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"Arbeiten in Corona-Zeiten", SZ-Serie, Folge 48:Mit Leitkegeln zum Training

Heiko Schneider, Inhaber eines Puchheimer Fitness-Studios, hat das Corona-Reglement durch eigene Ideen erweitert, um den Mitgliedern ein sinnvolles Trainieren zu ermöglichen. Einige von diesen zögern aber noch, wieder Sport zu treiben

Von Andreas Ostermeier, Puchheim

Kleine rot-weiß gestreifte Leitkegel, ähnlich denen, die im Straßenbau verwendet werden, stehen auf einem Tisch im Eingangsbereich des Puchheimer Fitnesscenters "Le Studio". "Die sind für unser Hütchenspiel", sagt Studio-Inhaber Heiko Schneider hinter seinem schwarzen Mund-Nasen-Schutz. Mit Hütchenspiel bezeichnet Schneider aber keine besondere Trainingsmethode in seinem Studio, die Leitkegel gehören vielmehr zum Corona-Schutzkonzept. Wer will, kann sich zwei mitnehmen, um sie während des Trainings an den Geräten neben sich aufzustellen und den Abstand zu markieren, den andere Sportler einhalten sollen. Die individuelle Abstandsregelung erspart Schneider, jedes zweite Fitnessgerät mit einem Absperrband umwickeln zu müssen, wie das andere Fitness-Studios tun. Das Le Studio hat nach Schneiders Worten vor allem Pärchen und Familien als Mitglieder. Die wollen und dürfen nebeneinander trainieren - und Schneider will sie nicht auf Abstand halten. "Das kann ich einem Pärchen nicht erklären", sagt er. Deswegen ist er auf die Idee mit den Leitkegeln gekommen.

Dies ist nicht seine einzige Idee im Zusammenhang mit den Corona-Regeln. Um die Umkleiden öffnen zu können, hat er an den Türen Zähler angebracht. Jeder Nutzer dreht den Zähler eins weiter, wenn er die Umkleide betritt, und wieder zurück, wenn er sie verlässt. Auf diese Weise kann ein neu Ankommender erkennen, wie viele Leute sich in der Umkleide befinden und ob er den Raum betreten darf. Bei vier Nutzern ist Schluss, dann muss gewartet werden, bis jemand die Umkleide verlässt. Anderes, wie die überall zur Verfügung stehenden Flaschen mit Desinfektionsmitteln und die Papierrollen, hat Schneider sich nicht einfallen müssen. Das steht in den Auflagen, die die Fitness-Studios zu erfüllen haben, wollen sie in der Corona-Krise für ihre Mitglieder öffnen.

Mundschutz und Abstand: Heiko Schneider, Inhaber des Le Studio, sitzt auf einem der während der Schließung angeschafften neuen Geräte.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Viele von denen danken es ihm - und den anderen Studio-Betreibern, können sie doch endlich wieder die Geräte zum Ausdauer- und Krafttraining nutzen. Und auch Schneider hat Grund, seinen Kunden zu danken. Schließlich hat die ganz große Mehrheit von ihnen die Beiträge während der Wochen weitergezahlt, in denen geschlossen war. Auf diese Weise war es möglich, die Trainer zu bezahlen. Doch nicht alle Mitglieder trauen sich bereits wieder zum Training. Ein alter Mann, langjähriges Mitglied, habe ihm geschrieben, er fühle sich momentan nicht sicher genug, um den Sport im Studio wieder aufzunehmen. Etwa 170 Personen kamen laut Schneider vor der Pandemie täglich zum Trainieren, in der ersten Woche nach Wiederöffnung sind es etwa die Hälfte gewesen.

Schneider hofft, dass die frühere Zahl bald wieder erreicht wird. Gedränge gebe es in seinem 1500 Quadratmeter großen und auf mehreren Stockwerken gelegenen Studio sowieso nicht, sagt er. Zudem hat er die Corona-Pause dazu genutzt, das Fitness-Center umzubauen und ganz neue Geräte aufzustellen. Gleich neben dem Eingang befinden sich die kürzlich angeschafften Ausdauer- und Kraftgeräte, die individuell auf den Trainierenden eingestellt werden können. Das Interesse an der Nutzung der neuen Geräte ist da, mehr als 130 Trainerstunden hat Schneider in der vergangenen Woche verzeichnet, in denen sich Mitglieder die Ausdauer- und Kraftgeräte zeigen ließen.

Mitglieder, die auf Abstand achten wollen, können kleine Leitkegel nehmen und neben sich aufstellen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Die Investition hat auch damit zu tun, dass sich etliche Reha-Sportler unter den Mitgliedern von Schneiders Studio befinden. Diese Mitglieder hätten besonders unter der Schließung gelitten, sagt Schneider. Schließlich hätten sie ein Rezept vom Arzt besessen, aber dennoch nichts für ihre Genesung tun können. Als Beispiel nennt er einen Fußballer, der einen Kreuzbandriss erlitten hat. Frustriert sei auch er in den Wochen vor der Öffnung des Öfteren gewesen, erzählt Schneider. Bei jeder Verkündung von Lockerungen habe er gehofft, dass auch an die Fitness-Branche gedacht werde. Doch ein ums andere Mal folgte die Enttäuschung. Das nimmt er der Politik übel: "Sie hat nicht kommuniziert." Hygienekonzepte habe die Branche von Anfang an besessen, sagt Schneider. Doch das habe die Politiker nicht interessiert. Statt in Gesprächen zu klären, wie der Betrieb unter Minimierung der Ansteckungsrisiken wieder aufgenommen werden könne, seien die Studios nach dem Erlass des Lockdowns einfach vergessen worden, kritisiert er.

Zudem sind etliche Regelungen unverständlich. So durften beispielsweise die Fitness-Studios in anderen Bundesländern früher wieder aufsperren. Das den Mitgliedern zu erklären, war schwierig. "Die fragen ja sofort, weshalb er etwas nicht dürfe, was anderswo erlaubt ist", sagt Schneider. Und auch finanziell seien die Folgen der Schließung noch lange nicht ausgestanden, sagt Schneider. Denn drei Monate lang habe er keine neuen Mitglieder gewinnen können. Darauf aber ist jeder Fitness-Club angewiesen, denn er verliert durch Kündigungen und das Auslaufen von Verträgen pro Jahr etwa ein Fünftel seiner Kunden. Und auch denen, die ihm über die Krise treu geblieben sind, schuldet er noch etwas. Denn im Gegenzug zur Weiterzahlung der Beiträge haben viele Mitglieder Freimonate zugesichert bekommen, die sie am Ende ihrer Vertragslaufzeit einfordern können.

© SZ vom 23.06.2020
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