Andacht Die Auslöschung

Friedenslieder und Texte von Überlebenden stehen im Mittelpunkt der Hiroshima-Gedenkveranstaltung auf der Brucker Kneipp-Insel.

(Foto: Günther Reger)

Gut 40 Fürstenfeldbrucker gedenken in einer bewegenden Veranstaltung der Opfer der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki

Von Katharina Knaut, Fürstenfeldbruck

Um einen Ort der Andacht zu schaffen, braucht es nicht immer eine Kirche mit aufwendigem Altar und eindrucksvollen Malereien. Manchmal genügen ein Stück Wiese unter freiem Himmel, ein paar Teelichter und zwei Gitarren. Das zeigt das Fürstenfeldbrucker Amperforum bei seiner Gedenkveranstaltung an die Opfer der Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki. Mit Musik, Textbeiträgen von Überlebenden und einer Schweigeminute ehren sie diejenigen, die durch die Abwürfe verletzt oder getötet wurden. Gleichzeitig ist es aber auch eine Demonstration für die Abschaffung von Atomwaffen. Ein Ziel, bei dem sich auch die Stadt Fürstenfeldbruck in Zukunft mehr engagieren will.

Diese Nachricht überbringt die dritte Bürgermeisterin Karin Geißler in ihrem Grußwort. "Wir wollen als Stadt aktiver werden." Unter Bürgermeister Klaus Pleil ist die Stadt den "Mayors of Peace" beigetreten, einer internationalen Organisation von Städten, die sich insbesondere für die atomare Abrüstung einsetzen. Das wolle man beibehalten. Zusätzlich wird sich Fürstenfeldbruck nächstes Jahr am Flaggentag der Organisation beteiligen. Am 8. Juli wird dazu die Fahne des Bündnisses vor dem Rathaus gehisst. "Es soll aber mehr werden als nur das Aufhängen der Flagge", so Geißler. Man denke an eine Veranstaltung rund um das Ereignis. Die Ankündigung wird mit Applaus begrüßt.

Insgesamt hätte sich das Amperforum keinen friedlicheren Platz aussuchen können. Im Schutz eines großen Baumes sind rund 40 Menschen zusammengekommen. Unter ihnen sind neben Geißler der Pfarrer Valentin Wendebourg der Erlöserkirche Fürstenfeldbruck und die Initiatoren der Veranstaltung: Ingrid Ammon und Jürgen Schulz. Manche Besucher sitzen auf Bänken, die Übrigen einfach im Schneidersitz im trockenen Gras. Durch die Blätter scheint das rotgoldene Licht der untergehenden Sonne. Vom Verkehr der Straßen ist nichts zu hören. Nur der ein oder andere Radfahrer überquert die nahe Brücke.

Zwei Gitarristen stimmen mit sanften Klängen auf die Veranstaltung ein, dazu singen sie die melancholischen Worte "What the world needs now is sweet love". Fast feierlich könnte man die Stimmung nennen, die sich über den kleinen Platz auf der Kneippinsel ausbreitet. Dass man sich von der Friedlichkeit aber nicht täuschen lassen soll, davon zeugen die Banner und Plakate, die in den Büschen rund um die Besucher hängen. Am häufigsten vertreten ist die Regenbogenfahne mit der Aufschrift "Pace", dem Zeichen der gleichnamigen internationalen Friedensbewegung. Denn dieser Abend ist nicht nur ein Gedenken. Es ist auch eine Demonstration. Eine Demonstration gegen Gewalt, Krieg und vor allem gegen Atomwaffen, die erst den Anlass für die Veranstaltung geliefert haben.

Vor 73 Jahren warfen die amerikanischen Streitkräfte die ersten beiden im Krieg eingesetzten Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki. Damit beendeten sie den Zweiten Weltkrieg nach der Kapitulation Deutschlands auch in Asien. Allerdings zu einem hohen Preis: Hunderttausende Menschen starben, entweder durch die Explosion oder an deren Folgeerscheinungen. Ein solches Ereignis darf es nie wieder geben. Das ist die zentrale Forderung, die die Redner bei der Veranstaltung stellen. Alle Sprecher sind sich einig: Atomwaffen müssen abgeschafft werden. Vor allem die Bundesregierung solle dazu beitragen, so Ammon. Sie fordert die Unterzeichnung des Atomwaffenverbotsvertrages der UN. Eine Handlung, der bisher keiner der Nato-Staaten nachgekommen ist.

Im Vordergrund steht aber noch immer das Gedenken an die Opfer. Ihnen zu Ehren erheben sich die Besucher zu einer Schweigeminute. Sie stehen im Kreis, die Köpfe gesenkt, viele schließen die Augen. In ihrer Mitte leuchtet in der Dunkelheit ein Kreis aus Kerzen, ein Erdkreis, wie Ammon es beschreibt. Nichts ist zu hören außer dem Zirpen der Grillen, dem leisen Rauschen des nahen Flusses und dem nachhallenden Klang eines Gongs. Sogar Passanten auf der Brücke bleiben stehen, um der Szene beizuwohnen. Erst das Rauschen einer Regentrommel und die sanften Klänge der einsetzenden Gitarren lösen die Minute.

Die Besucher bleiben aber stehen. So verfolgen sie die weiteren Beiträge. Im Mittelpunkt stehen Texte der Überlebenden, die anlässlich der Friedensnobelpreisverleihung 2017 sprachen. Die Verleihung, bei der der Preis an die Kampagne Ican ging, die sich für die Abschaffung von Atomwaffen einsetzt. Zum Abschluss singen die Besucher traditionell das Lied "We shall overcome". Es ist dunkel geworden, nur der Lichterkreis leuchtet noch immer am Boden. Und es ertönt die Zeile: "We shall all be free someday."