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Fahrerlaubnis:So wichtig ist der Führerschein

Fahrlehrer Tobias Lindner findet selbst, dass Münchens Straßen oft zu voll sind. Er hat viele Schüler, die sich vornehmen, der Umwelt zuliebe wenig zu fahren.

(Foto: Robert Haas)
  • Viele Jugendliche machen in München den Führerschein, weil sie ihn für die Arbeit brauchen.
  • Doch fahren wollen sie in der Stadt nicht - wegen des vielen Verkehrs und um die Umwelt zu schützen.
  • Die Durchfallquoten bei den Prüfungen sind in den vergangenen Jahren massiv angestiegen.

Die kleinen Tische stehen im Weg. Tobias Lindner packt sie und schafft sie ins Nebenzimmer; jetzt ist Platz in der Mitte des Raumes. Lindners Elan verrät ihn: Er ist noch ganz frisch in seinem Job. Erst seit ein paar Monaten arbeitet er hier im Westend als Lehrer in der Fahrschule Bruckmaier, direkt am Mittleren Ring. An diesem Abend ist Theoriestunde. Aber die Schülerinnen und Schüler mit trockenen Präsentationen langweilen kommt für den 35-Jährigen nicht infrage. "Heute schauen wir uns die Straßenbenutzung an", sagt Lindner und verteilt Rollen mit Klebeband an die rund ein Dutzend Anwesenden. Sie sollen lernen, wie eine Straße überhaupt aussieht. Welche verschiedenen Fahrstreifen gibt es? Wie fährt man zum Beispiel richtig auf eine Autobahn auf?

In Kleingruppen beginnen die Schüler mit der Aufgabe, reißen das Kreppband in Streifen und machen sich daran, unter Anleitung eines Übungshefts verschiedene Fahrspuren auf dem Boden aufzukleben. Die 19-jährige Gina Dingel ist auch dabei. Sie erzählt, dass ihr die anstehende Theorieprüfung ein wenig Sorgen bereitet. "Da muss man sich ja einiges merken. Davor habe ich schon ein bisschen Angst." Die Zahlen geben ihr recht. Seit Jahren steigen bei den Führerscheinprüfungen die Durchfallquoten. Vor Kurzem hat das Kraftfahrtbundesamt vermeldet, dass sie im Jahr 2017 auf einen Rekordwert geklettert sind: Von allen Anwärtern eines Autoführerscheins in Deutschland sind 39 Prozent durch die theoretische und 32 Prozent durch die praktische Prüfung gefallen. Im Landesvergleich schneidet Bayern besser ab als der Durchschnitt. Für die Landeshauptstadt gibt es keine Zahlen.

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Doch wie ist die Situation hier? Auf Münchens Straßen sind schließlich eine ganze Menge Fahrzeuge unterwegs. Fast 900 000 sind angemeldet, Tendenz steigend - allein im vergangenen Jahr wurden mehr als 200 000 Fahrzeuge neu zugelassen. Der ganze Verkehr und jetzt auch noch die emotional geführte Schadstoffdebatte: Haben junge Leute da überhaupt noch Lust auf einen Führerschein?

Dingel zumindest hat keine Scheu vor dem Straßenverkehr. Das Argument, man könne hier ganz bequem Bus und Bahn nutzen, lässt sie nicht gelten. "Ich mache den Führerschein, weil ich mobil sein möchte und nicht auf die S-Bahn angewiesen sein will." Dingel hat vor, das Auto im Alltag zu nutzen. Auf die ganzen Verspätungen und teuren Bahnpreise habe sie keine Lust mehr, sagt die 19-Jährige. Sie kenne auch niemanden aus ihrem Freundeskreis, der keinen Führerschein machen will.

