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Freizeit auf dem Bauernhof:Vom Korn zum Zubrot

Das Ehepaar Diefenthaler vermittelt auf seinem Erlebnisbauernhof in Landsham Kindern, wie aus Getreide Brot wird. Inzwischen haben sich 375 Landwirte in Bayern zertifizieren lassen, um entsprechende Freizeitprogramme anbieten zu können

Von Victoria Michalczak

Fertig!", quietscht die kleine Xenia fröhlich und präsentiert stolz das Mehl auf ihrem Pappteller. Die anderen Kinder stoßen noch mit schweren Steinen auf die Häufchen aus Weizenkörnern vor ihnen und erfüllen den Raum mit lautem Klopfen. Als alle so weit sind, dürfen sie die zermahlenen Körner mit einem Handbesen auffegen und in ein Sieb füllen. "Das Weiße ist das Mehl", erklärt Erlebnisbäuerin Angelika Diefenthaler, "genauso schaut das aus, was man kaufen kann." Das selbstgemahlene Mehl dürfen die Kinder in Tütchen abfüllen und mit nach Hause nehmen. "Ich werde ganz viel Kaiserschmarrn daraus machen", ruft die achtjährige Laura. Spaßig sei es zwar gewesen, das Mahlen, aber für die kleinen Mühlen am Werktisch brauche man auch ganz schön viel Kraft: Das war sehr anstrengend, stimmen die anderen Kinder zu.

An diesem Vormittag sind es 39 Fünf- bis Achtjährige, die den Diefenthaler Erlebnisbauernhof in Landsham-Moos nahe Kirchheim besuchen. Die eintägigen Ausflüge vermittelt das Jugendamt der Stadt München. In Verbindung mit dem Münchner Ferienpass kostet der Ausflug mit dem Bus acht Euro pro Kind. Schon nach wenigen Minuten seien die Fahrten ins Münchner Umland meist ausgebucht, sagt Betreuerin Susanne Raidel.

Im Nebenraum zeigt Bauer Hermann Diefenthaler gerade einer anderen Gruppe verschiedene Körbe voller Getreidearten, in denen die Grundschüler neugierig ihre Hände vergraben. "Vom Korn zum Brot" heißt das Programm, das den Kindern den Anbau und die Verarbeitung von Getreide näherbringen soll. Auf dem Tisch stehen Lebensmittel, darunter Nudeln, Kaffee und Malzbier. Hermann Diefenthaler erklärt, was aus welchem Getreide hergestellt wird. "Und wovon wird man betrunken?", fragt ein Junge forsch. "Von Malzbier gar nicht", lacht der Bauer.

Er ist auf dem Hof geboren, auf dem er heute mit seiner Frau, den Kindern, den Schwiegersöhnen und einem Enkelkind wohnt. Die Diefenthalers halten in ihrem Stall Ochsen und bauen Getreide an, aber davon allein lässt sich ihr Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten. Hermann Diefenthaler arbeitet als Lkw-Mechaniker. Seine Frau Angelika backt jeden Morgen Kuchen für den kleinen Hofladen. Und seit vier Jahren ist der Diefenthaler Hof ein zertifizierter Erlebnisbauernhof.

Vor Jahren besuchte Angelika Diefenthaler mit ihrem Sohn ein Maislabyrinth. "Das war der Anfang", sagt sie. Auch auf ihrem eigenen Hof legten die Diefenthalers daraufhin einen solchen Irrgarten an. Im Sommer wurde der Hof ein beliebter Treffpunkt für Mütter und Kinder aus der Umgebung. Dann beschlossen sie, noch stärker auf Freizeitangebote für Kinder zu setzen. Angelika Diefenthaler belegte ein Weiterbildungsprogramm und ließ sich in mehreren Wochenendkursen zur Erlebnis-Bäuerin ausbilden. "Da lernt man, wie man ein Erlebnisprogramm gestaltet, wie man mit schwierigen Kindern umgeht, und danach hatte ich ganz viele Ideen", sagt sie. Ohne den Lehrgang hätte sie sich die Gestaltung des Ganztagsprogramms für Kinder nicht zugetraut.

Verständnis für die Landwirtschaft und für die Ernährung zu vermitteln, sei ihr wichtig, sagt die Bäuerin. "Und ich hab' halt gern Leute um mich rum", fügt sie strahlend hinzu. Auch ihr Mann meint: "Das ist mir wichtig, dass die Kinder wissen, was sie essen, und das tun ja viele nicht." Einmal, erzählt er, habe ein Kind beim Besuch auf dem Hof geglaubt, Spaghetti würden aus den Halmen der Pflanzen hergestellt. "Naja, sie sehen ja auch so aus", lacht er. Ob eine Kindergruppe vom Land oder aus München komme, das merke man schon, sagt der Bauer. Aber im Heu herumzutollen und die Tiere zu streicheln, fänden alle toll, weiß er. Neben "Vom Korn zum Brot" bieten die Diefenthalers auch noch ein zweites Tagesprogramm für Kinder an. Da geht es dann statt um Getreideanbau um die Rinderhaltung.

375 Landwirte haben in Bayern schon das Zertifikat als Erlebnisbäuerin oder Erlebnisbauer erworben. Vor allem Frauen belegen den 16-tägigen Kurs. So können sie Verantwortung für einen eigenen Zweig des Betriebs übernehmen. Bei rund einem Viertel der Erlebnisbauernhöfe bringt das Kinderprogramm bereits genauso viel oder sogar mehr Gewinn ein als die Landwirtschaft selbst. "Insofern ist es durchaus ein wichtiges Standbein", sagt Martin Hecht vom Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten.

Auf dem Diefenthaler Hof können Kinder auch ihr eigenes Mehl mahlen.

(Foto: Robert Haas)

Vor dem Haus steht eine Armada an Bobbycars, Hüpfbällen und Steckenpferden bereit, auf denen die Kinder über den Hof tollen können. Zu der Erlebnisreise gehört schließlich nicht nur spielerisches Lernen, sondern auch einfach nur Spielen. Und natürlich freuen sich die Kleinen auch schon seit der Ankunft auf die Hoftiere. Die Ochsen im Stall rufen laut, wenn sie die Kinder hören, denn die dürfen die Tiere selbst mit Getreideschrot füttern. "Ich habe ein bisschen Angst", sagt der achtjährige Hicham zwar, hält dem Rind dann aber doch eine Plastikschaufel mit Futter hin, obwohl dessen Kopf fast so groß ist wie Hicham selbst. Der Ochse reißt seine großen Augen auf und fängt mit seiner langen rauen Zunge das Futter auf. "Das ist ganz schlabbrig", sagt die siebenjährige Anna kichernd: "Lustig, wie die ihre Zunge rausstrecken."

Zum Mittagessen in der Scheune gibt es Bratkartoffeln, und dann dürfen endlich alle ins Maislabyrinth. Gegen halb fünf fährt der große Bus zurück in die Stadt, und ein erlebnisreicher Tag auf dem Bauernhof geht zu Ende.

© SZ vom 12.08.2016
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