Süddeutsche Zeitung

Wintergarten für die Hühner:Kein Federpicken

Landwirt Alois Gandorfer aus Gammelsdorf wusste früh, dass er den Hof der Eltern einst übernehmen würde. Mit dem konventionellen Anbau war er vertraut. Dann wagte er die Umwandlung zum Biobetrieb

Alois Gandorfer, 24, konnte sich nie einen anderen Beruf als den des Landwirts vorstellen. Er wuchs als jüngstes von fünf Kindern auf einem Hof bei Gammelsdorf auf, der seit Jahrhunderten im Familienbesitz ist, und entschied sich für den Beruf "Fachkraft Agrarservice". Es war früh klar, dass er den Betrieb weiterführen würde, erinnert sich seine Mutter.

Dem jungen Mann, der die konventionelle Landwirtschaft von Kindesbeinen an kannte, kamen aber immer mehr Zweifel, ob diese Bewirtschaftung richtig sei. Als er 2013 den Biobetrieb Wasmeier bei Landau besuchte, der seit 30 Jahren nach ökologischen Richtlinien arbeitet, sei ihm klar geworden, dass nur diese Form der Landnutzung nachhaltig sei, sagt Gandorfer. Den enormen Ressourcenverbrauch in der konventionellen Landwirtschaft, die Versalzung der Böden und die Beeinträchtigung von Flora und Fauna habe er nicht länger mitmachen wollen.

Zudem wisse er aus Erfahrung, dass der Boden, der mit glyphosathaltigen Pflanzenschutzmitteln besprüht werde, kaum noch Leben in sich habe. "Man sieht doch im Acker, was danach passiert". Das Netzmittel, ein Bestandteil, durch den das Glyphosat an der Pflanze haftet, spiele die entscheidende Rolle, es setzte das Immunsystem der Pflanzen außer Gefecht. Bei einer Halbwertszeit von 274 Tagen akkumuliere sich die Substanz über die Wurzelausscheidungen und schädige die folgenden Kulturen. Die Pflanzen würden anfälliger, bräuchten mehr Dünger, mehr Pestizide und wesentlich mehr Wasser, sagt er.

Gandorfer entschied sich für die Fachschule für ökologischen Landbau in Schönbrunn und stellte den Betrieb mit 40 Hektar Ackerland auf Ökolandbau um. Beraten wurde er von Thomas Neumaier vom Naturlandverband. Er unterstützt ihn bis heute.

Der gesamte Maschinenpark wurde erneuert, denn von nun an musste das Wachstum der Beikräuter durch Striegeln und Hacken kontrolliert werden. Manche Beikräuter seien hingegen von Vorteil, sagt Gandorfer, da ihre Aminosäureausscheidungen zur Vielfalt im Böden beitrügen. Außerdem wachse auf seinen Feldern eine Untersaat, so seien die Böden immer mit Pflanzen bedeckt, die Stickstoff in die Erde lieferten.

Ursprünglich wurden auf dem Hof Schweine gemästet, später entstand ein Hühnerstall, in dem 11 500 männliche und weibliche Küken in drei Gruppen rund 60 Tage lang gemästet werden. Ein konventioneller Betrieb beginne erst ab 40 000 Tieren, erklärt Berater Neumaier den Unterschied. Sind die Tiere schlachtreif, würden sie abgeholt. Dann werde der Stall gründlich gereinigt und das Gemisch aus Kot, Zeolith-Gesteinsmehl und Strohpellets lande als wertvoller Dünger im Frühjahr auf den Feldern.

Gandorfer verwendet vor allem selbst erzeugtes Futter, das in einer nahe gelegenen Futtermühle aufbereitet wird. Die Felder bewirtschaftet er in einer vielfältigen Fruchtfolge, abwechselnd ergibt das Leguminosen-, Halm-, Blatt- und Hackfrüchte. Als Biolandwirt arbeitet er in einem Netz von Betrieben, die Küken liefern und Schlachthähnchen abnehmen. Der Absatz von Biogeflügel sei kein Problem mehr, meint Neumaier. Inzwischen liege es auch in den Regalen großer Supermärkte. Die Familie Gandorfer vermarktet die Hühner als "Holledauer Bio-Weidehähnchen".

Ein Biohuhn habe doppelt so lange wie ein konventionell gezüchtetes Huhn Zeit zu wachsen, sagt Gandorfer, ihm stehe doppelt so viel Platz zur Verfügung und es dürfe an die frische Luft und frei herumlaufen. "Sie kommen immer zurück" weiß der Bauer. Probleme mit Raubvögeln oder Füchsen, die sich eine Mahlzeit stehlen, gebe es bisher nicht.

Die Hühner sind sehr agil, haben schneeweißes Gefieder und kein Tier ist verletzt, wie es in konventionellen Betrieben durch Federpicken die Regel ist. Die Schnäbel sind kräftig und die Sohlen der Füße unbeschädigt. Denn auf die Strohpellets des Stallbodens streue er jeden Tag Gesteinsmehl, erklärt er, das binde Feuchtigkeit und Geruch. Daher stinke es in dem Stall kaum. Auch beim Fressen und Trinken sollen es die Tiere gut haben: Die Vorrichtungen sind höhenverstellbar, sodass die Tiere, auch wenn sie wachsen, im optimalen Winkel an die Nahrung gelangen. Das Allerwichtigste sei für den Landwirt aber die Tierbeobachtung. Morgens gehe er als erstes in den Stall, schaue nach, ob alle Hühner munter sind und die Tränke- und Futterzufuhr funktioniert.

Nicht nur auf die Tiere, auch auf die Böden ist der Ökobauer drei Jahre nach der Umstellung stolz. Eine Spatenprobe eines Feldes, auf dem ein Erbsen-Wickengemisch wächst, liefert ihm den Beweis, dass seine Entscheidung richtig war: Die Erde riecht gut, ist durchwurzelt, locker und voller Lebewesen.

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Quelle:
SZ vom 05.01.2018
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