Energiewende„Diese Windräder sind in Bürgerhand“

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Das erste Windrad der Bürger-Energiegenossenschaft Freisinger Land bei Kammerberg beschert regelmäßig reiche Erträge, 2024 waren es mehr als sieben Millionen Kilowattstunden.
Das erste Windrad der Bürger-Energiegenossenschaft Freisinger Land bei Kammerberg beschert regelmäßig reiche Erträge, 2024 waren es mehr als sieben Millionen Kilowattstunden. Marco Einfeldt

Die Freisinger Bürger-Energiegenossenschaft baut zwei Windkraftanlagen im Landkreis. Mit im Boot sitzt eine Genossenschaft aus dem Dachauer Land. Über ein Projekt, das Strom und irgendwann auch Geld in die Region fließen lässt.

Von Alexandra Vettori, Hohenkammer

Für ein Windrad in Bayern ist es flott gegangen: Im Herbst 2023 hat die Bürger-Energiegenossenschaft Freisinger Land den Pachtvertrag mit den Eigentümern eines Waldstücks nordwestlich von Hohenkammer unterzeichnet. Im Juni 2025 waren die beiden je 175 Meter hohen Windräder mit einem Rotordurchmesser von 175 Metern genehmigt. Läuft alles nach Plan, ist Anfang 2027 Baubeginn und Inbetriebnahme Ende 2027. Was wo genau entsteht, und wie man sich finanziell beteiligen kann, dazu gibt es in den nächsten Wochen Infoabende.

Bis jetzt, sagt Werner Hillebrand-Hansen, könne er nicht klagen, „schneller geht es im Moment nicht“. Er ist einer der zwei Vorsitzenden der Bürger-Energiegenossenschaft, kurz BEG, Freisinger Land. Am Widerspruch liegt die zähe Entstehungsprozedur nicht, keinerlei Protest hat sich erhoben. Das war beim ersten Windrad der BEG noch anders, dem in Kammerberg. Damals gab es wütenden Widerspruch bis hin zu aufgestochenen Autoreifen.

Hillebrand-Hansen erklärt den Unterschied auch mit der frühen Information. Das Kammerberger Windrad hat die Genossenschaft erst mit der Inbetriebnahme übernommen, da lag das Kind schon im Brunnen. Beim eigenen Projekt hat man es besser gemacht. Der erste Infoabend fand im Januar 2023 statt,  370 Menschen sind in die Turnhalle von Hohenkammer gekommen.

Es ist aber wohl auch die umfangreiche Bürgerbeteiligung, warum die Menschen das Projekt akzeptieren. Zu den verzinsten Darlehen, in denen Bürger ihr Geld anlegen können, ist Projektträgerin und spätere Betreiberin des Windparks Hohenkammer eine Genossenschaft. Ihre Anteilseigner kommen aus der Region, vor allem aus dem Landkreis Freising. Außerdem gehören im Fall der BEG Freisinger Land zu den gut 2000 Mitgliedern fast alle Landkreiskommunen, dazu der Landkreis Freising, lokale Betriebe und sogar Pfarreien.

Zusammenarbeit über die Landkreisgrenzen hinaus

In der künftigen Betreibergesellschaft sitzt zudem eine Energiegenossenschaft aus dem Nachbarlandkreis Dachau, liegt doch Hohenkammer unweit der Landkreisgrenze. Ernst Nold ist Vorsitzender der Genossenschaft Bürger-Energie „Hapevie“, die es seit 2014 gibt. Die Abkürzungen im Namen stehen für die Orte Haimhausen, Petershausen und Vierkirchen im östlichen Kreis Dachau. Persönliche Kontakte zur Freisinger Genossenschaft habe es schon früher gegeben, erzählt Nold, eine wirtschaftliche Zusammenarbeit sei aber Neuland.

Mit zehn Prozent ist die Hapevie an der Betreibergesellschaft des Windparks Hohenkammer beteiligt. Normalerweise betreibt die Hapevie mit ihren über 200 Mitgliedern eigene Projekte, eine Photovoltaik-Freiflächenanlage im Landkreis Eichstätt und Mieterstrom-Anlagen im Landkreis Dachau.  In Hohenkammer habe man sich engagiert, „weil das eine gute Sache ist, und wir Vertrauen in die BEG haben. Die haben ihre Erfahrungen“. Für die Energiewende, sagt Nold überzeugt, braucht es Windräder.

Die finanzielle Beteiligung am Bürger-Windpark Hohenkammer über Nachrangdarlehen steht allen BEG-Mitgliedern offen. Der Mindestbeitrag liegt bei 1000 Euro, die Laufzeiten betragen zehn und 20 Jahre.  Ist die Nachfrage höher als das Angebot, gilt das Windhundprinzip. Eine Ausnahme bilden Anwohner aus den am nächsten an den Windrädern liegenden Orten Hohenkammer, Petershausen und Reichertshausen: Für sie ist bis Mitte Oktober ein Viertel der Darlehenssumme reserviert.

Der Zeichnungszeitraum beginnt am 23. September. Wie hoch der Zinssatz ist, steht bisher nicht fest. Aktuell läuft die Ausschreibung der Bundesnetzagentur, erst wenn die BEG einen Zuschlag erhält, kann die Finanzkalkulation in trockene Tücher gebracht werden. Bis zum Start der Darlehenszeichnung wird aber Klarheit herrschen.

„Dann wollen wir wenigstens was davon haben“

Was die Bevölkerung anbelangt, beobachtet Werner Hillebrand-Hansen einen Einstellungswandel in Bezug auf Windenergie: „Die Leute sagen sich, wenn das Ding schon in unserer Gemeinde steht, dann wollen wir wenigstens was davon haben. Dann fließt der Gewinn nicht nach Düsseldorf oder Dubai, wo die Investoren sitzen.“ Bei einem anderen Windkraft-Projekt, das die BEG im Landkreis Fürstenfeldbruck laufen hat, seien die Darlehen in wenigen Tagen gezeichnet gewesen.

Solche Beteiligungen böten inzwischen zwar auch andere Investoren, räumt der Genossenschafts-Vorsitzende ein, „aber diese Windräder sind in Bürgerhand“. Auch die Genossenschaft gehöre Bürgern, und spätere Gewinne flössen in neue Projekte in der Region oder würden eben in diese ausgeschüttet.

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Einer, der trotzdem wenig Begeisterung für den Bürger-Windpark Hohenkammer aufbringen kann, ist der Bürgermeister von Petershausen, Marcel Fath. Seine Gemeinde liegt nur wenige Kilometer entfernt. Immerhin habe der Regionale Planungsverband auf seine anhaltende Kritik am Windkonzept für den Großraum München inzwischen reagiert: „Wir sind nicht mehr von vier Seiten von Windrädern umzingelt, sondern nur noch von drei Seiten“, sagt Fath mit sarkastischem Unterton. Auf ein Vorranggebiet haben die Planer in München verzichtet.

Die Informationsveranstaltungen zum Bürger-Windpark Hohenkammer finden am Donnerstag, 18. September, in der Grundschule Hohenkammer statt, am 27. September in der Sporthalle Petershausen und am  9. Oktober nochmals in der Grundschule Hohenkammer, jeweils um 19 Uhr.

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Von Petra Schnirch

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