OrtsgeschichteDas Dorf Thann feiert sein 1000-jähriges Bestehen

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Das Dorf Thann, das zu Zolling gehört, feiert an diesem Wochenende sein 1000-jähriges Bestehen. Die Ortsgeschichte ist in einer Chronik festgehalten.
Das Dorf Thann, das zu Zolling gehört, feiert an diesem Wochenende sein 1000-jähriges Bestehen. Die Ortsgeschichte ist in einer Chronik festgehalten. (Foto: Marco Einfeldt)

Der heutige Ortsteil von Zolling wird erstmals 1024 in einer Urkunde erwähnt, die ein Tauschgeschäft besiegelt. Der Name legt nahe, dass der Ort in der Nähe eines Nadelholzwaldes gegründet worden war.

Von Peter Becker, Zolling

Der Name des Dorfes Thann im Norden von Zolling legt es nahe: Der Ort, der an diesem Wochenende sein 1000-jähriges Bestehen feiert, muss wohl als Siedlung in der Nähe eines mit Tannen oder anderen Nadelbäumen bewachsenen Waldstücks entstanden sein. So ist es in der Chronik nachzulesen, die inklusive Quellenangaben 193 Seiten umfasst. Zusammengetragen haben sie Georg und Elisabeth Obermeier sowie Irmi Wiesheu unter der fachlichen Betreuung der Historikerin Isabella Hödl-Notter.

Dass Thann vor 1000 Jahren zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde, verdankt es einem Tauschgeschäft. Das ist in einer Urkundenabschrift im Traditionsbuch der Freisinger Bischofskirche, dem „Codex commutationum“, dem „Buch der Tauschhandlungen“, nachzulesen. Ein Vogt namens Aribo hat laut Chronik einem Unfreien namens Dietolf einen Besitz der Freisinger Kirche in Thann, „in loco Tanna“, übergeben, im Gegenzug erhielt er ein ebenbürtiges Grundstück in Flitzing. Auf der Urkunde ist allerdings kein Datum erwähnt. Wann sie entstanden ist, legt die zeitliche Reihenfolge der Vögte nahe. So kam Theodor Bitterauf in seiner Bearbeitung der Traditionen des Freisinger Hochstifts zu der Ansicht, dass „in loco Tanna“ im Zeitraum zwischen 1024 und 1031 zum ersten Mal erwähnt worden war. Es wäre allerdings ein Trugschluss zu glauben, dass dort zuvor keine Menschen gelebt haben.

Mangels Erkenntnissen bleibt die Geschichte Thanns über das Mittelalter hinweg im Dunklen. Erst im Übergang vom Spätmittelalter bis zur Frühen Neuzeit gibt es wieder schriftliche Erwähnungen. Diesen zufolge taucht die Siedlung 1465 im Steuerbuch des Moosburger Landgerichts mit seinen dort beheimateten landwirtschaftlichen Gütern auf. Später gehörte die Siedlung zum Besitz des Landshuter Heilig-Geist-Spitals. Zwischen den Jahren 1583 und 1597 muss ein Besitzerwechsel stattgefunden haben. Thann wird 1597 der Hofmark Flitzing zugeschrieben, unterstand also der niederen Gerichtsbarkeit der Grafen von Flitzing.

1618 starb Heinrich von Flitzing, Erbe war sein Sohn Adam. Aus der Ehe mit Anna Rusina ging die Tochter Maria hervor. Als ihr Vater 1630 starb, fiel ihr das Familienerbe zu. In zweiter Ehe, ihr erster Mann war gestorben, heiratete die Witwe den Reichsgrafen Franz von Lodron. An dieses Adelsgeschlecht fielen die Thanner Güter.

Zu dieser Zeit wütete bereits der Dreißigjährige Krieg (1618 – 1648) in Bayern. Die Schweden fielen 1632 ein und hinterließen eine Spur der Verwüstung. Auch Thann wurde nicht verschont. Einige der 13 bis 18 Anwesen wurden niedergebrannt. Die schwedischen Soldaten begnügten sich nicht mit Plünderungen, heißt es in der Chronik. 1634 verheerten die Schweden ein zweites Mal Zolling und die umliegenden Dörfer. Der Freisinger Domdekan Johann Georg von Puech zählt als Folgen die Verödung von Feldern, Hungersnot und Pest auf. Zudem setzten nicht nur die schwedischen, sondern auch die bayerischen und kaiserlichen Truppen den Bauern zu. Erst siebzig Jahre später, heißt es in der Chronik, habe sich Thann vom Dreißigjährigen Krieg erholt und seine ursprüngliche Größe erreicht.

