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Abenteuerliche Lebensgeschichte eines Fürstenfeldbruckers:Geld, Gier, Glück

Als ein in sich ruhender Mensch zeigt sich Josef Müller in seinem Büro in Fürstenfeldbruck. Im Gefängnis hat er zum Glauben gefunden und predigt nun für die Freikirche X-Hope.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Josef Müller, 64, hat als Steuerberater der Reichen und Schönen ein Luxusleben geführt und Geld seiner Mandanten in Millionenhöhe veruntreut. Inzwischen ist der Brucker geläutert, schreibt Bücher und ist als Redner erfolgreich

Josef Müller ist ein viel beschäftigter Mann. In Herrenberg (Kreis Böblingen) redet er vor rund 250 jungen Menschen. Eine Woche danach hat er am Sonntagvormittag für die Freikirche X-Hope in Olching, das ehemalige Christus-Zentrum, als Prediger einen Termin. Acht derartige Auftritte absolviert der geläuterte Millionenbetrüger Josef Müller jeden Monat. Aus gesundheitlichen Gründen hat der Fürstenfeldbrucker sein Pensum schon reduziert. Dabei hat Müller, Jahrgang 1955, fast schon das Rentenalter erreicht. Als Polizistensohn, der im Rollstuhl sitzt, erhält er eine Waisenrente, die für seinen Lebensunterhalt ausreicht. Also müsste er sich diesen Stress nicht antun.

Doch Josef Müller hat nicht die Absicht, sich aufs Altenteil zurückzuziehen. Er hat eine Botschaft zu verkünden. Wie manch anderer Prediger will er seinen oft jungen Zuhörern vermitteln, dass Jesus sie liebt. Der zweite Teil seiner Botschaft dürfte aber für viele noch interessanter sein. Müller erzählt seinen Zuhörern nämlich, dass Gier die Menschen kaputt macht. Und weil er das aus eigener Erfahrung berichten kann - mit einer wahrhaft unglaublichen Lebensgeschichte, die demnächst als Kinofilm herauskommen soll -, ist er damit nicht nur besonders glaubwürdig, sondern auch ausgesprochen interessant.

Müller, der seit seinem 17. Lebensjahr wegen eines Autounfalls im Rollstuhl sitzt, hat beruflich eine steile Karriere hinter sich: 1980 legt er die Prüfung zum Steuerberater ab. "Meine erste Steuerkanzlei war hier", sagt er mit einer ausladenden Handbewegung über den mit Manuskripten, Aktenordnern und Postkarten beladenen Schreibtisch hinweg; ein Hängeregister, mit etwa ein auf zwei Meter nimmt einen beträchtlichen Teil des Arbeitszimmers ein, beherbergt Unterlagen zu seinen 550 Auftritten der vergangenen fünf Jahre. Er sitzt in seinem Elternhaus, das sein Vater 1950 im Brucker Westen erbaute und ihm treuhänderisch vermachte; so kann Müller, der an seinem Goldkettchen um den Hals ein Kreuz trägt, dort den Rest seines Lebens verbringen, nach seinem Tod geht es in den Besitz von X-Hope über.

Doch zurück in die Achtziger: Bald hat Josef Müller vier Steuerkanzleien - in Bruck, München, Starnberg und Wittenberg mit 50 Mitarbeitern. Die Münchner Schickeria gehört zu seiner Stammkundschaft, er wohnt in einer noblen Wohnung am Isarhochufer, sein Nachbar ist Roy Black. "Ich war mit La Toya Jackson befreundet, ein halbes Jahr haben wir ein Verhältnis gehabt", damals als sie in sich eine Weile in München aufgehalten habe. "Ich führte ein filmreifes Leben zwischen Luxuslimousinen, teuren Yachten, Kaviar, Trüffel und Champagner, Kokain und wilden Partynächten. Als Steuerberater beherrschte ich wie kein Zweiter die Kunst der Geldvermehrung: Riskante Finanzgeschäfte zählten zu meinem täglichen Brot - dabei immer am Rande der Legalität, immer darauf bedacht, nicht von der Steuerbehörde, meiner Frau oder der Polizei erwischt zu werden", schreibt der Fürstenfeldbrucker in seiner Kurzbiografie.

