen Altersgenossen, die sich in der Obhut des Jugendamts befinden - viel Geld gekostet, Auch er würde das über Steuern gerne zurückzahlen. Doch auch er "hat die gleichen Probleme" - nicht in Alling, aber in einem Autohaus in Olching.

© SZ vom 29.08.2018

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