Zweiter Weltkrieg:Moderator Robert Lembke: Versteckt in Fürholzen

Lammerhof 1936

Hier war Robert Lembke von September 1944 bis Kriegsende versteckt. Heute steht nur noch die Scheune im hinteren Bereich.

(Foto: Privat)

Robert Lembke, der später als Fernseh-Moderator Karriere macht, taucht in der Nazi-Zeit auf dem Lammer-Hof unter. Bei Kriegsende bewahrt er den Ort vor Zerstörung.

Von Alexandra Vettori, Fürholzen

Vor allem älteren Semestern ist Robert Lembke ein Begriff. Von 1949 an arbeitete er beim Bayerischen Rundfunk, war Hörfunkchef, stellvertretender Chefredakteur und als Assistent von Sportmoderator Herbert Zimmermann bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 und dem legendären Wunder von Bern dabei. Einem Millionenpublikum aber wurde er durch 337 Folgen von "Was bin ich?" im Ersten Deutschen Fernsehen bekannt. In dem Format versuchten Prominente, durch Ja-Nein-Fragen den Beruf eines Kandidaten zu erraten.

Was allerdings kaum jemand weiß, ist, dass sich der Mann, der später als Fernsehmoderator Karriere macht, während des Zweiten Weltkriegs in Fürholzen vor den Nazis versteckt hat und beim Einmarsch der Amerikaner das Dorf vor der Zerstörung bewahrt hat. "Es gibt keine schriftlichen Quellen, nur Gesprächspartner", erzählt der Fürholzer Heimatforscher Ernst Keller, der die Geschichte festgehalten hat. Danach taucht in den Kriegswirren im September 1944 ein unbekannter Mann in Fürholzen auf, Robert Lembke. Die Bauern halten ihn für einen desertierten Soldaten, doch bald erfahren sie, dass man ihn aus rassischen Gründen verfolgt. Denn Lembke ist Halbjude, sein jüdischer Vater ist schon 1936 nach Großbritannien geflüchtet. Nach Fürholzen ist Lembke gekommen, weil dort bereits seine Frau Mathilde, geborene Berthold, mit Tochter Ingrid bei ihrem Onkel, dem "Lammer-Bauern" Eberhard Berthold, untergeschlüpft ist.

Alle kennen Lembkes Geschichte, alle halten dicht

Nun beginnt für Robert Lembke ein gewagtes Doppelleben. Einquartiert auf dem Lammer-Hof spielt er für die im Dorf regelmäßig verkehrende SS einen Evakuierten, der seiner Familie gefolgt ist. Auch die Waffen-SS der Flakstellung an der Autobahn ahnt nicht, dass der Mann, der sie ab und zu an der Geschützstellung besucht, von der Gestapo gesucht wird. Lembke bewegt sich frei im Dorf, alle wissen um seine Geschichte, und alle halten dicht. Nur wenn Soldatentransporte durch Fürholzen ziehen, versteckt er sich vorsichtshalber in einem Bretterverschlag zwischen Wohnhaus und Stall. "Es war auch eine riskante Sache für die Leute im Dorf", weiß Heimatforscher Keller, eine Zeitzeugin war später überzeugt, "wir wären alle nach Dachau gekommen."

Doch als am 29. April 1945 amerikanische Panzer auch auf Fürholzen zurollen, revanchiert sich Robert Lembke. Er nimmt eine weiße Fahne, geht den Truppen entgegen, und versichert, das Dorf sei friedlich, habe ihn, den Halbjuden, monatelang versteckt gehalten. "Er war auch der Einzige in Fürholzen, der Englisch konnte", fügt Keller hinzu.

"Die Leute haben gebibbert"

Bei den Amerikanern herrscht allerdings höchste Alarmstufe, "die Gegend war vorbelastet", erklärt Keller. Im Juli 1944 nämlich war ein amerikanischer B-17-Bomber von der Flak-Stellung an der Autobahn abgeschossen worden und in Ottenburg abgestürzt. Der Pilot starb beim Absturz, acht Soldaten überlebten dank ihrer Fallschirme. Entgegen der Genfer Konvention gab der Freisinger NSDAP-Kreisleiter Villechner den Befehl, die Männer zu erschießen. So wurden ein Soldat an Ort und Stelle, zwei in Eching und einer in Hochbrück getötet. "Zwei Zeitzeugen haben die Fallschirme niedergehen sehen", weiß Keller, den Rest der Geschichte hat er erst später erfahren, schließlich stammt er selbst aus Fürholzen. "Es hat einige Zeit gedauert, bis mir die Leute das erzählt haben. Vor der Kamera nicht, aber auf Tonband". In Eching sei der Soldat ungefähr dort erschossen worden, wo heute Ikea ist, am Bahnposten 13. "Dort war ein Bub, der die Erschießung beobachtet hat", so Keller. Auch bei den Dachauer Prozessen Ende der 1940er Jahre kam der Fall zur Sprache, zwei Kriegsverbrecher wurden dafür verurteilt, die Akten samt Zeichnungen sind im Staatsarchiv, wo Keller sie eingesehen hat. Der NSDAP-Kreisleiter Villechner aber verschwand zunächst, tauchte später wieder in Freising auf, wo er sich 1959 erhängte.

"Ein Schuss, wenn fällt, dann steht in diesem Ort kein Haus mehr", sollen die amerikanischen Soldaten denn auch gesagt haben, als Lembke sie mit seiner weißen Fahne empfing. "Die Leute haben gebibbert", erzählt Keller, schließlich habe niemand gewusst, ob nicht noch irgendwo Nazis versteckt waren. Doch nichts passierte, obwohl die Amerikaner noch einige Tage in Fürholzen blieben. "Lembke auch, und dann ist er mit dem Rad nach München gefahren", weiß der Heimatforscher. Ein paar Mal noch ist er nach Fürholzen gekommen und hat der Lammer-Mutter Pralinen gebracht und mit den Bauern geschafkopft.

© sz.de/nta
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