Müller wird 1989 Honorarkonsul der Republik Panama, später Botschafter der Republik Zentralafrika in Monte Carlo. Von Mitte der Achtzigerjahre an vermittelt er über seine Computerfirma Luxusfahrzeuge ins Ausland. Seinerzeit gründet er noch vier weitere Firmen, die alle in den lukrativen Autohandel verwickelt sind. Wie der 64-Jährige in seinem Buch, "Ziemlich bester Schurke", schreibt, muss er wegen des Kurseinbruchs des Dollar den Konkurs der Computerfirma melden. Das passiert jedoch so spät, dass Müller die rechtlichen Konsequenzen tragen muss: Er wird wegen Konkursverschleppung, Bankrott, Betrug und Untreue zum ersten Mal verurteilt: zu zwei Jahren Haft, zur Bewährung ausgesetzt, und 44 000 Euro Geldauflage. Das war 1992.

Für den rastlosen Fürstenfeldbrucker, der schon als Teenie Frontman einer Band war und 1975/1976 Erfahrungen als Betreiber des Plattenladens "Francoise Schallplatte" in der Kreisstadt gemacht hatte, hätte diese erste Verurteilung ein Warnschuss sein können. "Ich hätte damals alles gehabt und war nicht zufrieden", sagt er ein gutes Vierteljahrhundert und ein paar elementare Erkenntnisse später, darunter eben die, dass ihn Geld und Besitz nicht glücklich machen. Doch damals, Anfang der Neunzigerjahre lebt Müller sein exzessives Luxusleben weiter. Bis er wegen hoch riskanter Anlagegeschäfte und seinem kostspieligen Lebensstil auf die Gelder seiner Mandanten zugreift. 1996 wird er deshalb wegen Veruntreuung erstmals zu einer Haftstrafe verurteilt. Er muss sie nicht antreten, da ihm Ärzte extreme Pflegebedürftigkeit attestierten.

Auch an diesem Punkt hätte Josef Müller, dankbar über so viel Glück, sein Leben ändern können. Doch er schwelgte weiter in Kaviar und Champagner, verkehrte in den höchsten Kreisen. Zwei Mal wurde er sogar zu Empfängen von Prince Charles eingeladen. Erst als seine undurchsichtigen Geldgeschäfte aufflogen und ihn gleichzeitig das bayerisches Landeskriminalamt, das FBI und die Drogenmafia etwa ein Jahr einmal um Welt gejagt hatten, wurde er 2005 in Wien geschnappt.

Fünfeinhalb Jahre saß der Fürstenfeldbrucker im Gefängnis. Die verhältnismäßig milde Strafe hat er seinem umfassenden Geständnis zu verdanken. Hinter Gittern, oder eigentlich auch schon bei einigen Erlebnissen davor, kam er dem christlichen Gauben wieder nahe; den hatte er von seinen Eltern mitbekommen. Er studierte Theologie im Fernstudium und schrieb "Ziemlich bester Schurke", das ein Bestseller wurde und die Grundlage für sein jetziges, sein neues Leben.

"Meine wahre Berufung ist es, Menschen zu warnen oder eine Art Lebenscoach zu sein für andere." So wie Josef Müller das heute sagt, in seinem Büro in der Fürstenfeldbrucker Wohnung sitzend, mit einem zufriedenen Lachen im Gesicht und all den Indizien für sein neues Leben um sich herum: Tüten von X-Hope, stapelweise Bücher - neben seinem Bestseller verfasst er noch weitere Bücher, wie "Die kleine Schule des Loslassens" - Fotos am Regal, etwa von seinem Auftritt in der Talk-Show von Sandra Maischberger, Postkarten mit frommen Sprüchen und so weiter, scheint er ein zufriedener Mensch zu sein. Auch wenn er noch Schulden hat, die er seinen Leben lang nicht zurückzahlen kann. Und auch wenn er deshalb - er hat eine Eidesstattliche Versicherung geleistet und darf nur 1600 Euro im Monat besitzen - nie wieder sein altes Luxusleben führen wird. "Heute sind mir Menschen wesentlich wichtiger als Geld", unterstreicht der 64-Jährige. Und wenn er nach dem Glück gefragt wird, antwortet er, dass das für jeden etwas anderes bedeute. "Wissen Sie, was ich heute das Schönste finde? Wenn ich da draußen auf der Terrasse sitze mitten in der Stadt und die Ruhe genieße und den Eichkatzerln zuschaue."