Süddeutsche Zeitung

Weltmeisterschaft im Bankdrücken:Eine echt starke Frau

Eva Gall kann als Leiterin der Berufsfachschule für Krankenpflege in Freising auch eine sportliche Karriere vorweisen. Im Bankdrücken wurde sie im vergangenen Jahr sogar Vizeweltmeisterin.

Vor 30 Jahren nahm Eva Gall zum ersten Mal eine Langhantel in die Hand, sie fand Gefallen daran, packte nach und nach immer mehr Gewicht auf die Stange. "Bevor ich gewusst hab, dass Bankdrücken überhaupt ein Sport ist, habe ich 70 Kilo gedrückt", erzählt die 49-Jährige lachend. Was sie da noch nicht wusste: Für eine Frau ist das wahnsinnig viel. Vor 25 Jahren fing Eva Gall an, sich bei Wettbewerben mit anderen zu messen, im ersten Anlauf wurde sie bayerische und deutsche Meisterin. Bei der Weltmeisterschaft in Tokio holte sie kürzlich den vierten Platz im Bankdrücken.

"Ich hab mich geärgert, dass mir der dritte Platz durch die Lappen gegangen ist", sagt die Sportlerin bei einem Kaffee im Klinikum Freising. Dort arbeitet sie, Eva Gall ist Schulleiterin der Berufsfachschule für Krankenpflege. "Es war ein taktischer Fehler: Ich bin im letzten Versuch auf Nummer sicher gegangen und habe 107,5 Kilo gedrückt", erzählt sie. Dasselbe, was die Amerikanerin vor ihr auch drückte. Weil Eva Gall aber leichter ist, gewinnt sie die Wertung. Hier lag der Fehler: Was sie und ihr Trainerteam nicht im Blick hatten, war die Russin Aleksandra Iudintseva, die nach ihr an der Reihe war. Auch sie setzte 107,5 Kilo, auch sie drückte sie erfolgreich. Aber: Iudintseva wiederum ist 1400 Gramm leichter als Gall. Sie gewann damit den dritten Platz, die Landshuterin wurde Vierte.

Nach einer längeren Verletzungspause drückte Gall wieder 110 Kilo

Wenn die 49-Jährige auf ihre Karriere zurückblickt, muss sie keinesfalls unzufrieden sein: Etliche Bayerische und Deutsche Meisterschaften, zweimal wurde sie Vizeeuropameisterin, ein dritter Platz bei der WM 2006, im vergangenen Jahr wurde Gall sogar Vizeweltmeisterin. Obwohl es in ihrer langjährigen Karriere auch Rückschläge gab. "2006, nach der WM, hatte ich einen Bandscheibenvorfall. 2009 brach ich mir die Schulter bei einem Mountainbikesturz", sagt Gall. Beide Male kam sie wieder zurück, zu den Wettkämpfen und zum Erfolg. Nur neun Monate nach dem Bandscheibenvorfall wurde sie Vizeweltmeisterin, nach dem Schulterbruch musste sie mehrere Jahre Auszeit nehmen, weil die sich entzündete. "2014 kam ich dann zurück, und habe sofort wieder 110 Kilo gedrückt", so Gall stolz. Die 49-Jährige schiebt es auf gute Gene, aber auch auf das richtige Training. "Du musst intelligent trainieren, sonst bist du nach drei Jahren kaputt. Aber wenn du es richtig machst, kannst du Jahrzehntelang Kraftsport machen." Sie sagt das auch mit Verweis auf die WM in Tokio: Die älteste Teilnehmerin war 89 Jahre alt. Gall selbst ist schon 30 Jahre dabei. Sie tritt für den Stemmclub Bavaria 20 Landshut an, trainiert aber selbständig im Fitnessstudio in München. "Das ist so beim Kraftsport. Im Auswahlkader gibt es Trainingspläne, aber eigentlich macht man das alles für sich allein."

So hat das Bankdrücken bei Eva Gall damals auch angefangen. Mit 19 meldete sie sich im Fitnessstudio an, "alle anderen Frauen machten nur Bauch und Geräte". Der damals noch jungen Krankenschwester war das zu langweilig. "Da hab ich zur Langhantel gegriffen, mir abgeschaut, was die Jungs machen und losgelegt", erzählt Gall. Dass die 70 Kilogramm, die sie mit der Zeit auf der Bank drückte, viel waren, fiel ihr deshalb gar nicht auf - Männer schaffen schließlich viel mehr. Bis es ihr ein Schüler der Krankenstation in Deggendorf sagte. Dort war die heutige Schulleiterin noch Krankenschwester. "Der hat selber Kraftsport gemacht und war völlig perplex, als ich ihm das gesagt habe. Dann hat er mich gedrängt, ich müsse bei Wettbewerben mitmachen", sagt die Kampfsportlerin, die lange auch Kraftdreikampf gemacht hat, eine Kombination aus Bankdrücken, Kniebeugen und Kreuzheben. Die Entscheidung hat Gall bis heute nicht bereut. Und das, obwohl es im Bankdrücken auch auf Topniveau kein Geld gibt. Im Gegenteil, Turniere und die Reisen muss die 49-Jährige selbst zahlen. "Von den Ausgaben hätte ich mir schon einen guten Mittelklassewagen kaufen können", sagt sie. "Aber das ist es mit wert. Ich brauche den Wettkampf, um mich zu motivieren. Bei einem internationalen Turnier anzutreten, das ist ein Gefühl wie auf Drogen."

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SZ vom 10.07.2019/lada
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