bedeckt München

Animuc:Wesen aus der Fantasiewelt

Mit vielen bunten Kostümen haben die jugendlichen Besucher der Animuc am Wochenende die Kulisse von Kloster Fürstenfeld bereichert. Als Vorlage für die selbst gemachten Verkleidungen dienen Figuren aus Comics oder Filmen

Von Valentina Finger, Fürstenfeldbruck

Auf einer Bank liegt ein riesiger Bumerang, auf einer anderen ein Schwert, das aussieht, wie das mythische Excalibur. Während die Besitzer der Waffen Mittagspause machen, zupft eine Barockdame ein paar Fussel vom Frack ihres Begleiters. Nebenan rückt ein krakenartiges Geschöpf seine gelben Tentakel zurecht und setzt seinen Kugelkopf wieder auf. Was man da auf dem Fürstenfeldbrucker Klosterareal beobachten kann, sind die für die Besucher der Animuc ganz normalen Vorbereitungen, die getroffen werden, bevor sie sich zurück ins im wahrsten Sinne bunte Treiben stürzen.

Bruck: FÜRSTENFELD - ANIMUC - Anime Convention

Die zwei Engel vor der Klosterkirche gehören zu den vielen Besuchern der Animuc, die ihre farbenfrohen Kostüme präsentieren.

(Foto: Johannes Simon)

Zum neunten Mal fand am Wochenende die Manga- und Anime-Messe auf dem Gelände des Veranstaltungsforums statt. Und wie jedes Mal versammelten sich Tausende Besucher und Cosplayer, wie die Verkleideten genannt werden, im Klosterhof, um ihre oft sehr aufwendigen Kostüme zu präsentieren. In Fabians Fall stecken darin knapp ein Jahr Arbeit und fast 2000 Euro. Der 28-Jährige aus der Nähe von Ingolstadt mimt Havel, seinen Lieblingsgegner aus dem Videospiel "Dark Souls". An handwerklichem Geschick fehlt es ihm als Modellbauer nicht: Gefertigt hat er seine kolossale Rüstung aus dem thermoplastischen Material Worbla. Den Drachenzahnhammer des Bösewichts hat er aus Bauschaum, Panzertape und Holzleim nachgebildet. Bei der Animuc will er sich vor allem draußen aufhalten, denn: "Ich bin hier, um zu sehen und gesehen zu werden."

Bruck: FÜRSTENFELD - ANIMUC - Anime Convention

Manche Besucher der Animuc zeichnen Kostüme ab, die ihnen gefallen.

(Foto: Johannes Simon)

An Konstantin und seinen Kollegen wäre Fabian drinnen wohl sowieso nicht vorbeigekommen. Beim Waffencheck stellen sie sicher, dass unhandliche und potenziell gefährliche Kreationen nicht in die Veranstaltungsräume mitgenommen werden. Folglich hängen hinter ihnen an der Garderobe künstliche Kanonen, Keulen, Säbel oder Zauberstäbe wie bei anderen Events die Jacken. Neben besonders schön verarbeiteten Waffen hat Konstantin auch einen negativen Trend beobachtet: Mehrere Cosplayer haben sich als Harley Quinn aus der kürzlich verfilmten Comicreihe "Suicide Squad" verkleidet und statt einer Attrappe einen echten Baseballschläger mitgenommen. So etwas muss Konstantin beschlagnahmen. Und die Besucher verstehen das. Denn obwohl das Waffenarsenal bedrohlich aussieht, geht es auf der Animuc friedlich zu.

Bruck: FÜRSTENFELD - ANIMUC - Anime Convention

Ob den Veranstaltern die mitgebrachten Waffen gefallen, das entscheidet sich beim Garderoben-Check.

(Foto: Johannes Simon)

Auch Neid gibt es unter den Cosplayern kaum. Im Gegenteil: Wer viel Aufwand in sein Kostüm steckt, wird mit Bewunderung belohnt. Vincent, Anna und Sandra können sich vor Komplimenten kaum retten. Geduldig posen die drei 21-jährigen Erdinger mit Fans, die unbedingt ein Foto mit den Figuren aus dem Ego-Shooter-Spiel "Overwatch" machen wollen. "Es gibt einem so viel Adrenalin und Freude, wenn Leute zu uns kommen und unsere Arbeit wertschätzen", sagt Vincent. Weil seine Figur im Spiel brennende Haare hat, hat er die Spitzen seiner Perücke zum Leuchten gebracht. Damit auch Annas magischer Stab der Vorlage nahe kommt, musste ihr Vater, ein ausgebildeter Elektriker, Hand anlegen. Geschlafen hat sie die Tage vor der Animuc kaum. Schließlich musste alles auch wirklich rechtzeitig fertig werden.

Bruck: FÜRSTENFELD - ANIMUC - Anime Convention

Ob Käfer oder Katze - die Verkleidungen sind alle selbstgemacht.

(Foto: Johannes Simon)

Obwohl die meisten Cosplayer so viel wie möglich an ihren Kostümen selbst machen, stoßen auch sie an Grenzen. Wenn auf dem Weg zur Messe oder dort ein Malheur passiert, ist Eva mit ihrem Team vom Reparaturstand zur Stelle. Gerade näht sie den Riss in einer Bluse. Zu dritt haben sie kurz zuvor eine Besucherin sozusagen in ihr hautenges Kostüm geklebt. Evas Arbeitstag beginnt jeden Morgen schon kurz nach Eröffnung der Messe. "Wir haben dieses Jahr die Zeit gestoppt: Nach drei Minuten kam am Freitag der erste Patient zu uns. Am Samstag waren es gerade mal 30 Sekunden", sagt Eva, die 2011 die Leitung des Reparaturteams übernommen hat. Zu ihrer Ausrüstung gehören Panzertape - "der beste Freund des Cosplayers", wie sie sagt -, drei Heißklebepistolen, Nähmaschine und Bügeleisen. Damit kümmert sie sich um kaputte Verschlüsse oder Rüstungsteile. Hochbetrieb herrscht erwartungsgemäß besonders kurz vor den Wettbewerben oder vor dem Tanzball am Freitagabend.

Von den kühlen Temperaturen am Messewochenende haben sich die Besucher wie immer nicht abschrecken lassen. Viele tragen kurze Kleider oder Hotpants, einige laufen barfuß oder in japanischen Stelzsandalen umher. Vor dem Kloster wirft sich Stefan mit nacktem Oberkörper, dafür aber mit riesigen Scherenhänden in Pose. Als ein Teil seines Lendenschurzes herunterfällt, muss der Fotograf zur Hilfe kommen. Anfassen kann Stefan, der extra für die Animuc aus der Steiermark angereist ist, in seinem Aufzug nämlich nichts. Auch Kim ist nur leicht bekleidet. Sie und ihre Freundin Ursula stellen ägyptische Gottheiten dar. Für das Kostüm der Katzengöttin Bastet hat Kim viel recherchiert. Dass das Cosplay-Hobby auch zum Beruf werden kann, zeigt sie mit einem eigenen Gewerbe: Neben der Arbeit als Kinderkrankenschwester veranstaltet sie mit einer Kollegin Kindergeburtstage und Themenpartys. Ihre Verkleidungen reichen dabei von der Prinzessin bis zur Piratin. Und alles ist natürlich selbst gemacht.

© SZ vom 24.04.2017
Zur SZ-Startseite