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Artensterben:Auch der Laubfrosch verschwindet

Bald machen sich die Amphibien auf zu ihren Laichgewässern. Freiwillige stellen Zäune auf, sammeln die Tiere ein und tragen sie über die Straßen. Trotzdem schrumpfen die Populationen wegen Autos, Gülle und Giftstoffen

Die Krötenwanderung steht bevor. Kommende Woche werden die Naturschützer an etlichen Orten im Landkreis die Schutzzäune aufstellen, einige Straßen werden gesperrt. Und das etwas früher als sonst, was vielleicht mit dem Klimawandel zusammenhängt. Trotz des Engagements vieler ehrenamtlicher Helfer nimmt die Zahl der Kröten und Frösche drastisch ab. Schuld daran sind Gülle und Gifte auf den Feldern, der Autoverkehr und der Verlust an Lebensräumen, sagen Naturschützer.

Der Bund Naturschutz (BN) ist an acht Maßnahmen im Landkreis beteiligt. Die Mitglieder stellen Zäune etwa in Alling, Mammendorf, Grafrath und Türkenfeld auf. Die Straße von Alling zum Germannsberg ist ebenso gesperrt wie zwischen Eichenau und Puchheim abschnittsweise die Olchinger Straße in der Nacht zwischen 19 Uhr und 7 Uhr. Südlich der Straße befindet sich eines der letzten bedeutenden Amphibienvorkommen in der Gegend, heißt es in einer Pressemitteilung der Stadt Puchheim, in der die Bürger zur Rücksicht aufgefordert werden.

Alle Autofahrer werden darin gebeten, langsam zu fahren, weil Amphibien nicht nur sterben, wenn sie direkt überfahren werden, sondern ab einer Geschwindigkeit von 30 Stundenkilometern alleine durch den Luftdruck, der sich unter den Fahrzeugen bildet. Am Kleinen Ascherbach, an den Weihern am Sportplatz und auf den Feldwegen rund um den Mondscheinweiher sollen Radfahrer wegen der Tiere acht geben und vorsichtig fahren.

Der Landesbund für Vogelschutz (LBV) stellt Zäune in Mammendorf, Poigern und Wenigmünchen auf. Doch damit ist es nicht getan. Jeder Zaun muss zweimal täglich morgens und abends abgegangen und kontrolliert werden. Die Tiere, die sich darin gefangen haben, müssen schnell über die Straße gebracht und freigelassen werden, sonst werden sie zur Beute von Raubvögeln. Vom BN sind an jeder Stelle zehn bis 15 Mitglieder in den nächsten Wochen im Einsatz. Beim LBV sind es insgesamt etwa 30 Helfer. "Die Aktion ist sehr zeitaufwendig", sagt Eugenie Scherb, die BN-Kreisvorsitzende.

Zumal es seit drei Jahren eine Woche früher losgeht, wie sie erzählt. Die Maßnahmen werden von der Regierung gefördert, die Obere Naturschutzbehörde verschickt Bescheide. Nun müssten die Zäune bereits in der letzten Februarwoche aufgestellt werden, sonst erst Anfang März, berichtet Scherb. Das sei auffällig und vielleicht ein Hinweis auf den Klimawandel. Auch Simon Weigl, der LBV-Kreisgeschäftsführer, äußert sich vorsichtig: Wenn jetzt die Hauptwanderung der Kröten stattfände, wäre das außergewöhnlich, nicht aber, wenn schon kleinere Wanderzüge stattfänden. Ein Indiz für den Klimawandel könnte sein, dass sich nach dem Hitzesommer 2018 im vergangenen Frühjahr bayernweit zwei Drittel weniger Erdkröten an Schutzzäunen fanden, schrieb der Biologe Christian Köbele im LBV-Magazin.

Gravierend und eindeutig belegt sind der Schwund und das Artensterben. Bei den besonders geschützten Laubfröschen wurde seit 2012 ein Rückgang um 50 Prozent festgestellt. "Das ist ein Gesamttrend", sagt Weigl. Die Wechselkröte sei praktisch schon verschwunden und die Gelbbauchunke finde nur noch wenige geeignete Laichplätze, berichtet Scherb. Bei allen Froscharten sei der Rückgang der Populationen "extrem", ebenso bei den Molchen. Relativ stabil sei lediglich der Bestand an Erdkröten. "Wir haben eine ernste Situation", betont Scherb.

Nach Angaben des LBV gibt es im Landkreis dreizehn heimische Amphibienarten, von der häufigen Erdkröte über den Kammmolch bis zum kleinen Laubfrosch. Genaue Zahlen über die aktuellen Bestände fehlen. Dass diese stark rückläufig sind, ergab allerdings bereits die vorerst letzte Kartierung 2004. Alle Arten waren im Vergleich zu Daten von 1984/85 stark zurückgegangen.

Die Ursachen sind aus Sicht der Naturschützer klar. Der Autoverkehr habe zugenommen, was bedeute, dass mehr Jungtiere unter die Räder kommen, sagt Weigl. Denn durch Zäune und Straßensperren werden nur Amphibien geschützt, die sich auf dem Weg zu den Laichplätzen befinden. Der Rückweg der Jungtiere zieht sich über viele Monate hin. "Die Schutzzäune müssten bis November stehen" sagt Weigl. Außerdem verschwinden immer mehr Habitate, etwa im Wald, oder Laichgewässer. Der LBV-Geschäftsführer berichtet, dass immer wieder Fische in Tümpeln und Weihern ausgesetzt werden, die dann Eier und Kaulqappen auffressen. Dem Kammmolch in der Aubinger Lohe sei damit massiv geschadet worden. Weitere Gründe sieht Scherb in der Zunahme von Krankheiten und darin, dass die Nahrungskette wegen des Insektenschwundes gestört ist.

Ein großer Artenkiller ist die konventionelle Landwirtschaft. Die Frösche und Kröten legen mitunter ein bis zwei Kilometer zurück, oft über Wiesen und Äcker. Weil sie auch durch die Haut atmen, ist diese extrem durchlässig. Sowohl Gülle als auch das reichhaltige Angebot an Giften wie Glyphosat werden den Tieren zum Verhängnis, betonen Weigl und Scherb.

Als erste setzen sich die Grasfrösche in Bewegung, dann folgen alle anderen Amphibien in kurzen Abständen. Die Tiere bewegen sich stets auf denselben Wegen. Beim Überqueren der Straßen sind sie in tödlicher Gefahr, weil sie aufgrund der niedrigen Temperaturen noch sehr langsam sind. Die Witterung hat starken Einfluss auf den Verlauf der Wanderungen. Ein Kälteeinbruch im März würde sie unterbrechen.

© SZ vom 21.02.2020
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