Süddeutsche Zeitung

Frühstück an Münchner Schulen:Tischlein deckt sich nicht allein

Lesezeit: 4 min

Weil viele Schüler morgens mit leerem Magen und ohne Pausenbrot kommen, wird an immer mehr Schulen Frühstück angeboten. Ohne die Hilfe von Vereinen und Ehrenamtlichen wäre das nicht möglich. Und das gemeinsame Essen macht nicht nur satt, sondern bewirkt noch sehr viel mehr.

Von Melanie Staudinger

Pasing, 7.30 Uhr morgens: Eigentlich hätten die Schüler der Grundschule am Schererplatz noch eine halbe Stunde Zeit, bis der Unterricht beginnt. Und doch hüpfen die ersten schon gut gelaunt in das durchaus in die Jahre gekommene Schulgebäude. Sie gehen aber nicht in Richtung Klassenzimmer, sondern schnurstracks in den Keller. Dort, in der schuleigenen Mensa, riecht es schon nach Tee und frischem Brot. Gertrud Ziegler wartet auf ihre Schützlinge mit dem Frühstück. Die ehrenamtliche Helferin hat Gurken, Tomaten und Radieschen in kindgerechte Stücke geschnitten, die Äpfel geachtelt und den Saft aus den zwei Liter fassenden Tetrapacks in Glaskannen gefüllt. An der Wand auf dem langen Tisch stehen Käse, Wurst, Marmelade, Honig und Nutella.

Die Kinder tragen sich zuerst in eine Liste ein. "Für die Dokumentation", sagt Ziegler. Das ist aber auch schon alles an Formalia für die Schüler. Dann nehmen sie sich einen Teller und suchen sich ihr Frühstück aus. Die meisten wählen, keine allzu große Überraschung, Nutella und schmieren sie sich großflächig auf ihre Knäcke- und Schwarzbrote. Bezahlen müssen die Kinder aus Deutschland, Ungarn, Frankreich, Bulgarien oder dem Irak nichts dafür.

Es kann nicht sein, dass Kinder hungern

Darum kümmert sich eine Frau, die an diesem Tag bei der Essensausgabe hilft und die die Schüler der ersten bis vierten Klasse zwar nicht wirklich kennen, ihre Eltern dafür mit großer Sicherheit: die Schauspielerin Uschi Glas. Sechs Jahre sind mittlerweile vergangen, als sie erstmals von einem Problem im Radio hörte, an dessen Existenz sie zunächst nicht glauben wollte. An bayerischen Schulen, hieß es damals, litten Kinder Hunger. Sie kämen ohne Frühstück, hätten kein Pausenbrot dabei und brächen manchmal sogar während des Unterrichts zusammen. "Ich dachte, der Beitrag wäre maßlos übertrieben", sagt Glas heute. Ruhe gelassen hat er ihr trotzdem nicht.

Sie schrieb alle Grundschulen in München an, von den gut 130 Rektoren antworteten lediglich 23. Elf von ihnen aber sprachen von massiven Schwierigkeiten mit hungrigen Kindern. "Das kann doch in einer so reichen Stadt nicht sein", sagt Glas. Sie fuhr gemeinsam mit ihrem Mann, dem Unternehmensberater Dieter Hermann, in Baumärkte und besorgte Plastikkisten. In diese Notfallboxen füllte sie Knäckebrot, Müsli, Zwieback und Butterkekse, die sie in die Schulen brachte. Wirklich zufrieden war sie mit der Spontanaktion aber noch nicht. Im Februar 2009 gründete Glas mit ihrem Mann und dem Münchner Rechtsanwalt Harald Mosler schließlich den Verein Brotzeit. Dessen Fahrer beliefern seitdem alle 14 Tage Schulen mit Lebensmitteln aus den Vertriebszentren des Kooperationspartners Lidl.

Senioren engagieren sich im Projekt

Die Bilanz lässt sich sehen. In den vergangenen fünf Jahren spendierte der Verein knapp 1,4 Millionen Portionen Frühstück. 122 Schulen werden betreut, nicht nur in München, sondern auch in Hamburg, Heilbronn, Berlin, Leipzig und der Rhein-Ruhr-Region. Alleine in der bayerischen Landeshauptstadt profitieren davon 28 Schulen, unter ihnen die Grundschule am Schererplatz. Die Helfer haben knapp 150 000 Frühstücke ausgegeben - das sind an einem durchschnittlichen Tag etwa 800 Portionen. 105 Senioren engagieren sich momentan in dem Projekt.