In Bildtafeln entlang der Stettner Straße lässt sich die Geschichte von Thann und seiner Höfe nachvollziehen.
In Bildtafeln entlang der Stettner Straße lässt sich die Geschichte von Thann und seiner Höfe nachvollziehen. (Foto: Marco Einfeldt)

Gemäß dem zweiten bayerischen Gemeindeedikt entstand nach dem Ende der napoleonischen Kriege die Gemeinde Anglberg, zu der Flitzing und Thann gehörten. Die rechtliche Aufsicht blieb bis 1830 in Haag und damit bei der Familie Lodron. Diese verkaufte ihren Besitz an Emmanuel Graf von La Rosée un der trat die rechtliche Aufsicht wohl 1834 an das Königreich Bayern ab.

Mit fünf Gefallenen kam Thann im Ersten Weltkrieg im Vergleich zu anderen Ortschaften glimpflich davon. Acht Männer waren am Ende des Zweiten Weltkriegs zu beklagen. Die Seelsorgeberichte des damaligen Pfarrers Michael Krönner gewähren Einsicht in das Alltagsleben in Zolling und Thann. Immer wieder waren Soldaten der Wehrmacht in Zolling einquartiert, die bei der Ernte oder Restaurationsarbeiten in den Kirchen halfen. So auch in Thann.

Im ländlich geprägten Thann mussten Kriegsgefangene Zwangsarbeit leisten

Großbritannien hatte 1940 mit der Bombardierung des Ruhrgebiets begonnen. 1942 trafen immer mehr Menschen aus Gelsenkirchen und Recklinghausen in Zolling ein. Besonders Kinder sollten vor den Luftangriffen geschützt werden. Im Zuge der Kinderlandverschickung waren Kinder und Jugendliche beim Gasthof Hörhammer in Zolling untergebracht. „Zeitzeugen berichten von der Unterbringung Evakuierter in Thann“, weiß die Chronik. Im ländlich geprägten Thann mussten Kriegsgefangene aus dem nahen Moosburger Stalag VII a Zwangsarbeit leisten. Für die Jahre 1941 bis 1943 sind sechs bis acht Kriegsgefangene verbürgt: Franzosen, Polen, Serben und Ukrainer.

Von 1943 an rückte das Kriegsgeschehen immer näher an Zolling und Thann heran. Pfarrer Krönner berichtet von einem Großangriff der alliierten Luftstreitkräfte in der Nacht zum 10. März auf München. „Das Bersten der Granaten und Bomben ist hörbar und auch spürbar bis heraus nach Zolling und Umgebung. Wie die Wände der Wohnungen zittern und die Häuser beben. Der Mörtel lockert sich vom Kirchendach, der Dachstuhl bebt.“

Die Kirche St. Ulrich war früher Ziel von Bittgängen. Davon zeugen heute noch Votivtafeln.
Die Kirche St. Ulrich war früher Ziel von Bittgängen. Davon zeugen heute noch Votivtafeln. (Foto: Marco Einfeldt)

Die Wallfahrtskirche St. Ulrich ist neben dem Wohnteil eines ehemaligen Kleinbauernhauses das zweite erhaltene Baudenkmal in Thann. Ihren gewissen Bekanntheitsgrad in der weiteren Umgebung verdankt sie einer Legende. Auf einem Acker des Bauern Hans Stettner befand sich demnach eine Eiche mit einem Abbild des heiligen Ulrich. Weil ihm der Baum zu viel Schatten auf seinen Acker warf, brachte der Bauer das Bildnis in die Zollinger Pfarrkirche, um anschließend die Eiche zu fällen. Wie durch ein Wunder erschien das Bild wieder auf dem Baum. Der Bauer fällte diesen deshalb mitsamt dem Bildnis – und erblindete plötzlich.

Zusammen mit seiner Frau gelobte Stettner zur Wiedergutmachung zu Ehren des Heiligen eine einfache Kapelle zu errichten. „Nach dem Versprechen erhielt der Bauer sein Augenlicht zurück“, heißt es in der Chronik. Er löste sein Versprechen ein. Dem Gnadenbild war eine große Kraft zugeschrieben worden. Viele Gläubige aus Thann und der Umgebung wandten sich Hilfe suchend an den heiligen Ulrich. Heinrich von Flitzing, so besagt eine Inschrift auf einem in der Kirche vorhandenen Gemäldezyklus, habe 1597 die einfache, aus Holz gebaute Kirche neu in spätgotischem Stil aus Stein erbauen lassen. Bis ins 20. Jahrhundert hinein fanden Bittgänge zum Schutz der Felder vor Hagel und Unwetter statt. Noch heute sind in der Thanner Kirche Votivtafeln zu sehen, die von der Wunderkraft des Bildes zeugen.

Seit 1597 hingen im Turm der Kirche St. Ulrich zwei Glocken. Die größere stammt aus der Münchner Gießerei Sixtus Steger. Die kleinere war der Gottesmutter Maria gewidmet. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie abgenommen und eingeschmolzen. 1955 kam als Ergänzung eine neu gegossene Glocke aus der Erdinger Gießerei Karl Czudnochowsky hinzu.

