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Arbeiten in Corona-Zeiten, SZ-Serie, Folge 31:Home Office im Hotel

Wer zu Hause keine guten Bedingungen zum Arbeiten vorfindet, kann übergangsweise Zimmer in Beherbergungsbetrieben anmieten - ein Beispiel

An den meisten Tagen tobt um Hanna Walter das Leben. Als Krippenmitarbeiterin betreut die Olchingerin zwölf Kinder, es wird gebastelt, gemalt und gespielt. Nun ist die 28-Jährige seit Wochen im Home-Office. Sie muss Bildungsdokumentationen anfertigen und Konzeptionsschreiben aufsetzen. Arbeit, für die im hektischen Krippenbetrieb nur wenig Zeit bleibt und für die Walter zu Hause nun die Ruhe findet. Eigentlich. Dann kamen die Handwerker. Und um die Ruhe war es geschehen. "Das war einfach zu viel." Also packte die 28-Jährige am Mittwoch ihre Sachen und zog ins Olchinger Hotel Schiller um. Einen Tag verbringt sie dort im Zimmer 222. Nicht, um zu entspannen. Sondern um in Ruhe arbeiten zu können.

Seit voriger Woche stellen die Inhaber Harald Schöffler und seine Schwester Ute Spöttl ihre Zimmer für die Home-Office-Nutzung zur Verfügung: Für Menschen wie Hanna Walter, die in den eigenen vier Wänden nicht mehr arbeiten können. "Es ist ein Zuckerl, das zeigt: Unser Betrieb ist nicht tot", erklärt Schöffler. Er hofft, dass die Leute so auf das Haus aufmerksam werden und es weiterempfehlen. "Es wird uns nicht retten, aber es gibt Hoffnung", so Schöffler.

Hanna Walter nutzt den neuen Service.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Das Hotel Schiller ist mit der Idee nicht allein. Auf der Webseite "Home Office im Hotel" sind etwa 500 Unterkünfte in Deutschland registriert, die ihre Zimmer für diesen Zweck anbieten. "Wenn ein konzentriertes Arbeiten zu Hause nicht möglich ist, weil ständig die Türen gehen, die Kinder spielen wollen oder der Partner ,nur kurz' eine Frage hat - dann bieten Hotels die ideale Alternative", heißt es dort. Neben dem Hotel Schiller ist auf der Seite das Abasto Hotel in Gernlinden zu finden. Auch das Hotel Fürstenfelder in Fürstenfeldbruck will das Angebot einführen.

Die Räume können jeweils tage- oder wochenweise von acht bis 18 Uhr bezogen werden. Die Preise im Schiller, Abasto und Fürstenfelder variieren zwischen 34 und 39 Euro pro Tag. Eine Wochenbuchung kostet 185 bis 189 Euro. Der Preis beinhaltet die Nutzung des Schreibtisches und kostenloses Wlan. Je nach Absprache stehen an der Rezeption Drucker und Scanner zur Verfügung. Im Schiller und im Abasto können Gäste sich außerdem auf dem Bett zu einem kurzen Erholungsschlaf niederlassen. Für Verpflegung sorgen zum Teil die hausinternen Restaurants, die einen Abholdienst anbieten, in Olching stehen an der Rezeption kostenlos Kaffee und Tee zur Verfügung. Für individuelle Wünsche seien sie offen, betonen Schöffler und Spöttl.

Heimat für Heimarbeiter bieten derzeit Harald Schöffler und Ute Spöttl in ihrem Hotel Schiller in Olching.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

So kann Walter auf Nachfrage im Fitnessraum trainieren, während sie darauf wartet, dass ihr Onlinezugang freigegeben wird. Nach einer Dusche setzt sie sich wieder an ihren neuen Arbeitsplatz, einem hellen Raum mit großem Bett, Balkon und Badezimmer. Ihr Büro richtet sie sich am Schreibtisch ein: Ein schmales Tablet, ein Block mit Kugelschreiber, eine Wasserflasche, eine Brotdose und ein grüner Apfel liegen griffbereit auf der Oberfläche. Sie will sich an diesem Tag unter anderem über Weiter- und Fortbildungen informieren, um 15 Uhr hat sie ein Personalgespräch.

Anfangs, als sie ausschließlich im Home-Office arbeiten musste, sei es nicht immer angenehm gewesen, erzählt Walter. "Man fragt sich: Was kommt als nächstes?" Inzwischen geht sie wieder in die Krippe, zwei Kinder konnte sie betreuen. "Es war schön, diese Routine zu erleben", sagt die 28-Jährige. Einen Tag in der Woche soll sie noch im Home-Office verbringen. Sie kann sich vorstellen, dafür erneut ein Zimmer im Schiller zu beziehen. Auch nachdem die Handwerker ihre Arbeit beendet haben: "Ich habe hier alles, was ich brauche. Wie zu Hause. Nur dass ich Ruhe habe vor Geschirrspüler und Paketboten."

Das Hotel Schiller ist nicht das einzige Hotel mit dieser Idee.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Eine ausschlaggebende Einnahmequelle werde das Programm allerdings nicht, darin sind Schöffler und Spöttl sich einig: "Aber wir nutzen die Zeit, etwas Neues auszuprobieren." Hotels dürfen ausschließlich Geschäftsreisende aufnehmen. "Das ist ein Tropfen auf dem heißen Stein", sagt Schöffler. Er und seine Schwester wickelten in den zurück liegenden Wochen vor allem Stornierungen ab. Etwa 6000 bis 7000 Euro am Tag verlor das Haus seit seiner Schließung. Seit Dienstag steht fest, dass die Gastronomie von 18. Mai an, die Hotels am Pfingstwochenende schrittweise wieder öffnen dürfen. "Es ist ein Lichtstreifen am Horizont", so Schöffler. Wie schnell der Betrieb wieder hochgefahren werden kann, weiß er nicht. Tagungen und Veranstaltungen, das Hauptgeschäft, werden erst wieder möglich, wenn mehr Menschen zusammenkommen dürfen. Bis die Auslastung im Schiller das Niveau vor Corona-Zeiten erreicht, werde es noch mindestens ein Jahr dauern, schätzt Schöffler.

© SZ vom 07.05.2020

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