Laut Kreisverwaltungsreferat haben im vergangenen Jahr knapp 12 000 Münchner einen Führerschein bekommen. Die Zahl ist seit dem Jahr 2000 mit leichten Schwankungen etwas gestiegen. Über das Interesse der jungen Leute sagen solche nackten Zahlen freilich wenig. Zur Fahrschule sind heute auch einige gekommen, für die das Autofahren weniger wichtig ist als für Dingel. Karina etwa, die ihren vollen Namen nicht genannt haben will, ist 30 Jahre alt und konnte sich bisher nicht durchringen, einen Führerschein zu machen. Sie wohnt mitten in der Stadt. Da habe sie nie ein Auto gebraucht, erzählt sie, aber für Urlaub oder Ausflüge sei es nützlich. Ihre Freunde können alle fahren. "Von denen habe ich mich bisher immer herumkutschieren lassen", sagt sie. Jetzt werde es langsam Zeit für einen Führerschein. Zudem brauche sie den künftig für ihre Arbeit.

Felix ist an diesem Tag zum ersten Mal in der Fahrschule. Er freut sich schon darauf, den Führerschein zu machen. Er ist erst 16 Jahre alt, will aber schon mit 17 begleitet fahren. Dass er einen Führerschein macht, sei immer klar gewesen, erzählt er. "Ich denke, das braucht man einfach in unserer Gesellschaft. Man hat sonst einfach weniger Möglichkeiten." Im Alltag werde er das Auto aber nicht brauchen und auch nicht nutzen. "Bei dem ganzen Verkehr ist es nicht so der große Spaß, jeden Tag durch die Stadt zu fahren." Aber auch die Umweltbelastung ist für Felix ein Grund, nicht regelmäßig ins Auto zu steigen.

"Wir haben viele Schüler, die wegen der Umwelt eigentlich nicht so oft fahren wollen", sagt Fahrlehrer Lindner. "Viele brauchen aber einfach einen Führerschein für ihren Beruf." Er selbst sei heute mit dem Fahrrad zur Fahrschule gekommen, erzählt er. "In München hasse ich es wirklich, Auto zu fahren."

Lindner und auch seine Kollegen der Fahrschule Bruckmaier bestätigen, dass es den jungen Leuten zunehmend schwerfalle, die Führerscheinprüfungen zu bestehen. Aber woran liegt das? Fragt man bei den Fahrschulen in München herum, bekommt man immer wieder dieselben Antworten. Eine davon: Tatsächlich sinke für die jungen Leute die Bedeutung des Führerscheins. Früher sei es ein absolutes Prestigeobjekt gewesen, heute sei das anders. "Ich mache das jetzt schon seit 20 Jahren und seit zehn Jahren ist es schon auffällig, dass Konzentration, Vorwissen und Leistungsbereitschaft nachlassen", sagt ein Fahrlehrer aus Sendling.

Das Handy lenkt vom Straßenverkehr ab

Das Hauptproblem sei die fehlende Erfahrung mit dem Straßenverkehr. "Gerade in München macht man sich weniger Gedanken darüber, wie man wohin kommt", sagt Werner Betz, der mehrere Fahrschulen in der Stadt betreibt. Da steige man halt in den Bus oder die U-Bahn und komme schon irgendwie an. Einen Übeltäter können aber wirklich alle Fahrlehrer ausmachen: das Handy. "Beim Mitfahren schaut heute niemand mehr zu, wie die Eltern fahren oder was auf den Straßen passiert", sagt Betz. "Da wird die ganze Zeit aufs Handy geschaut."

Auch Lindner hat das Gefühl, dass die jungen Leute heute den Straßenverkehr nicht mehr so gut kennen. In seiner Theoriestunde müssen sich seine Schüler deshalb Dinge wie einseitige Fahrstreifenbegrenzungen, Vorankündigungspfeile und Fußgängerüberwege genauer anschauen und mit den Klebestreifen nachbilden. Insgesamt versucht die Fahrschule im Westend vieles, um ihre Durchfallquote niedrig zu halten. So müssen etwa Anfänger bei fortgeschritteneren Schülern mitfahren und zuschauen. Bevor es selbst auf die Straße geht, müssen sie sich außerdem erst mal am Simulator ausprobieren.

Felix, der Fahrschüler, der zum ersten Mal zum Unterricht gekommen ist, zeigt sich zuversichtlich, dass er die Prüfungen packen wird. "Ich glaube aber, dass es nicht so schlimm wäre, einen zweiten Versuch zu brauchen", sagt er. "Viele fallen beim ersten Mal durch. Da sollte man sich keinen Druck machen. Das ist jetzt keine große Schande."

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