Die Reinlichkeit in der Ortskirche ließ zu wünschen übrig

Im 19. und 20. Jahrhundert muss es mit der Kirche nicht zum Besten gestanden haben. Ständig waren Renovierungen nötig. Das Bezirksamt Freising registrierte, dass wegen der schadhaften Umfriedung „bei Viehaustrieb Schweine und Schafe ungehinderten Zutritt bis zur Kirche hätten“. 1904 bemängelte die Behörde, „dass die Reinlichkeit in genannter Ortskirche sehr zu wünschen übrig lässt“. Der Hochaltar und dessen Umgebung sei mit einer Unmasse kleinerer Tierexkremente bedeckt, die wohl von Fledermäusen stammten. Die Kirche sei wohl lange Zeit nicht mehr gereinigt worden. Außerdem wurden „auf dem Kirchenchore der Ortskirche zu Thann dem Meßner gehörige Äpfel aufbewahrt [....]. Wenn diese Kirche auch sehr wenig benützt wird, so ist doch ihre Verwendung als Apfelkeller ausgeschlossen“.

Schäden am Glockenstuhl und dem Schindeldach waren dem Krieg mit den Erschütterungen durch die Bombenangriffe auf München und tief fliegenden Flugzeugen über der Kirche geschuldet. Erst 1948 und 1952 konnte das Kirchendach ausgebessert werden. Zuletzt wurde die Kirche St. Ulrich 1976 gründlich renoviert.

Ein Denkmal in Form eines Brunnens erinnert an das Jahr 1972, als die Gemeinde Anglberg und ihr Ortsteil Thann mit der Gemeinde Zolling verschmolz.
Ein Denkmal in Form eines Brunnens erinnert an das Jahr 1972, als die Gemeinde Anglberg und ihr Ortsteil Thann mit der Gemeinde Zolling verschmolz. (Foto: Marco Einfeldt)

Das Ende des Zweiten Weltkriegs verlief für Thann wenig spektakulär. Die vorrückenden amerikanischen Truppen hatten in der Umgebung der Straße von Thann nach Flitzing einige Flurschäden verursacht. Am Abend des 29. April stand Zolling unter Kontrolle der US-Armee. Am 26. Januar 1946 fanden die ersten Kommunalwahlen statt. In der Gemeinde Anglberg, zu der Thann gehörte, stimmten 95 Personen von 108 Wahlberechtigten für die CSU. Langsam erholte sich das gesellschaftliche Leben von den Folgen des Weltkriegs, vor allem nach der Währungsreform 1948.

Die landwirtschaftlich geprägte Umgebung von Zolling war in den Fünfzigerjahren einem starken Wandel unterworfen. Dafür hatten Technisierung und Modernisierung gesorgt. Viele kleine Betriebe gaben auf. Dem versuchte die Flurbereinigung der bayerischen Regierung Rechnung zu tragen. Aber erst 1974/1975 galt diese in der Gemeinde Anglberg als abgeschlossen. Dadurch vergrößerten sich die Fluren rund um Thann zwar „immens“, wie es in der Chronik heißt. Doch Hecken, Sträucher, Büsche und kleine Bäume, die früher die Grundstücke begrenzten, verschwanden. „Das bislang dort vorhandene Ökosystem ging zu einem erheblichen Teil verloren.“

Für einschneidende Veränderungen sorgte bis in die Siebzigerjahre hinein ebenso die Gebietsreform. Schon 1884 regte das Freisinger Bezirksamt an, doch die Gemeinde Anglberg mit Zolling zusammenzulegen. „Keine Zustimmung“, signalisierte Zolling. Knapp hundert Jahre später lehnte die Gemeinde Anglberg eine Zusammenlegung mit 4:3 Stimmen ab. Erst im Juni 1970 kam es zum Meinungsumschwung: Der Anglberger Gemeinderat stimmte zu und schloss sich Zolling an. Daran erinnert heute ein Denkmal vor dem Zollinger Rathaus.

An diesem Samstag, 29. Juni, spielen in der Festhalle auf dem Betriebsgelände der Firma Wiesheu & Wolf an der Stettnerstraße 6 die MusikantenTom und Basti. Beginn: 20.30 Uhr. Davor ist Florian Neufeld aus Palzing mit seiner „Wirtshausmusi“ zu hören. Der Festsonntag am 30. Juni startet mit einem Weißwurstessen für alle Bürger. Um 10 Uhr beginnt ein Festgottesdienst, danach gibt es Mittagessen. Die Ausstellung mit Bildtafeln von den Thanner Anwesen ist das ganze Wochenende an der Stettnerstraße zu sehen.

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