bedeckt München
vgwortpixel

Zu viel Wasser:"Da war nichts mehr zu steuern"

Gegen ein Extrem-Hochwasser gibt es in Freising keinen effektiven Schutz. Die verästelten Moosach-Arme können nicht umgeleitet werden. Abhilfe würden nur Dämme bringen und womöglich mobile Schutzelemente. Die aber sind sehr teuer.

Das Stadtgebiet von Freising ist durchzogen von einem komplizierten Gewässernetz. Es ist miteinander verbunden, auch über verschiedene Wehre und Schleusen, über die im Ernstfall der Wasserfluss gesteuert werden kann. Hätte man so womöglich die Überflutung der Gartenstraße und der Fabrikstraße verhindern können? Oder hat man sie bewusst in Kauf genommen, um die Altstadt vor dem Hochwasser zu bewahren? Vertreter des Wasserwirtschaftsamts und der Stadt verneinen das. "Da war mit der Steuerung nichts mehr zu machen, die Wehre waren komplett überflutet, es war einfach zu viel Wasser", schildert Bernhard Knopek, technischer Leiter der Freisinger Stadtentwässerung.

Auch Winfried Adam, als Bauoberrat im Wasserwirtschaftsamt zuständig für die Moosach in Freising, ein Gewässer zweiter Ordnung, bestätigt das. "Die Moosach-Steuerung lief wie immer in einem solchen Fall", berichtet er. Seit jeher werde dann das Wasser von der Stadtmoosach weggeleitet. Die fasse eben nur vier Kubikmeter pro Sekunde. Bei der Targobank an der Korbinianskreuzung könnten über einen unterirdischen Düker, also ein Rohr, weitere vier Kubikmeter pro Sekunde zur Schleifermoosach abgeführt werden. Problematisch sei, dass in die Stadtmoosach an dieser Stelle der Thalhauser Graben und der Wippenhausener Graben fließen würden, die nach den tagelangen Regenfällen selbst nichts mehr hätten aufnehmen können. Wenn nun diese beiden Bäche zusammen mit zehn Kubikmetern pro Sekunden einströmen, könne man sich ausrechnen, dass das Fassungsvermögen der Stadtmoosach nicht ausreiche. "Ich habe Bilder von der Fischergasse gesehen, da hat nicht mehr viel gefehlt, bis sie dort über die Ufer getreten wäre", so Adam weiter. Im Hochwasserfall werde nun zunächst bei einem bestimmten Wasserstand ein Klappwehr hinter Vötting automatisch umgelegt. Dann werde das Wasser in den Mühlangergraben geleitet, der auch Flutkanal genannt wird. Die zweite Schleuse, die per Hand geöffnet werde, sei die am Veitshof, von dort laufe das Wasser in die Herrenmoosach und nach der Öffnung des dritten Wehrs am Parkcafé in die Schleifermoosach, die direkte Verbindung zur Isar. Bedient würden die Schleusen von Bauhofmitarbeitern, so Bernhard Knopek. "Im Katastrophenfall bestimmt der jeweilige Einsatzleiter, wann das zu geschehen hat". In dem Zeitraum davor halte man sich an den von Adam beschriebenen Ablaufplan. "Dass wir die Innenstadt retten wollten, und die Gartenstraße dafür geopfert haben, das stimmt also nicht", versichert er.

Was kann man nun tun, damit es nicht noch einmal zu einer solche Katastrophe kommt? "Bei der Moosach überlege ich selbst hin und her, aber viel kann man nicht tun, außer Dämme zu bauen", so Adam. Gegen steigendes Grundwasser könnten die aber auch nichts ausrichten. Derzeit werde die Moosach komplett neu vermessen. Die EU habe eine neue Hochwasserrisikomanagementrichtlinie beschlossen, die das erfordere. Das mache eine österreichische Firma und mit deren Mitarbeiter sei er erst letztens fünf Stunden lang die Moosach abgelaufen. Vieles sei auch eine Kostenfrage. Häuser im Überschwemmungsgebiet könnten beispielsweise auch mit wasserdichten Kellern gebaut werden. "Aber nun nachzurüsten, kostet natürlich sehr viel Geld", so Adam.

Die Stadt selbst könne auch über die Anschaffung von mobilen Hochwasserschutzelementen nachdenken. Dazu gehören neben den übliche Sandsäcken auch Container- und Schlauchsysteme sowie unterschiedliche Stellwandsysteme, die aber auch sehr teuer seien. "Ob sich das lohnt, für ein Ereignis, mit dem man nicht unbedingt alle paar Jahre rechnen muss?" Auf jeden Fall werde man sich mit Vertretern der Stadt in der nächsten Zeit zusammen setzen und alles Revue passieren lassen. "Man muss sehen, was man noch besser machen kann, ob die Kommunikation richtig lief und vieles mehr. Man lernt ja aus allem", so Adam

Eines scheint klar: Die jüngste Hochwasserkatastrophe war eine Extremsituation. Bernhard Knopek, der seit 20 Jahren bei der Stadtentwässerung, kann sich nicht erinnern, dass die Gartenstraße einmal geflutet war. "Aus Erzählungen weiß ich nur, dass es wohl mal in den 1950er Jahren zu einem solchen Ereignis gekommen ist."