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Zwischenfall in Freising:Selbstjustiz oder Zivilcourage

Ein Vater wird als Pädophiler beschimpft, die Situation eskaliert. Nach dem Vorfall gibt es hitzige Debatten unter Freisingern: Die einen verurteilen die aufgebrachten Bürger, andere nennen sie mutig.

Ein 50-jähriger Mann aus Ingolstadt ist am Freitagabend von Passanten und Anwohnern als Pädophiler beschimpft und geschlagen worden, als er mit seiner zehnjährigen Tochter spazieren ging. Seitdem der Vorfall in die Öffentlichkeit gelangt ist, berichten nicht nur bayernweit die Medien darüber, auch auf der SZ-Facebook-Seite sind hitzige Debatten darüber entbrannt.

Die SZ-Leser sind dabei geteilter Meinung: In den Kommentaren zu der Meldung vom Wochenende beklagen sich besonders männliche User, dass bei solchen Aktionen stets ein Generalverdacht auf alle Männer gelenkt werde. Viele zeigen sich entsetzt über das vorschnelle Handeln der Angreifer.

Hier können Bürger Hilfe anfordern

Bürgern, die einen kriminellen Akt beobachten, wird geraten, die Polizei zu verständigen oder sich an die Hotline 116 006 des Opferhilfe-Vereins "Weißer Ring" zu wenden.

Andererseits vertreten einige die Meinung, dass es bestimmt einen Anhaltspunkt für die Bürger gegeben haben müsse, der sie dazu veranlasst habe, einzugreifen: "Irgendwas war sicher auffällig, denn wenn er normal mit seiner Tochter umgegangen wäre, hätte er keine Prügel bekommen", schreibt beispielsweise eine Userin. Und weiter: "Lieber so, als wenn jeder wegschauen würde!" Nachfragen bei der Freisinger Polizei haben ergeben, dass der Vater weder wegen seines Alters oder Aussehens vorschnell verurteilt worden sei, noch habe er seine Tochter in irgendeiner Art anzüglich berührt.

Der Mann zog das Mädchen hinter sich her

Der einzige Anhaltspunkt für die Verfolger sei es gewesen, dass der Vater das Mädchen, das missmutig hinter ihm hergetrabt sei, energisch an der Hand mitgezogen habe, wie Zeugen der Polizei berichteten. Ein Sprecher der Polizei erklärte weiter, der Mann sei gerade vom Marienplatz gekommen. Dort habe er beim "Zamma"-Festival einiges an Alkohol konsumiert. Nachdem der 50-Jährige aufgrund seines Verhaltens bei der Gruppe von Beobachtern Verdacht erregt hatte, sei eine Anwohnerin auf das Mädchen zugegangen und habe es gefragt, ob der Mann wirklich sein Papa sei. Darauf habe dieser aggressiv reagiert.

Junge Männer aus der Gruppe hätten ihn dann beschimpft und geschubst und die Situation habe sich hochgeschaukelt, bis schließlich einer aus der Verfolgergruppe den Vater ins Gesicht geschlagen habe. Die Polizeidienststelle sei erst von einem anonymen Anwohner informiert worden, als der Streit schon in vollem Gange gewesen sei. Einige Zeit später sei dann der Notruf des verletzten Vaters eingegangen. "Die Situation ist nicht einfach. Man ist in einem großen Dilemma", sagt die Vorsitzende des Freisinger Kinderschutzbundes, Eva Bönig. Schließlich würden Bürger immer wieder dazu aufgerufen, mehr Zivilcourage zu zeigen, wie zum Beispiel auf den Plakaten des Weißen Rings, eines Vereins zur Hilfe für Kriminalitätsopfer.

Vorsicht sei gut, blinder Aktionismus dagegen nicht, sagt Bürgermeisterin Eva Bönig

Obwohl man sich in Freising einig zu sein scheint, dass der vorschnelle Übergriff auf den Vater zu weit gegangen sei, wollte die Gruppe offenbar mit ihrer Aktion das Mädchen schützen. "Vorsicht ist immer gut", sagt dazu Eva Bönig, "aber dieser blinde Aktionismus ist eindeutig nicht die richtige Vorgehensweise." Sie ist vielmehr der Meinung, die Situation hätte entschärft werden können, wenn man den Mann nicht gleich als Pädophilen beschimpft hätte, sondern ruhig auf ihn zugegangen wäre. Vor allem ist es Eva Bönig wichtig, immer zuerst das Kind, also das vermeintliche Opfer, in Sicherheit zu bringen. Sofort Gewalt anzuwenden, sei der falsche Weg, sagt sie. "Wer zuschlagen kann, kann auch ein Kind in Sicherheit bringen."

Eva Bönig spricht sich vehement gegen die Selbstjustiz aus, welche die Angreifer geübt hätten: "Jeder hat heute ein Mobiltelefon bei sich. Wenn die Situation zu eskalieren droht, sollte man immer zuerst die Polizei verständigen und nicht selbst eingreifen." Allerdings fordert Eva Bönig auch Wachsamkeit und Vorsicht. "Es ist traurig, aber so etwas ist über die Jahre immer wieder in Freising vorgekommen." Meistens sei es aber leider umgekehrt gewesen und die Bürger hätten zu lange nur zugesehen, sagt sie.