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Jahresrückblick (3):Energie im Zentrum

Als eine der Ersten im Kornkreis: Simona Göbel aus Weßling ist nach Biburg geradelt, um sich selbst ein Bild von den Ausmaßen zu machen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Von Menschenhand gemacht oder durch Außerirdische angelegt: Hauptsache, ein schöner Kornkreis. Wie der im Juli im Allinger Ortsteil Biburg. Drei Wochen lang pilgern Menschen aus völlig unterschiedlichen Motiven dorthin

Von Erich C. Setzwein, Alling

Für das, was am Abend des Donnerstags, 16. Juli, auf einem Feld bei Biburg passiert gibt, gibt es keine Augenzeugen, aber viele Deutungen. Die Deutsche Heilerschule weiß bereits wenige Tage später, dass es Anunnaki gewesen seien, Unterweltgötter aus der mesopotamischen Mythologie, die ein Zeichen gesetzt haben. Die Beamten der Germeringer Polizei dagegen nehmen an, dass es um mindestens 15 technisch gut gerüstete Menschen gehandelt haben muss, die von Satelliten und einem Tabletcomputer geleitet einen Kreis mit einem ziemlich exakten Achteck in das Weizenfeld eines Biburger Nebenerwerbslandwirts getrampelt haben.

Diesmal also Biburg. Nachdem im Sommer 2014 ein Feld bei Raisting im Kreis Weilheim ein sogenannter Kornkreis "entdeckt" und anschließend von dem Grundbesitzer "vermarktet" wurde, war es für die Biburger Familie anfangs nur ärgerlich und später eher lästig, dass sie nach Bekanntwerden des neuen Kornkreises hilflos mitansehen mussten, wie immer mehr Menschen durch die Felder stapften und ins Zentrum des Kornkreises vordrangen. Dass der Schaden letztlich vergleichsweise gering ausfiel und durch die von den Besuchern freiwillig gezahlten Spenden ausgeglichen wurde, lag an der Behutsamkeit, mit der die mehrheitlich esoterisch veranlagten Kornkreis-Touristen sich dem Gebilde näherten.

Es wurde von Paaren erzählt, die sich die angeblich mit Energie geladene Mitte des Kornkreises als ihren Liebesort aussuchten. Ins Kraftzentrum setzten sich ganze Gruppen, um zu meditieren. Nach Stunden in der prallen Juli-Sonne hatten sie nicht nur die innerliche Erleuchtung, sondern auch einen gehörigen Sonnenbrand, schwärmten aber von der besonderen Situation. Schamanen kamen vorbei und begrüßten trommelnd den Morgen.

Genau darüber machten sich die Grundbesitzer Sorgen. Dass Leute im Weizenfeld übernachten und durch Unachtsamkeit das Feld abfackeln könnten. Doch die Besucher, die, wie an den Autokennzeichen zu erkennen ist, aus ganz Deutschland stammen, gehen pfleglich mit dem Oktagon im Weizen um. Am Feldrain lassen sie sogar ihre Schuhe stehen, um über den direkten Kontakt mit den Fußsohlen die Energie zu spüren, die aus dem Boden an sie abgegeben wird. Und bevor sie ein paar Halme des energetischen Getreides ausrupfen, fragen sie auch noch die Besitzer, die nun bis zum Dreschen des Getreides fast jeden Abend nach dem Rechten schauen.

Alling ist bereits das zweite Mal Schauplatz eines Kornkreises. Jahre zuvor hatten Unbekannte in Alling selbst einen Kreis fabriziert, was aber nicht publik gemacht wurde. Heuer im Juli dagegen überflog ein Polizeihubschrauber das Feld bei Biburg, es wurden Fotos gemacht, die die Polizei Germering in einer Pressemitteilung veröffentlichte. Sogar mit Lagekarte, so dass schon kurz nach dieser Veröffentlichung die ersten Kornkreis-Fans sich nach Biburg aufmachten.

In den sozialen Medien verbreitete sich die Nachricht rasend schnell, Zeitungen, Radio und TV berichteten, und Drohnenbesitzer ließen ihre kamerabestückten Quadrocopter aufsteigen, um auf Youtube die Bewegtbilder, unterlegt mit dramatischer Musik, der Welt zugänglich zu machen.

Und auch wissenschaftlich wird der Kornkreis untersucht. Andreas Müller aus Saarbrücken ist einer, der die Crop Circle aus beruflichem Interesse besucht.

Grundsätzlich, so Müller, unterscheiden Kornkreisforscher zwischen den von Menschen hergestellten Kornkreisen und jenen, die "nicht so einfach zu erklären sind", dem sogenannten echten Phänomen. Für dieses gibt es eine Vielzahl von Indizien und Beweisen. Manche Augenzeugen hätten behauptet, Kornkreise bei der Entstehung gesehen zu haben, ohne dass dabei Menschen etwas damit zu tun gehabt hätten. Bereits 1880 habe das Wissenschaftsjournal "Nature? über Kornkreise im englischen Surrey berichtet. Müller sagt, es seien weltweit mehr als 7000 Kornkreise auf der ganzen Welt dokumentiert worden, aber nicht nur in England, das als Mutterland der Kornkreise gilt, sondern in weiteren 60 Ländern. Jedes Jahr kämen 100 bis 300 neue Muster dazu. Bewundern kann man das Biburger Achteck weiterhin. Auf den Satellitenkarten von Google ist der Kornkreis recht schön zu sehen.

Anfang August rollte ein Mähdrescher an und machte das, wozu Mähdrescher gebaut sind: Getreide dreschen. An jenen Stellen, an denen die Garben flach auf dem Boden liegen, ist auch für den besten Drescher nichts mehr zu holen. Etliche Besucher, freilich nicht mehr so viele wie an den vorangegangenen Tagen, waren geblieben, bis der letzte Halm verarbeitet war. Es wurde gedroschenes Korn aufgesammelt, einige Ähren eingesteckt. Damit, so meinte man bei den Grundbesitzern, sei die Sache nun vorbei.

Von wegen: Schon am nächsten Tag machten sich erneut Menschen zu dem Feld auf, um anscheinend die Restenergie in sich aufzunehmen. Den Eigentümern wurde prophezeit, dass sich im folgenden Jahr auf der Fläche das Negativ des Kornkreises abbilden werde, wenn der Weizen an dieser Stelle wieder wachse. Das Ende des Kornkreis-Tourismus scheint also nicht absehbar zu sein. Fans geometrischer Landschaftsformen und Menschen, die an das Werk Außerirdischer glauben, werden sicher für jede Nachricht aus Biburg dankbar sein.

© SZ vom 29.12.2015
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