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Zwischenbilanz:Nicht ganz im Trend

Unternehmens-Insolvenzen stagnieren bayernweit auf niedrigem Niveau - trotz Corona. Im Landkreis Freising ist im Februar allerdings eine Zunahme verzeichnet worden und auch bei den übrigen Schuldnern steigen die Zahlen

Von Alexandra Vettori

Was Corona-Schäden anbelangt, zeigt die bayerische Insolvenz-Statistik noch kein allzu dramatisches Bild - allerdings auch noch kein belastbares. Die Unternehmens-Insolvenzen stagnieren weiter auf niedrigem Niveau. Die Zunahme im privaten Sektor gehe, so sagt es das Landesamt für Statistik, vor allem auf eine Änderung des Insolvenzrechts im Vorjahr zurück. Bei den übrigen Schuldnern, zu denen auch Selbständige gehören, steigen die Zahlen dagegen. Im Landkreis Freising verläuft der Trend ohnehin ein wenig anders: Hier war im Februar eine Zunahme in allen drei Bereichen zu verzeichnen.

Bei der Schuldnerberatung der Freisinger Caritas, wo man auch mit Privatpersonen zu tun hat, die vor der Insolvenz stehen, geht man davon aus, dass es im Laufe des Jahres und spätestens nächstes Jahr zu mehr privaten Fallen von Zahlungsunfähigkeit wegen Corona kommen wird. Markus Mehner ist Caritas-Fachdienstleiter Soziale Dienste und einer von drei Schuldnerberatern. Eine solche Beratung ist Voraussetzung für einen Insolvenzantrag, weil dabei bescheinigt wird, dass eine außergerichtliche Einigung mit den Gläubigern gescheitert ist und nur der Gang zum Gericht bleibt. Wo man bei der Caritas bereits mehr Aufkommen spüre, sei bei der niedrigschwelligen Telefonberatung, erzählt Mehner.

Bayernweit hielt das Landesamt für Statistik im Februar 2021 insgesamt 821 Verbraucherinsolvenzen fest. Dass im Februar das Niveau des Vorjahres um über 93 Prozent überschritten wurde, erklärten die Statistiker mit dem geänderten Insolvenzrecht. Im Juli 2020 nämlich wurde ein Regierungsentwurf zur Verkürzung des Restschuldbefreiungsverfahrens von sechs auf drei Jahre veröffentlicht. Für die Schuldner bedeutete das die Aussicht, künftig nur noch drei Jahre lang ein Insolvenzverfahren führen zu müssen, bis die Restschuld ausgesetzt würde, statt wie bisher sechs. Viele warteten also erst mal ab, bis die Neuerung durch war. So ging bayernweit die Zahl der Verbraucherinsolvenzen von 451 Verfahren im Juni 2020 auf 105 Verfahren im September 2020 zurück und blieb bis November des Vorjahres auf ähnlich niedrigem Niveau. Erst im Dezember stellte sich mit Bekanntwerden des Inkrafttretens des Gesetzes zum 1. Januar 2021 ein deutlicher Anstieg um 43,8 Prozent und von Dezember 2020 auf Januar 2021 um 76 Prozent ein. Im Landkreis Freising zählte man in diesem Februar 19 Verbraucherinsolvenzen, im Jahr davor noch neun. Damit liegt Freising klar vor den Nachbarlandkreisen München mit 13 Privatinsolvenzen und Dachau mit zwölf.

Die Zahl der übrigen Schuldner, darunter fallen auch ehemals Selbständige, hat sich im Landkreis Freising ebenfalls erhöht. Fünf waren es im Februar dieses Jahres, zwei im Februar des Vorjahres. Dass Selbständige unter Corona leiden, bestätigt auch Schuldnerberater Markus Mehner. Unter den Anrufern seien immer wieder auch Solo-Selbständige oder Kurzarbeiter, die langsam ihre Ersparnisse aufgebraucht hätten und auf die Zahlungsunfähigkeit zusteuerten.

Landesweit gehen die Zahlen ebenfalls nach oben. So wurden im Februar 2021 insgesamt 1139 Verfahren durch übrige Schuldner in Bayern beantragt, 65,6 Prozent mehr als im Februar 2020. Im Januar dieses Jahres waren es noch 721 Verfahren.

Besser sieht es bei den Firmen aus. In Bayern zählte man im Februar 156 Unternehmensinsolvenzen, das war im Vergleich zum Vormonat ein Anstieg um 13 Prozent, im Vergleich zum Februar 2020 aber ein Rückgang um 25 Prozent. Daraus darf man jedoch nicht den Schluss ziehen, dass es den Firmen so gut gehe. Denn im bundesweit gültigen "Gesetz zur Abmilderung der Folgen der Corona-Pandemie im Zivil-, Insolvenz- und Strafverfahrensrecht" wird die Insolvenzantragspflicht zeitweise ausgesetzt. Wer nachweisen kann, dass die Corona-Maßnahmen zur Zahlungsunfähigkeit geführt haben, muss keine Insolvenz anmelden.

Entsprechend verzeichnete man bayernweit von April 2020 bis Februar 2021 insgesamt 535 Verfahren oder 22,9 Prozent weniger als im gleichen Vorjahreszeitraum. Im Landkreis Freising zeigte sich in diesem Februar allerdings eine Zunahme im Vergleich zum Vorjahr: Heuer meldeten vier Unternehmen Insolvenz an, im Februar 2020 waren es noch zwei. Die aktuellen Zahlen, da ist man sich in Fachkreisen einig, zeigen noch nicht die tatsächlichen Corona-Schäden, das dürfte erst der Fall sein, wenn die staatlichen Hilfen und Ausnahmeregelungen auslaufen.

© SZ vom 19.04.2021
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