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Fliegerhorst Fürstenfeldbruck:Der Aufenthalt im "Ankerzentrum" dauert oft Monate

Kinder spielen auf dem Gelände der Dependance des sogenannten Ankerzentrums.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Eigentlich ist die Einrichtung am Fliegerhorst Fürstenfeldbruck nur auf einen kurzen Aufenthalt ausgelegt. Etwa 800 Geflüchtete sind dort untergebracht.

Im Jahr 2018 gab es insgesamt 330 Polizeieinsätze in der Fürstenfeldbrucker "Unterkunfts-Dependance", im vergangenen Oktober gab es einen besonders großen mit Hubschrauber-Einsatz, und im November gingen die Bewohner auf die Straße, um gegen die Zustände am Fliegerhorst zu demonstrieren. Wenige Monate nach der Umbenennung in "Ankerzentren" waren die Vorfälle nur eine Bestätigung dafür, wie miserabel die Zustände in den Unterkünften sind.

Im Fürstenfeldbrucker Ableger, in dem sich zurzeit knapp 800 Flüchtlinge aufhalten, ganz besonders. Nachdem im Oktober sogar Politikern der Besuch untersagt worden war, entschied sich die zuständige Regierung von Oberbayern Anfang 2019, etwas mehr Transparenz zu wagen: Sie erlaubte Medienvertretern einen Rundgang und beantwortete zahlreiche Fragen. Doch nicht alle wurden beantwortet. Zum Beispiel jene, wie viel die Regierung von Oberbayern die Unterbringung der Flüchtlinge eigentlich kostet. Dies sei nicht genau zu beziffern, hieß es damals von Regierungspräsidentin Maria Els. Zugleich warf die Veranstaltung zahlreiche neue Fragen auf. Somit war es um die Transparenz gleich wieder geschehen.

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Anwälte, die Flüchtlinge vertreten, Ehrenamtliche sowie Vertreter von Asylhelferkreisen kommen aus dem Erzählen gar nicht mehr heraus, wenn sie die Missstände aufzählen, täglich gebe es neue Probleme.

So sollen die Bewohner bis zum vergangenen Herbst weder auf ihren Zimmern noch auf den Fluren Stühle und Tische gehabt haben, also auch keine anderen Sitzmöglichkeiten als das Bett, das zugleich Schreibtisch war, oder den Boden. Aufenthaltsräume gibt es nicht.

Es gebe Duschräume, deren Wände über mehrere Quadratmeter mit schwarzem Schimmel bedeckt seien (auf dem Presserundgang freilich gab es geputzte Toiletten zu sehen). Nachts finden viele Bewohner aus zahlreichen Gründen nicht in den Schlaf: Weil es eben immer einen Grund gibt, wenn bis zu 20 Personen in einem Raum leben. Frauen hätten Angst, die Duschen aufzusuchen, weil sie nicht abzusperren sind und jederzeit Männer reinkommen können. Manche Sanitäranlagen seien zudem nicht erkennbar nach Geschlechtern getrennt.

Teeküchen gibt es seit Jahren nicht. Junge Mütter, von denen es in der Fürstenfeldbrucker Unterkunft sehr viele gibt, haben kaum die Möglichkeit, Zwischenmahlzeiten für ihre Kinder zu bereiten. Generell ist warmes Wasser, zum Beispiel für Babybrei, nur im Pausenraum des Sicherheitsdienstes erhältlich. Das bedeutet, dass man sein Baby nachts allein im Zimmer lassen muss, um Wasser zu holen. Wasserkocher sind auf den Zimmern aus Brandschutzgründen verboten. Fläschchen oder Schnuller auszukochen, ist so gut wie unmöglich. Den unhygienisch aussehenden Wasserspendern auf den Gängen bringt niemand Vertrauen entgegen.

Zutritt zur Unterkunft haben nur die Bewohner und die Menschen, die sie betreuen und helfen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Wenn öffentliche Kritik an Missständen zunimmt, wird bisweilen recht schnell, aber auch uneffektiv reagiert. So entsteht der Eindruck, dass die Regierung von Oberbayern eher das Ziel verfolgt, ihre eigenen Probleme zu beseitigen als jene der Flüchtlinge. Zumal offensichtlich immer wieder darauf geachtet wird, nicht zu viel Geld für neue Maßnahmen auszugeben.

Das Management der Unterkünfte macht es Flüchtlingen, bezüglich ihrer Rechte und Pflichten ohnehin verunsichert, oft recht leicht, der Regierung von Oberbayern zu misstrauen. Ein besonders schwerer Vorwurf: Die Regierung gibt gesetzlich zugesicherte Sachleistungen einfach nicht aus. So vertritt die Münchner Anwältin Anna Frölich aktuell zwei Familien, die auf Auszahlung der Kleiderpauschale für ein gesamtes Jahr bestehen - weil sie in diesem Zeitraum von der Regierung keine Bekleidung erhalten haben, die Pauschale aber monatlich abgezogen wurde.

Laut Asylbewerberleistungsgesetz stehen einem verheirateten Flüchtling monatlich Grundleistungen von 318 Euro zu. Bar ausgezahlt werden davon 86 Euro. Abgezogen werden mehrere Pauschalen, darunter 30,46 Euro (bei verheirateten Personen) für "Bekleidungshilfe". Dafür haben die Flüchtlinge alle sechs Monate rechtlichen Anspruch auf neue Bekleidung. Frölich sagt, die beiden Familien seien nur die Spitze des Eisbergs: Ein Großteil der in Fürstenfeldbruck lebenden Flüchtlinge hätte nach der einmaligen Ausstattung unmittelbar nach der Ankunft in München überhaupt keine Bekleidung erhalten. Die meisten trauten sich allerdings nicht, dies anzuprangern, aus Angst vor Repressalien.

Die Regierung erklärt, dass jeweils am 1. Mai und am 1. Oktober jedes Jahres eine Kleiderausgabe in München stattfindet. Wer nach dem 1. Oktober 2018 in Bayern ankam, konnte "den Bedarf in der Kleiderkammer des BRK in der Unterkunfts-Dependance Fürstenfeldbruck anmelden und diesen dann über die Kleiderkammer des BRK decken".