Helga Maria König lässt sich mit dem Taxi direkt vor den Dom fahren. Die 84-Jährige muss ihr Bein noch schonen, nach einem Oberschenkelhalsbruch. Es ist kurz vor acht Uhr, gerade hat es aufgehört zu regnen. Präsenz zeigen erfordere halt Einsatz, sagt die Moosacherin. „Ich mach’ das volle Programm und laufe mit.“ Deshalb habe sie einen Stock dabei an diesem zweiten Donnerstag nach Pfingsten.
Es ist der Tag, an dem die katholische Kirche Fronleichnam feiert. „Das Wort habe ich noch nie gehört“, bekennt achselzuckend eine Frau bei einer Spontan-Umfrage am frühen Donnerstagmorgen in der Innenstadt. Die zunehmende Ahnungslosigkeit, was die Bedeutung von christlichen Feiertagen im Allgemeinen und Fronleichnam im Besonderen angeht, steht in starkem Gegensatz zum innerkirchlichen Rang dieser katholischen Glanz- und Gloria-Veranstaltung.
Mehr Barock-Oper als die Fronleichnamsprozession geht nicht: Auch in München, wo 1343 diese Tradition ihren Anfang genommen haben soll, werden seit Jahrhunderten kiloschwere Kruzifixe und Fahnen meist von prächtig gewandetem Kirchenpersonal durch die Straßen getragen. Einst gefolgt von den Ständen und Würdenträgern aus Gesellschaft und Politik und allerlei Landsmannschaften in schönster Tracht. Unter dem sogenannten Himmel, einem tragbaren Baldachin, hält der Priester die Monstranz in den Händen.

In diesem gold glänzenden liturgischen Schaugefäß befindet sich die Hostie, das Allerheiligste, und damit der Kern der Botschaft dieses Feiertages. Fronleichnam ist für katholische Christen das „Hochfest des Leibes und Blutes Christi“. Brot und Wein, geweiht von einem Priester, stehen im Sakrament der Eucharistie für die Gegenwart Christi. Der Begriff selbst stammt aus dem Mittelhochdeutschen. „Fron“ steht für „Herr“ und „lichnam“ für den lebendigen Leib.
In aller Herrgottsfrühe, um halb sechs, haben die Verantwortlichen der Erzdiözese München und Freising am Donnerstag wegen der unsicheren Witterung schweren Herzens die große Prozession vom Marienplatz zur Ludwigskirche abgeblasen und in den Liebfrauendom verlegt. „Trotzdem“, sagt später Kardinal Reinhard Marx bei seiner Predigt, „machen wir an diesem Tag sichtbar, was wir glauben“. Es wird eine kleine Prozession geben, in „Brezenform“, mit zwei großen und zwei kleinen Schleifen um den Altar herum.
„Fron“ steht für „Herr“ und „lichnam“ für den lebendigen Leib
Umhüllt von Weihrauch laufen alle Gruppen mit, nur mit weniger Mitgliedern. Darunter sind Jugendgruppen, Ministrantinnen, Ordensgemeinschaften, katholische Studentenverbände, katholischen Verbände, Innungen, Ordensritter und muttersprachliche Gemeinden wie kroatische oder ukrainische Gruppen in prächtigen Trachten. Angeführt von der hiesigen Kirchenprominenz. An den Seitengängen des mit mehr als 2000 Menschen proppenvollen Doms knien manche auf dem Steinboden nieder, als sie der Zug, begleitet von mächtigem Orgelklang, passiert. Auf ihren Stock gestützt zieht auch Helga Maria König an ihnen vorbei.

Seit etwa 30 Jahren läuft die Moosacherin mit. Warum? „Es war für mich immer ein Anliegen, Gesicht zu zeigen.“ Auch wenn die Zeiten momentan schwierig seien, müsse man als Gemeinschaft weitermachen. Als König Vorsitzende der Arbeitsgruppe Katholische Verbände München wurde – und 26 Jahre lang blieb –, war sie automatisch Vorstandsmitglied im Katholikenrat und Teil der Prozession. „Ich komme nicht aus einer bigotten Familie und habe immer hinterfragt, was ich mache.“ Ein muslimischer Taxifahrer habe ihr neulich gesagt, es sei nicht wichtig, irgendwo jemandem zu helfen, sondern es sei wichtig, dem eigenen Nachbarn zu helfen. Darum gehe es doch letztlich. Die christliche Kernbotschaft müsse man nach außen leben.
Vergangenes Jahr wurden beim Fronleichnamszug 16 000 Menschen gezählt. „Diese Gemeinsamkeit bestärkt einen“, sagt Helga Maria König. Die ursprünglich unter freiem Himmel geplante Prozession, predigt später Kardinal Marx, passe auf den ersten Blick nicht in die heutige Zeit. „Ein Opfer, ein Kult, mitten in der Stadt, am besten auf dem Marienplatz, wie fremdartig das klingt.“ Christen müssten sich aber Raum für die Feier des Glaubens nehmen und damit einem Raum, der nicht dem Nutzen gelte, so der Kardinal.
1945 führte der Zug durch Schutt und Trümmer
Fremdartig muss es auch gewirkt haben, als die Münchner keine vier Wochen nach Kriegsende am 3. Juni 1945 wieder in einem Fronleichnamszug durch „Schutt und Trümmer“ der Stadt gezogen sind, wie die örtliche Presse berichtete. Historisch auch der Umzug 1952. Kardinal Michael von Faulhaber lag zu dieser Zeit im Sterben. Die Baldachinträger, so schrieb der Münchner Merkur, machten für einen Augenblick Halt am Promenadeplatz – dort, wo der Weg zum Erzbischöflichen Palais führt. „Da schlägt vom Frauendom die Uhr das erste Viertel der elften Stunde. Niemand ahnt noch, daß in diesem Augenblick der Todesengel dort an das Sterbebett getreten ist.“

Ende der 1950er-Jahre dann der Zenit: sagenhafte 50 000 Prozessionsteilnehmer. Alles, was Rang und Namen hatte, bis hinauf zum Ministerpräsidenten, lief mit. 200 000 schauten sich das vom Straßenrand aus an. 1975 waren es im Zug nur mehr 30 000 Christen. Genauso viele, schrieb die Abendzeitung damals, wie sechs Stunden später, als die Fans des FC Bayern ihre Mannschaft als neuen Europameister auf dem Marienplatz feierten.

Vergangenes Jahr zählte der Prozessions-Zug selbst noch 16 000 Teilnehmer. Dass die Zuschauermenge über die vergangenen 30 Jahre fast weggeschmolzen ist, mache sie traurig, sagt König. „Man darf die katholische Kirche nicht auf die Missbrauchsfälle reduzieren. Es gibt so viele tolle Verbände, die viel für die Gesellschaft tun und tief in sie hineinwirken.“ Es ist trocken und sonnig geworden, als die 84-Jährige nach zweieinhalb Stunden den Liebfrauendom wieder verlässt. „Für mich war’s ergreifend, und auch wenn ich lieber durch die Straßen gelaufen wäre, bin ich erstaunt, dass der Dom doch so ein Kraftort ist.“

