Archäologie Von der Bronzezeit bis zur Gegenwart

Neue Ausgrabungen erlauben genauere Aussagen über die Siedlungsgeschichte Germerings

Von Ingrid Hügenell, Germering

In Germering wird immer mehr gebaut, und infolge dessen bekommen die Archäologen in der Stadt auch immer mehr Gelegenheit, im Boden nach den Spuren der Vergangenheit zu forschen. 22 Grabungen wurden im vorigen Jahr unternommen, wie Stadtarchivar Marcus Guckenbiehl kürzlich bei der Mitgliederversammlung des Fördervereins Stadtmuseum Germering berichtete. Früher habe es durchschnittlich etwa fünf Grabungen pro Jahr gegeben.

Wenn für Bauvorhaben der Oberboden weggeschoben wird, kommen häufig Spuren ans Licht wie dunkel verfärbte Kreise im Boden. Bei den kleineren handelt es sich um sogenannte Pfostenlöcher, die Überreste von senkrecht eingegrabenen Holzpfosten, die Häusern Halt gaben. Größere Kreise deuten auf Brunnen hin, auf deren Grund die Archäologen Keramikscherben oder Knochen zu finden hoffen, im günstigsten Fall sogar Münzen oder Schmuck. Viele Funde erlauben eine recht genaue zeitliche Einordnung.

Wie Guckenbiehl in seinem Vortrag erklärte, wird durch die Grabungen das Bild immer vollständiger, das zeigt, wann welche Räume der heutigen Großen Kreisstadt besiedelt waren. Ganz neue Erkenntnisse gab es 2018 jedoch nicht. Weitere archäologische Erkundungen sind zu erwarten, denn auch in den kommenden Jahren stehen in Germering viele Bauarbeiten an. Auf einer besonders großen Fläche könnten die Archäologen zum Zug kommen, wenn die Post im Gewerbegebiet Nord tatsächlich ihr Briefzentrum errichten wird. "Da muss gegraben werden", sagte Guckenbiehl freudig - und das auf einer großen Fläche.

Interessant ist dieses Gebiet deshalb, weil sich zwischen dem heutigen Gewerbegebiet, der Schmiedstraße und der Dorfstraße schon im frühen Mittelalter, etwa zwischen den Jahren 550 und 700 nach Christus, eine größere Ansiedlung befand. In der Dorfstraße wurde im Januar, September und Oktober eine Fläche von 930 Quadratmetern untersucht und 260 archäologische Befunde dokumentiert. Die Funde reichen bis in die Neuzeit. Darunter sind Brunnen, aus zwei davon konnten Hölzer der Brunnenkästen geborgen werden, die sich im Grundwasser erhalten hatten. Sie ermöglichen nun über die Auswertung der Jahresringe im Holz, die Dendrochronologie, eine genaue Datierung, die aber noch aussteht.

Die Rekonstruktion zeigt, wie ein Gehöft im frühen Mittelalter aussah, mit einem Hauptgebäude, Nebengebäuden und Brunnen. Rekonstruktion: Markus Guckenbiehl, Stadtarchivar Germering

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Es gibt Guckenbiehl zufolge Hinweise, dass sich der Siedlungsbereich zwischen Dorfstraße und heutigem Gewerbegebiet Nord in den Jahren 600 bis 650 nach Süden in Richtung des heutigen Rathauses ausweitete. In den Jahren zwischen 650 und 700 erreichte das Dorf seine größte Ost-West-Ausdehnung. 1,4 Kilometer zog es sich hin. "Das war eine Riesensiedlung, größer als die, die 1809 im Ur-Kataster verzeichnet wurde", sagte Guckenbiehl. Nach 700 war die Siedlung der Fundsituation zufolge wieder deutlich kleiner - warum, weiß keiner. Unbekannt ist auch, welche Bedeutung dem Dorf zukam, das dort lag, wo heute der nördliche Stadtrand Germerings ist.

Die frühmittelalterlichen Siedler waren keineswegs die ersten Menschen, die das fruchtbare, von Bächen durchzogene Gebiet reizvoll fanden und Relikte hinterließen. Schon in der frühen Bronzezeit lebten dort Menschen, wie 2018 erneut Funde an der Oberen Bahnhofstraße zeigten, die der Urnenfelderkultur zuzuordnen sind. Der älteste Fund 2018 stammt aus einer Grabung an der Hoflacher Straße.

Es ist ein Tonlöffel aus der frühen Bronzezeit, etwa 2200 bis 2000 vor Christus, der zusammen mit einigen Keramikscherben in einer beutelförmigen Grube entdeckt wurde. Er ziert das Oktoberblatt des Kalenders zur Stadtarchäologie, den der Förderverein und das Stadtmuseum herausgegeben haben. Auch in der Hallstattzeit, etwa zwischen 800 und 500 vor Christus, sowie in der Römerzeit lebten Menschen im heutigen Germering, wie Funde aus dem Jahr 2018 erneut zeigten

Spurensuche

Das Stadtmuseum "Zeit und Raum" zeigt viele Funde, die sogar bis in die Steinzeit zurückreichen. Das Museum hat sonntags von 13 bis 17 Uhr geöffnet, der Eintritt kostet für Erwachsene zwei Euro. Am Sonntag, 19. Mai, beteiligt sich das Museum am Internationalen Museumstag, bei freiem Eintritt gibt es Führungen um 11, 14 und 16 Uhr, geöffnet ist von 10 bis 17 Uhr. Angeboten werden praktische archäotechnische Vorführungen wie Glasperlen herstellen oder weben. Schon am Freitag, 29. März, geht es von 19 Uhr an im Lena-Christ-Saal der Stadthalle um "Germering im 19. Jahrhundert", es referieren Friedrich Drexler, Manfred Spachtholz und Marcus Guckenbiehl. Am Mittwoch, 5. Juni, spricht Guckenbiehl von 19 Uhr an im Museum über "Bodenschätze, Funde und ihre Geschichte in der Großen Kreisstadt Germering", der Eintritt ist frei.

Zwei neue Flyer weisen den Weg zu den Stellen, an denen die Ausstellungsstücke des Museums gefunden wurden. Sie sind auf der Internetseite des Museumsvereins zu finden. ihr

Eine spannende Entdeckung machten die Archäologen bei einer Grabung am Standort des Kindergarten Abenteuerland an der Kriemhildenstraße. Bei dessen Erweiterung kamen spätrömische Reste zum Vorschein. Schon 2015 waren in der Nähe, an der Walkürenstraße, zwei Öfen mit Sandboden entdeckt worden. Sie hätten nun auf die Spätantike, genauer auf die Zeit von etwa 350 bis 420 nach Christus datiert werden können, sagte Guckenbiehl in seinem Vortrag. Rätsel gab den Fachleuten zunächst die Verwendung auf. Denn es fand sich kein Keramikbruch in den Öfen, und sandiger Boden eignet sich nicht für Backöfen. Hinweise gaben mächtige Lehmbrocken: Das Haus verfügte über eine Art Fußbodenheizung oder die Vorstufe eines Kachelofens, sagte Guckenbiehl. So geben die archäologischen Fundstücke Hinweise darauf, wie das Leben der frühen Siedler ausgesehen haben könnte.