Bei all dem (oft berechtigten) Jammern darüber, dass das Essen in Schulmensen eher bescheiden schmeckt, eines darf nicht vergessen werden: Längst geht es in Münchens Schulen nicht mehr nur darum, gesundes Essverhalten zu vermitteln, wie es etwa die Bio-Brotbox-Aktion anstrebt, bei der auch in diesem Schuljahr wieder 600 Jugendliche der Ludwig-Thoma-Realschule in Berg am Laim 27 500 Pausenboxen für Schulanfänger packen.

Oft fehlt es am Nötigsten

In vielen Schulen steht an erster Stelle die schlichte Nahrungsaufnahme. Ärmere Familien können sich das Mittagessen in der Ganztagsschule kaum leisten - sie bekommen Zuschüsse von der Stadt, entweder über das Bildungs- und Teilhabepaket oder, wenn sie dort nicht anspruchsberechtigt sind, weil sie über der Verdienstgrenze liegen, vom Bildungsreferat über einen Sondertopf. Damit aber bleibt das Problem mit dem Frühstück ungelöst.

"Manche Eltern fangen so früh mit der Arbeit an, dass sie ihre Kinder mit dem Handy aufwecken", berichtet Anita Bock, Rektorin an der Grundschule am Schererplatz. Und Sechsjährige seien manchmal überfordert, sich selbst ein Frühstück oder ein Pausenbrot zuzubereiten. Hier hilft mittlerweile eine Vielzahl privater Vereine oder Organisationen. Brotzeit ist ein Beispiel dafür oder auch der Verein Deutsche Lebensbrücke, der in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen gefeiert hat. Im vergangenen Schuljahr haben die Verantwortlichen und ehrenamtlichen Helfer in ihren Frühstückclubs und Mittagstisch-Projekten in Frankfurt, Duisburg und München insgesamt 33 000 Kinder mit gesunden Mahlzeiten versorgt.

Voraussetzung für einen guten Schultag

"Und ihnen damit den Start in einen erfolgreichen Schultag ermöglicht und die Voraussetzungen geschaffen, damit sie nach der Schule mit Kraft und Energie an die Hausaufgaben gehen konnten", sagt die Vorstandsvorsitzende Petra Windisch de Lates. Die Hilfe der Lebensbrücke ist unbürokratisch und unkompliziert: Wenn eine Schule bemerkt, dass ein Kind hungrig ist, kann es einfach mitessen - ohne großen Aufwand oder Anträge.

Ähnlich läuft es auch an der Mittelschule an der Wörthstraße in Haidhausen. Dort können die Schüler jeden Morgen von sieben bis 7.55 Uhr kostenlos frühstücken. Auch an dieser Schule hatten Lehrer und Schulsozialarbeiter vor sieben Jahren festgestellt, dass immer mehr Kinder und Jugendliche mit leerem Magen kommen und oft auch kein Pausenbrot dabei haben - entweder weil sie sich morgens selbst versorgen müssen und damit überfordert sind oder weil die Eltern Arbeitslosengeld beziehen und daher sparen müssen - oder weil sie gerade erst als Flüchtlinge in München angekommen sind und es ihnen am Nötigsten fehlt.

Ein Treffpunkt vor dem Unterricht

Für die Kinder hat das Frühstück in der Schule an der Wörthstraße noch weitere Vorteile: Sie müssen zum Beispiel vor dem Unterricht nicht mehr draußen warten, sondern können sich in der Mensa treffen, auch wenn sie nichts essen wollen. Mittlerweile nehmen gut 50 Schüler täglich dieses Angebot wahr - und die Lehrer haben bereits festgestellt, dass die Atmosphäre in der Schule sehr viel entspannter und die Zahl der Konflikte zurückgegangen sei.

Organisiert wird das Frühstück hier vom Verein Kinderschutz, der an der Mittelschule auch mit Schulsozialarbeitern tätig ist und Kooperationspartner beim offenen Ganztag. Zwei Honorarkräfte bereiten das Essen zu und räumen hinterher wieder auf. Die Münchner Tafel liefert einen Teil der Lebensmittel und Getränke, um die Kosten gering zu halten. Auf dem Speiseplan fehlt nichts: Es gibt Wurst ebenso wie Käse, Marmelade, Joghurt, Frischkäse, Honig, Müsli oder Cornflakes. Und natürlich Nutella - die ist auch hier mit Abstand am beliebtesten.

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Quelle:
SZ vom 29.10.2014/vewo
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