Süddeutsche Zeitung

An diesem Wochenende:Vielfalt der Kunst

Offene Ateliertage in Germering

Von Sonja Pawlowa, Germering

Ob am Wochenende das Wetter mitspielt, spielt bei den Offenen Ateliertagen in Germering keine Rolle. Trocken bleiben können die Gäste trotz ganz und gar nicht trockener Unterhaltung bei einer Lesung und Jazzmusik unter mobilen Partyzelten und dem herrlichen Baumbestand. Oberbürgermeister Andreas Haas eröffnet seit zwölf Jahren die Germeringer Ateliertage. Das ist eine schöne Tradition, zumal zwölf Ateliers geöffnet sind. Man kann also von einer runden Sache sprechen.

Dass verhältnismäßig kleine Tierskulpturen mit Hilfe einer verhältnismäßig großen Kettensäge ihre individuellen Gesichtszüge erhalten, ist ein kleines Wunder. Gerade das Grobe, das Nicht-Gefällige macht die Arbeit von Elsa Sophia Nietmann aus. Manche Betrachter finden die Figuren brutal, Elsa Nietmann nennt es raue Lebendigkeit. Gleichwohl ist die die Anmut der festgehaltenen Bewegung der Katzen und Menschen so spannend, dass die Skulpturen wie archaische Kultobjekte wirken. Elsa Nietmann geht dabei auf die Natur des Holzes ein. Manchmal sind es Löcher oder Hohlräume, manchmal gewachsene Astgabeln oder Baumkronen, die dem Objekt Stabilität und Einzigartigkeit verleihen.

Elsa Nietmanns aktuelle Leidenschaft gilt den kleinen Dingen, dezimetergroßen Würfeln. Sie sind mit der Kettensäge gearbeitet, doch auch farblich gestaltet. Wie Architektur und Natur treffen ihre Objekte aufeinander Ordnung und Chaos beherrscht als Thema auch die Werke von Gerhard Baumgärtner. Wie eine kleingemusterte Tapete sehen die farbigen, mitrochondrienartigen Gebilde auf der Leinwand aus. Je nach Untergrund wirken die Farben unterschiedlich, wie eine optischen Täuschung. Es gehört viel Disziplin dazu, solche Bilder zu malen. Anstrengend für den Maler und den Betrachter, wenn die Flecken wirr zu flirren beginnen. Das gilt es auszuhalten. Wie eine Befreiung wirkt da ein knallrotes abstraktes Ölbild: Eine Wolke, die explodiert. In der Entstehung war es aufwendig. Schicht und Schicht trocknete die aufgebaute farbliche Räumlichkeit, so dass das brillante Rot lebt und sich auf den Betrachter zubewegt.

Gerhard Baumgärtner vereint Perfektionismus mit Vielfältigkeit. Er zeichnet, druckt und malt, verwendet Öl und Acrylfarben, Grafit. Eine Ausstellung mit dem Titel "Hoffnungsfremd" gibt es im Oktober zu sehen.

Petra Herrmann spendet mit ihren Gemälden, die wie Schnappschüsse wirken, die vermisste Hoffnung. Die schwunghafte Leichtigkeit einer Tänzerin, mitten in einer Drehung, genauso wie eine Serie von Hundeporträts, das schafft gute Laune, selbst in harten Zeiten. Tatsächlich sind die beiden Tänzerin-Bilder während des Lockdowns entstanden. Das Publikum stand draußen vor einer Schaufensterscheibe, gegenüber die Tänzerin im abgeschlossenen Raum. Petra Herrmann drückt die Isolierung durch den Lockdown mit Strichlisten aus. Das Zählen der Tage, wie Gefängnis-Insassen die verbleibende Haftdauer in die Wände ritzen.

Michael Glatzel reduziert und liebt die Serie. Oft zeigen seine Skulpturen Gesichter, die sich so sehr auf das Wesentliche konzentrieren, dass sie wie dreidimensionale Piktogramme erscheinen. Dabei sind sie höchst unterschiedlich, vor allem durch die Verwendung von Materialien und Techniken. Er experimentiert mit Schmelzverfahren von Glasplatten mit Farben und mit Bleiverglasungen. Ein Künstler aus Zimbabwe hat seine Freude am Material Stein entfacht. Die Abstraktion der Gesichter hat womöglich hier ihren Ursprung. Afrikanisch und modern zugleich, schmeicheln seine Köpfe der Haut bei Berührung. Ertasten, dass alle Gesichter im Grunde gleich sind, ist ein einzigartiges Erlebnis.

Atelierhaus Germering // Salzstraße 27 // Offenen Ateliertage 14 bis 18 Uhr // Samstag 18.9. Eröffnungsrede und Lesung ab 15 Uhr // Sonntag 19.9. Livemusik ab 15 Uhr

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Quelle:
SZ vom 18.09.2021
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